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19.09.05
Spürhunde wider den (un-)freiwilligen Konsum
Annina Zimmermann

In der Städtischen Galerie Karlsruhe reflektieren neun kanadische KünstlerInnen den Körper als Quelle, Widerhall, Sender und Widerstand elektromagnetischer Wellen.

Wie lange guckst du fern? - So drei, vier Stunden; ich muss ja auch noch zur Schule, antwortet das Kind. Und was bringt dir das Filme schauen? Nichts, meint arglos schulterzuckend ein befragter Junge. Luc Gross, der diese Gespräche im Rahmen seines Projektes «Face» führte, nimmt an, dass die Kinder zwar durchaus fühlen, dass solch ungebremster Konsum problematisch ist. Nur fehlt ihnen der Rückhalt, daran etwas zu ändern. Deshalb brachte Gross für sein Diplomprojekt am Hyperwerk die «TV Turnoff Week» des kanadischen Magazins adbuster nach Basel. Die Aktion ruft dazu auf, für eine Woche den Fernseher auszuschalten (wobei anzumerken ist, dass die Kanadier offenbar von einem Fernseher ausgehen, der im Normalzustand ständig in Betrieb ist). Unter demselben Motto «Reclaim your mental environment» lancierte adbuster auch den «Buy Nothing Day».


Der erste schweizerische TV Turnoff-Week: Aktivisten verwickeln Passanten ins Gespräch und schreiten per Fernbedienung gleich zur Tat.

Um Passanten zum TV-Verzicht und generell zum Überdenken ihres Technologie-Konsums zu animieren, strömte Luc Gross’ Aktivisten-Truppe also ausgerechnet aus dem Hyperwerk, der dicht verkabelten Niederlassung der FHBB am Basler Totentanz, wo Gross sich derzeit zum Interaktionsleiter ausbildet. Ausgerüstet waren die Uniformierten mit Flyern und einer Fernsteuerung, die in Läden und offenen Fenstern Bildschirme auszuknipsen vermag. Und warum soll man nicht fernsehen? Weil, findet Gross, man sich abschirmt, in einer Art Parallelrealität wohnt. Selber behilft er sich mit Lowtech – einem alten TV, der nur SF1 und 2 empfängt, und einem von Klebband notdürftig zusammengehaltenen Handy. 2004 hat Luc Gross für sich den texanischen Essayisten und Science-Ficition-Autoren Bruce Sterling entdeckt. Sterlings düstere Visionen erdenken sich seit den 80er Jahren die Folgen der Kommerzialisierung und Urbanisierung unserer Gesellschaften. Das Öffentliche liegt demnach in der Hand der Konzerne und mit dem Ausverkauf des Staates hat der einzelne die soziale, wirtschaftliche, ja körperliche Sicherheit eingebüsst. Der technologische Fortschritt hat nicht Wohlstand gebracht, wie in der Werbung versprochen, sondern dient der allgemeinen Überwachung und Leistungssteigerung. Protagonisten in Sterlings Szenarien sind die Aussenseiter, die ihr technisches Knowhow zum Hacken nutzen, dabei aber eher widerwillig in die Rolle des Hoffnungsträgers rutschen.


Luc Gross

Womöglich ist Luc Gross ein solcher Anti-Held? Der diplomierte Technopolygraf arbeitete einige Jahre als Programmierer und weiss aus Erfahrung, wie sehr der Bildschirm absorbieren und die Gespräche auf rein technische Fragen und ein paar Witze einschränken kann. Die Lösung von Problemen beim Codieren sei schon befriedigend, meint er, doch bleibe meist ein Gefühl von Leere zurück. So hat er sich während der Ausbildung am Hyperwerk zu haptischeren Erfahrung bekehrt und einem sozialen Leben, das entschieden im realen Raum stattfindet. Dabei gehe es ihm nicht um Prohibition, betont Gross, sondern um eine bewusstere Dosierung des Konsums.

Für den dritten Teil seines Diplomprojektes entwickelte Gross einen Roboter, dessen Lötstellen bei meinem Besuch gerade nochmals gesichert werden mussten. Das kniehohe Maschinchen rollt durch den Raum, tastet ihn per Antenne auf elektromagnetische Strahlen ab und interpretiert deren Intensität. Um die Messung anschaulich zu vermitteln, trägt der Roboter eine transparente, glockenförmige Haube. Sie erinnert nicht nur an den rührend nostalgischen R2D2 aus Starwars, sondern je nach Emissionsmenge wirbeln darin Styroporkügelchen wie die Schneeflocken in einem Briefbeschwerer.


Aitu: ein Detektor für elektromagnetische Strahlung

Der Strahlensturm wird begleitet von einem Geräusch, das je nach Menge wie Regen klingt – vom einzelnen Tropfen bis zum prasselnden Wolkenbruch. Gross wünscht sich, einmal eine ganze Herde solcher Strahlen-Roboter wie Spürhunde in der Strasse auszusetzen. Wer sonst hat ein Interesse, die Menge elektromagnetischer Strahlung zu messen? Ganz sicher nicht die Elektroindustrie und – so fürchtet man – auch nicht der auf Steuern angewiesene Staat oder der aufs Handy programmierte Konsument.

Luc Gross will auch nach dem Diplom weiter im Bereich Performance/Roboter aktiv bleiben. Er gehört dabei zu den Autoren, die ihren Werkzeugen neben der nötigen Begeisterung immer auch berechtigte Skepsis entgegenbringen. Umso besser, wenn er das an seiner neuen Halbtagsstelle auch in die Forschung der HGK Basel einbringt.

Links:

»Project «Face» von Lucas Gross
»Adbusters

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