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Auf den ersten Blick eine einfache Frage: Weshalb findet
Medienkunst – von bildmächtigen Videoprojektionen einmal abgesehen
– bis anhin kaum Eingang in die etablierten Institutionen?
Das ist leichter gefragt als beantwortet – wie sich auch an einem
Symposium in St. Gallen letzte Woche bestätigte. Die Stossrichtung
der Gastgeber selbst war bereits mit dem Titel des Unternehmens klargestellt:
«Mapping New Territories» auf Initiative des Bundesprogramms
Sitemapping ist als Aufruf zu verstehen. Der leicht martialische Unterton
umschreibt das Anliegen angemessen: die Verantwortlichen von Museen und
Kunstwissenschaft sollen sich endlich der nun bald zwanzigjährigen
Geschichte der künstlerischen Aneignung neuer Medien annehmen: die
Medienkunst vermessen, d.h. die wichtigsten Projekte hervorheben und zueinander
und zu andern Werken in Beziehung setzen.
Man lud zum international besetzten Symposium und ging zugleich mit gutem
Beispiel voran, indem Sitemapping gemeinsam mit [plug.in] und dem Team
vor Ort in der Neuen Kunst Halle St. Gallen eine Ausstellung aktueller
Schweizer Positionen einrichtete. Seht her: Es geht, es lassen sich auch
in einer Kunsthalle interaktive und prozessuale Projekte zeigen, sogar
ein Online-Kunstkanal lässt sich nutzbringend im Raum verankern.
Am letzten Wochenende nun also ein Symposium zu einer Frage, die vor allem
VermittlerInnen aus dem Umfeld der Medienkunst interessiert: Im Publikum
sassen die Verantwortlichen von Medien-Institutionen, -Förderinitiativen
und -Publikationen. Sollen sie sich einsetzen für den Einzug der
Medienkunst in die herkömmlichen Vermittlungsformate? Und lassen
sich die medienspezifischen Qualitäten überhaupt erhalten in
musealen Räumen, die sich seit den 80er Jahren fast ausnahmslos wieder
so hartnäckig auf’s Sehen in Andacht spezialisieren? Medienspezifisch
sind dabei nicht nur Interaktion, Virtualität und Prozess, auch der
politikkritische Impetus und die Bereitschaft der AutorInnen zur direkten
Auseinandersetzung mit dem Publikum und zur Schnittstelle mit Wirtschaft
und Wissenschaft sollten im Museumsraum nicht unters Eis schlittern.
   
Inke Arns, Co-Leiterin von Hardware in Dortmund
Dieter Daniels, Mitherausgeber von medienkunst.de
Lisette Smits, freie Kuratorin, bis vor kurzem Direktorin von Casco Utrecht
Das Podium am Vormittag moderierte Gianni Jetzer, Kurator der Neuen Kunst
Halle St. Gallen.
Auf dem Podium fanden sich grob gesagt die drei biografisch unterschiedlich
geprägte Positionen. Zum einen die MedienkunstaktivistInnen: Inke
Arns, neue Co-Leiterin von Hardware in Dortmund, und Dieter Daniels, Co-Initiant
u.a. von medienkunst.de, plädierten engagiert für medienspezifische
Vermittlung, die sich von der gängingen unterscheidet. Nicht statische
Repräsentation im Raum, sondern Festivals und Workshops entsprechen
dem diskursiven Charakter, der Open Source-Kultur von Netz- und Softwarekunst,
meinte Arns. Daniels will mit einer stets sich erneuernden Internetplattform
aktuelle Projekte nicht wie auf Papier, sondern inkl. Multimedialität
und Verlinkung beschreiben.
Auf der andern Seite Lisette Smits und Hans Rudolf Reust, die beide die
Gretchenfrage von Moderator Gianni Jetzer wohl hätten verneinen müssen:
Waren Sie je auf der Transmediale oder Ars Electronica? Lisette Smits
Programm für Casco in Utrecht ist jedoch wenig typisch für das
häufig austauschbare Namedropping vieler klassischer KuratorInnen.
Sie entdeckte früh und agil Strasse und Zeitung, diskursive Praxis,
Fragen des geistigen Eigentums als künstlerischen Handlungsraum.
Und führte so anschaulich vor Augen, wie selbst mit altertümlichem
Faxgerät sich viele der Ansprüche einlösen lassen, die
sich ambitionierte Medienkunstinstallationen inhaltlich vorknüpfen
- um dann nicht selten in technischen Experimenten sich zu verausgaben.
