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Gestern Abend wurden die Preise der «25th Viper»
vergeben. 2600 hatten sich beworben, knapp 200 wurden – wohl von
den beiden Direktorinnen – für die Auswahl nominiert. Die Jury
(Yael Bartana, Theus Zwackhals und Renatus Zürcher) arbeitete im
Verborgenen, da die Festivalleitung nicht kommunizierte, welche Arbeiten
insgesamt zur Auswahl standen. Die meisten wurden in den letzten Tagen
wohl ausgestellt oder aufgeführt, besonders jene aus dem Bereich
«Imagination». Das bewegte Bild, mitunter subtile Bilderzählungen,
dominierten neben den umfangreichen Screenings im Stadtkino auch die Ausstellung
in der Basler Kunsthalle: 17 sogenannte Videoessays teilten sich drei
Projektoren. Zu Loops montierte Videos und Animationen liefen non-stop
in kleinen, an der Wand befestigten Sharp-Monitoren. An einigen Stationen
konnte unter dem Stichwort «Interactive Cinema Projects» das
Publikum die Abspielfolge der gespeicherten Clips via Mausclick oder DVD-Bedienung
beeinflussen.
In der Kategorie «Transposition» trugen Marc Lee und Christoph
Ganser für ihr munteres «Open News Network» den Viper
Award nach Hause. (Vgl. dazu »unseren
Text vom letzten April.)
Laut Wettbewerbs-Ausschreibung ist die Kategorie «Imagination»
dem bewegten Bild gewidmet, die Kategorie «Processing» komplexeren
Interaktionen mit Life-Charakter; technologisch definierte Netzwerke wurden
unter «Transposition» gefasst. An den kurzfristig angesetzten,
jeweils zu Tagesbeginn hinter der Kasse ausgeschriebenen Präsentationen
wurden zum Teil Projekte vorgestellt, die im Festivalprogramm gar nicht
erwähnt wurden. Die Künstlerinnen und Künstler, auf gut
Glück und eigene Kosten angereist, versicherten dabei glaubhaft am
Wettbewerb teilzunehmen. Vielleicht wären da solche darunter gewesen,
die sich bemühen, das Publikum als Co-Autor einzubeziehen? Die immersive
Umgebungen schaffen, eigene Geräte oder Programmierungen entwickeln?
Sich in LANs einschreiben oder Trackingsysteme verwenden? Überhaupt
mitzureden wagen im Markt der Konsumentenelektronik, Überwachungstechnik,
Informations- und Distributionsmonopole? Nicht primär den Erfolg
im Kunstbetrieb suchen?
Ohne Katalog und mit einem Programmheft, das knapp die Titel nennt, hat
die Schreibende auch als hartnäckige Besucherin kaum Projekte entdeckt,
die auch nur dem eigenen Anspruch nach der Wettbewerbsausschreibung gerecht
würden. Über die Gründe lässt sich allenfalls spekulieren:
Entweder wurden sie, um Kosten zu sparen, am Festival nicht zur Realisation
gebracht und ausschliesslich der Jury in Dokumentationsform vorgelegt.
Oder sie wurden von den Direktorinnen gar nicht erst vorselektioniert,
zu Gunsten einer Fokussierung auf das bewegte Bilder. Die dritte aller
Möglichkeiten ist die problematischste: Das Festival hat bereits
zu viel Kredit verspielt, als dass die international ambitionierten, experimentellen
und avancierten ForscherInnen im Bereich neuer Technologien die Viper
als Plattform überhaupt noch attraktiv finden. Wer immer das Erbe
des 25jährigen Festivals antritt – und darüber wird in
Basel zur Zeit ja diskutiert –, wird sorgfältig auswählend
und freundlich werbend auf wichtige AutorInnen zugehen müssen.
