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19.03.05
Gehört die Medienkunst ins Museum?
Annina Zimmermann
Ein Symposium in St. Gallen diskutierte Vorteile und Widerstände, aktuelle Medienkunst in etablierten Institutionen zu zeigen.

Auf den ersten Blick eine einfache Frage: Weshalb findet Medienkunst – von bildmächtigen Videoprojektionen einmal abgesehen – bis anhin kaum Eingang in die etablierten Institutionen?

Das ist leichter gefragt als beantwortet – wie sich auch an einem Symposium in St. Gallen letzte Woche bestätigte. Die Stossrichtung der Gastgeber selbst war bereits mit dem Titel des Unternehmens klargestellt: «Mapping New Territories» auf Initiative des Bundesprogramms Sitemapping ist als Aufruf zu verstehen. Der leicht martialische Unterton umschreibt das Anliegen angemessen: die Verantwortlichen von Museen und Kunstwissenschaft sollen sich endlich der nun bald zwanzigjährigen Geschichte der künstlerischen Aneignung neuer Medien annehmen: die Medienkunst vermessen, d.h. die wichtigsten Projekte hervorheben und zueinander und zu andern Werken in Beziehung setzen.

Man lud zum international besetzten Symposium und ging zugleich mit gutem Beispiel voran, indem Sitemapping gemeinsam mit [plug.in] und dem Team vor Ort in der Neuen Kunst Halle St. Gallen eine Ausstellung aktueller Schweizer Positionen einrichtete. Seht her: Es geht, es lassen sich auch in einer Kunsthalle interaktive und prozessuale Projekte zeigen, sogar ein Online-Kunstkanal lässt sich nutzbringend im Raum verankern.

Am letzten Wochenende nun also ein Symposium zu einer Frage, die vor allem VermittlerInnen aus dem Umfeld der Medienkunst interessiert: Im Publikum sassen die Verantwortlichen von Medien-Institutionen, -Förderinitiativen und -Publikationen. Sollen sie sich einsetzen für den Einzug der Medienkunst in die herkömmlichen Vermittlungsformate? Und lassen sich die medienspezifischen Qualitäten überhaupt erhalten in musealen Räumen, die sich seit den 80er Jahren fast ausnahmslos wieder so hartnäckig auf’s Sehen in Andacht spezialisieren? Medienspezifisch sind dabei nicht nur Interaktion, Virtualität und Prozess, auch der politikkritische Impetus und die Bereitschaft der AutorInnen zur direkten Auseinandersetzung mit dem Publikum und zur Schnittstelle mit Wirtschaft und Wissenschaft sollten im Museumsraum nicht unters Eis schlittern.


Inke Arns, Co-Leiterin von Hardware in Dortmund
Dieter Daniels, Mitherausgeber von medienkunst.de
Lisette Smits, freie Kuratorin, bis vor kurzem Direktorin von Casco Utrecht

Das Podium am Vormittag moderierte Gianni Jetzer, Kurator der Neuen Kunst Halle St. Gallen.

Auf dem Podium fanden sich grob gesagt die drei biografisch unterschiedlich geprägte Positionen. Zum einen die MedienkunstaktivistInnen: Inke Arns, neue Co-Leiterin von Hardware in Dortmund, und Dieter Daniels, Co-Initiant u.a. von medienkunst.de, plädierten engagiert für medienspezifische Vermittlung, die sich von der gängingen unterscheidet. Nicht statische Repräsentation im Raum, sondern Festivals und Workshops entsprechen dem diskursiven Charakter, der Open Source-Kultur von Netz- und Softwarekunst, meinte Arns. Daniels will mit einer stets sich erneuernden Internetplattform aktuelle Projekte nicht wie auf Papier, sondern inkl. Multimedialität und Verlinkung beschreiben.

Auf der andern Seite Lisette Smits und Hans Rudolf Reust, die beide die Gretchenfrage von Moderator Gianni Jetzer wohl hätten verneinen müssen: Waren Sie je auf der Transmediale oder Ars Electronica? Lisette Smits Programm für Casco in Utrecht ist jedoch wenig typisch für das häufig austauschbare Namedropping vieler klassischer KuratorInnen. Sie entdeckte früh und agil Strasse und Zeitung, diskursive Praxis, Fragen des geistigen Eigentums als künstlerischen Handlungsraum. Und führte so anschaulich vor Augen, wie selbst mit altertümlichem Faxgerät sich viele der Ansprüche einlösen lassen, die sich ambitionierte Medienkunstinstallationen inhaltlich vorknüpfen - um dann nicht selten in technischen Experimenten sich zu verausgaben. Hans-Rudolf Reust als Leiter der Kunstabteilung der Berner Fachhochschule referierte klug über Beispiele konzeptueller Kunst, die via Verräumlichung und Selbstreflexion von Präsentationsformen den Einzug in die Museen vorführen. Leicht paternalistisch forderte er von der Medienkunst Selbstreflexion und hybride Formen – seit ihren Anfängen da mitunter bis zum Überdruss praktiziert. Reusts Vorschlag skizzierte so zugleich eine mögliche Zukunft für Medienkunst im Museum, wie auch, wie wenig Informiertheit sich selbst ein Kunstkritiker von solchem Format heute noch leisten kann.