Hans-Rudolf Reust als Leiter der Kunstabteilung der Berner Fachhochschule
referierte klug über Beispiele konzeptueller Kunst, die via Verräumlichung
und Selbstreflexion von Präsentationsformen den Einzug in die Museen
vorführen. Leicht paternalistisch forderte er von der Medienkunst
Selbstreflexion und hybride Formen – seit ihren Anfängen da
mitunter bis zum Überdruss praktiziert. Reusts Vorschlag skizzierte
so zugleich eine mögliche Zukunft für Medienkunst im Museum,
wie auch, wie wenig Informiertheit sich selbst ein Kunstkritiker von solchem
Format heute noch leisten kann.
   
Hans-Rudolf Reust, Kunstkritiker, Leiter der Abteilung
Kunst an der Berner Fachhochschule
Annette Schindler, Direktorin von [plug.in], Kunst und Neue Medien Basel
Hans D. Christ, Co-Direktor des Stuttgarter Kunstverein
Das Podium vom Nachmittag moderierte Barbara Basting, Kunstkritikerin
beim Zürcher Tagesanzeiger.
Besonders interessant gewesen wäre, zum Thema des Symposium den
beiden Grenzgänger zwischen Bildender und Medienkunst auf den Zahn
zu fühlen – wozu im überladenen Programm wenig Zeit blieb.
Annette Schindler, deren anerkannte Spürnase für aktuelle politische
Fragen in der Kunst sie nach dem New Yorker Swiss Institute auch in eine
üppiger dotierte Kunsthalle hätte führen können, wagte
mit dem Aufbau von [plug.in] vor fünf Jahren den Sprung ins Off des
Kunstbetriebs. Und klopft nun sozusagen von aussen wieder an die Museumstüren,
z.B. indem sie den Ankauf von Netzkunst in öffentliche Sammlungen
vorbereitet. Sie gibt sich zuversichtlich: Das kulturelle Erbe umfasst
nun einmal auch Medienkunst – und das zu erhalten müssen und
werden die Museen in den kommenden Jahren leisten. Was wiederum der installativen
Medienkunst die Zeit gibt, inhaltlich zu reifen... Hans D. Christ wiederum
führte den wohl effizientesten Weg vor, Medienkunst ins Museum zu
tragen: Er ging erst mal selbst ins Establishment. Gemeinsam mit der langjährigen
Partnerin Iris Dressler übernahm er nach dem erfolgreichen Aufbau
von Hardware den traditionellen Stuttgarter Kunstverein. Hier werden sie
versuchen – wie er am Beispiel des katalanischen Künstlers
Muntadas erklärte – auch solche Kunst in den institutionellen
Zusammenhang zu übersetzen, die dessen Hierarchisierungen erfolgreich
hintertreibt. Ob sich solch' zeitintensive Präzision auch bei der
Arbeitslast und dem Repräsentationsdruck eines Direktorenamtes erhält?
Deutungsmacht fordert da oft einen hohen Preis.
Was ich persönlich mitnahm vom Symposium, neben der grossen Chance
solcher Veranstaltungen, den «virtuell» so präsenten
TextautorInnen im Realraum zu begegnen? Einen kritischen Rückblick
auf das so sympathische Projekt «Mapping New Territories»:
Wenn man ein solches Projekt mit dem Label «Medienkunst» wie
mit einem Warnschild betitelt, so holt man selbst bei solch' versammelter
Medienkunst-Prominenz nicht eine/n einzige/n einflussreiche/n KuratorIn
nach St. Gallen bzw. ins Boot. Diese sind aber die Schlüsselfiguren
für den Einzug in die Institutionen. Mit dem selben Budget hätten
sich womöglich in Zusammenarbeit mit verschiedenen KuratorInnen einzelne
Projekte realisieren lassen - am besten gleich auch noch eingebettet in
einen inhaltlich (statt formalen) Diskurs. Ein solch' agentenhaftes Unterjubeln
wäre wohl pragmatischer, hätte einen unmittelbaren Lernerfolg
- bedeutet aber den Verzicht auf das Self-Branding der eigenen Projekte,
das zur Sicherung finanzieller Mittel womöglich unentbehrlich geworden
ist.
«Medienkunst ist, wenn der Kurator im letzten Jahr die Transmediale
besucht hat.» Das Beispiel Gianni Jetzer, den man mit dem Projekt
«Mapping New Territories» köderte, lässt hoffen,
dass diese erstaunlich präzise soziale Definition von Medienkunst
womöglich bald überholt sein könnte.
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