Spürhunde wider
den (un-)freiwilligen Konsum
Annina Zimmermann
In der Städtischen Galerie Karlsruhe
reflektieren neun kanadische KünstlerInnen den Körper als Quelle,
Widerhall, Sender und Widerstand elektromagnetischer Wellen.
Wie lange guckst du fern? - So drei, vier Stunden; ich
muss ja auch noch zur Schule, antwortet das Kind. Und was bringt dir das
Filme schauen? Nichts, meint arglos schulterzuckend ein befragter Junge.
Luc Gross, der diese Gespräche im Rahmen seines Projektes «Face»
führte, nimmt an, dass die Kinder zwar durchaus fühlen, dass
solch ungebremster Konsum problematisch ist. Nur fehlt ihnen der Rückhalt,
daran etwas zu ändern. Deshalb brachte Gross für sein Diplomprojekt
am Hyperwerk die «TV Turnoff Week» des kanadischen Magazins
adbuster nach Basel. Die Aktion ruft dazu auf, für eine Woche den
Fernseher auszuschalten (wobei anzumerken ist, dass die Kanadier offenbar
von einem Fernseher ausgehen, der im Normalzustand ständig in Betrieb
ist). Unter demselben Motto «Reclaim your mental environment»
lancierte adbuster auch den «Buy Nothing Day».
Der erste schweizerische TV Turnoff-Week: Aktivisten
verwickeln Passanten ins Gespräch und schreiten per Fernbedienung
gleich zur Tat.
Um Passanten zum TV-Verzicht und generell zum Überdenken ihres Technologie-Konsums
zu animieren, strömte Luc Gross’ Aktivisten-Truppe also ausgerechnet
aus dem Hyperwerk, der dicht verkabelten Niederlassung der FHBB am Basler
Totentanz, wo Gross sich derzeit zum Interaktionsleiter ausbildet. Ausgerüstet
waren die Uniformierten mit Flyern und einer Fernsteuerung, die in Läden
und offenen Fenstern Bildschirme auszuknipsen vermag. Und warum soll man
nicht fernsehen? Weil, findet Gross, man sich abschirmt, in einer Art
Parallelrealität wohnt. Selber behilft er sich mit Lowtech –
einem alten TV, der nur SF1 und 2 empfängt, und einem von Klebband
notdürftig zusammengehaltenen Handy. 2004 hat Luc Gross für
sich den texanischen Essayisten und Science-Ficition-Autoren Bruce Sterling
entdeckt. Sterlings düstere Visionen erdenken sich seit den 80er
Jahren die Folgen der Kommerzialisierung und Urbanisierung unserer Gesellschaften.
Das Öffentliche liegt demnach in der Hand der Konzerne und mit dem
Ausverkauf des Staates hat der einzelne die soziale, wirtschaftliche,
ja körperliche Sicherheit eingebüsst. Der technologische Fortschritt
hat nicht Wohlstand gebracht, wie in der Werbung versprochen, sondern
dient der allgemeinen Überwachung und Leistungssteigerung. Protagonisten
in Sterlings Szenarien sind die Aussenseiter, die ihr technisches Knowhow
zum Hacken nutzen, dabei aber eher widerwillig in die Rolle des Hoffnungsträgers
rutschen.
Luc Gross
Womöglich ist Luc Gross ein solcher Anti-Held? Der diplomierte Technopolygraf
arbeitete einige Jahre als Programmierer und weiss aus Erfahrung, wie
sehr der Bildschirm absorbieren und die Gespräche auf rein technische
Fragen und ein paar Witze einschränken kann. Die Lösung von
Problemen beim Codieren sei schon befriedigend, meint er, doch bleibe
meist ein Gefühl von Leere zurück. So hat er sich während
der Ausbildung am Hyperwerk zu haptischeren Erfahrung bekehrt und einem
sozialen Leben, das entschieden im realen Raum stattfindet. Dabei gehe
es ihm nicht um Prohibition, betont Gross, sondern um eine bewusstere
Dosierung des Konsums.
Für den dritten Teil seines Diplomprojektes entwickelte Gross einen
Roboter, dessen Lötstellen bei meinem Besuch gerade nochmals gesichert
werden mussten. Das kniehohe Maschinchen rollt durch den Raum, tastet
ihn per Antenne auf elektromagnetische Strahlen ab und interpretiert deren
Intensität. Um die Messung anschaulich zu vermitteln, trägt
der Roboter eine transparente, glockenförmige Haube. Sie erinnert
nicht nur an den rührend nostalgischen R2D2 aus Starwars, sondern
je nach Emissionsmenge wirbeln darin Styroporkügelchen wie die Schneeflocken
in einem Briefbeschwerer.
Aitu: ein Detektor für elektromagnetische Strahlung
Der Strahlensturm wird begleitet von einem Geräusch, das je nach
Menge wie Regen klingt – vom einzelnen Tropfen bis zum prasselnden
Wolkenbruch. Gross wünscht sich, einmal eine ganze Herde solcher
Strahlen-Roboter wie Spürhunde in der Strasse auszusetzen. Wer sonst
hat ein Interesse, die Menge elektromagnetischer Strahlung zu messen?
Ganz sicher nicht die Elektroindustrie und – so fürchtet man
– auch nicht der auf Steuern angewiesene Staat oder der aufs Handy
programmierte Konsument.
Luc Gross will auch nach dem Diplom weiter im Bereich Performance/Roboter
aktiv bleiben. Er gehört dabei zu den Autoren, die ihren Werkzeugen
neben der nötigen Begeisterung immer auch berechtigte Skepsis entgegenbringen.
Umso besser, wenn er das an seiner neuen Halbtagsstelle auch in die Forschung
der HGK Basel einbringt.