Hans-Rudolf Reust, Kunstkritiker, Leiter der Abteilung Kunst an der Berner Fachhochschule
Annette Schindler, Direktorin von [plug.in], Kunst und Neue Medien Basel
Hans D. Christ, Co-Direktor des Stuttgarter Kunstverein
Das Podium vom Nachmittag moderierte Barbara Basting, Kunstkritikerin beim Zürcher Tagesanzeiger.

Besonders interessant gewesen wäre, zum Thema des Symposium den beiden Grenzgänger zwischen Bildender und Medienkunst auf den Zahn zu fühlen – wozu im überladenen Programm wenig Zeit blieb. Annette Schindler, deren anerkannte Spürnase für aktuelle politische Fragen in der Kunst sie nach dem New Yorker Swiss Institute auch in eine üppiger dotierte Kunsthalle hätte führen können, wagte mit dem Aufbau von [plug.in] vor fünf Jahren den Sprung ins Off des Kunstbetriebs. Und klopft nun sozusagen von aussen wieder an die Museumstüren, z.B. indem sie den Ankauf von Netzkunst in öffentliche Sammlungen vorbereitet. Sie gibt sich zuversichtlich: Das kulturelle Erbe umfasst nun einmal auch Medienkunst – und das zu erhalten müssen und werden die Museen in den kommenden Jahren leisten. Was wiederum der installativen Medienkunst die Zeit gibt, inhaltlich zu reifen... Hans D. Christ wiederum führte den wohl effizientesten Weg vor, Medienkunst ins Museum zu tragen: Er ging erst mal selbst ins Establishment. Gemeinsam mit der langjährigen Partnerin Iris Dressler übernahm er nach dem erfolgreichen Aufbau von Hardware den traditionellen Stuttgarter Kunstverein. Hier werden sie versuchen – wie er am Beispiel des katalanischen Künstlers Muntadas erklärte – auch solche Kunst in den institutionellen Zusammenhang zu übersetzen, die dessen Hierarchisierungen erfolgreich hintertreibt. Ob sich solch' zeitintensive Präzision auch bei der Arbeitslast und dem Repräsentationsdruck eines Direktorenamtes erhält? Deutungsmacht fordert da oft einen hohen Preis.

Was ich persönlich mitnahm vom Symposium, neben der grossen Chance solcher Veranstaltungen, den «virtuell» so präsenten TextautorInnen im Realraum zu begegnen? Einen kritischen Rückblick auf das so sympathische Projekt «Mapping New Territories»: Wenn man ein solches Projekt mit dem Label «Medienkunst» wie mit einem Warnschild betitelt, so holt man selbst bei solch' versammelter Medienkunst-Prominenz nicht eine/n einzige/n einflussreiche/n KuratorIn nach St. Gallen bzw. ins Boot. Diese sind aber die Schlüsselfiguren für den Einzug in die Institutionen. Mit dem selben Budget hätten sich womöglich in Zusammenarbeit mit verschiedenen KuratorInnen einzelne Projekte realisieren lassen - am besten gleich auch noch eingebettet in einen inhaltlich (statt formalen) Diskurs. Ein solch' agentenhaftes Unterjubeln wäre wohl pragmatischer, hätte einen unmittelbaren Lernerfolg - bedeutet aber den Verzicht auf das Self-Branding der eigenen Projekte, das zur Sicherung finanzieller Mittel womöglich unentbehrlich geworden ist.

«Medienkunst ist, wenn der Kurator im letzten Jahr die Transmediale besucht hat.» Das Beispiel Gianni Jetzer, den man mit dem Projekt «Mapping New Territories» köderte, lässt hoffen, dass diese erstaunlich präzise soziale Definition von Medienkunst womöglich bald überholt sein könnte.

Symposium in der Ausstellung: Ausstellung
«Mapping New Territories»
Schweizer Medienkunst international
Neue Kunst Halle St. Gallen
Davidstrasse 40
9000 St. Gallen
bis 27. März 2005

Samstag, 12. März, 10.00 bis 18.30 Uhr
Symposium «Exposing Media Art»
Links: »Mapping New Territories