Entsprechend fand die Jury in der Kategorie der Life-Prozesse keine Arbeit,
die das Niveau der gezeigten Film- und Videobeiträge erreichte. Als
«Transposition» wurde www.o-n-n.org ausgezeichnet, eine findige
Bauanleitung für Webmagazine, welche die privaten PCs aller ihrer
Mitglieder als Server nutzt und damit zugleich die Leseraufmerksamkeit
vervielfältigt. Marc Lee und Christoph Ganser präsentierten
sie letzten April im [plug.in]. Seither hat das «Open News Network»
nichts an Frische eingebüsst und kann von Microsoft-Usern auch tatsächlich
benutzt werden. Ob es den Alltagstest besteht oder doch eher Konzept bleibt,
ja eigentlich als konzeptueller Vorschlag auch am besten verstanden ist,
wird sich weisen.

Der Viper Award für «Imagination» geht an Hito Steyerls
Film «November» von 2004.
Den gesuchten Preis der besten bildlichen Arbeit im Bereich «Imagination»
wird der Österreicherin Hito Steyerl nachgeschickt für den 25-minütigen
Film «November» von 2004. Darin reflektiert Steyerl das Leben
ihrer Jugendfreundin Andrea Wolf, die als kurdische «Terroristin»
in Ostanatolien vermutlich von türkischen Sicherheitskräften
erschossen wurde. Die Ermordete erscheint in den Bildern eines Super 8-Films,
den die jungen Frauen mit 17 als eine Art feministische Kungfu-Fantasie
drehten. Steyerl montiert dazwischen die sexistischen Vorlagen, welche
sie damals übermütig persiflierten, und dokumentarische Bilder
von Demonstationen, die ein Plakat Andrea Wolfs als Martyrerin des kurdischen
Widerstandes mittragen. Und denkt aus dem Off über die weltweit in
der Popkultur zirkulierenden Bilder nach, welche revolutionäre Gesten
für die Jugend als Ersatzhandlung zum Konsum anbieten – die
ihre Freundin aber so sehr verinnerlichte, dass sie ihr Leben, ja ihren
Tod vorprägten. Dem Film gelingt so eine heikle Balance: Er analysiert
die Biografie einer Einzelnen als Symptom einer politisch verlorenen Generation.
Man verzeiht der Autorin die (erneute) Instrumentalisierung der Andrea
Wolf, da in ihrer Erzählung das Wissen um die Einzigartigkeit der
Freundin immer mitschwingt.

Der Swiss Award der Viper geht an Ursula Biemann
für «Contained Mobility» von 2004.
Auch der Swiss Award der Viper schliesslich geht an eine Filmerin, die
ihre Praxis mit theoretischer Kritik gängiger Repräsentationen
und Geschlechtsstereotypen verbindet. Während Hito Steyerl am Londoner
Goldsmith College unterrichet, ist Ursula Biemann Dozentin an der HGK
Zürich. Ihre Videoinstallation «Contained Mobility»,
produziert mit Unterstützung der Liverpool Biennale 2004, war an
der Viper im Museum für Gegenwartskunst projiziert – allerdings
zunächst ohne Synchronizität ihrer zwei Kanäle, so dass
sie zur Besuchszeit der Schreibenden ausser Betrieb war. Auch Ursula Biemann
gelingt oft eine vernetzte Lektüre individueller Schicksale vor dem
Hintergrund globaler Entwicklungen, in diesem Fall derjenigen von Mobiliät
und nationalen Ausschlussmechanismen, die sich gegenseitig steigern. Der
trockene Jargon der Politaktivistin (vgl. ihre »Selbstbeschreibung)
sollte nicht übersehen lassen, dass sie als Künstlerin eine
auch visuelle Sprache sucht, die der Vielschichtigkeit ihrer Wirklichkeitserfahrung
gerecht wird.
Die Jury favorisierte so künstlerische Statements zu politischen
Themen, formuliert in einer Art und Weise, wie sie alleine die gewählten
Medien zu leisten vermögen. Die Verbindung von gesellschaftlichem
Engagement und medialer Präzision, die zwei der Juroren aus Holland
eher geläufig ist, findet in der Schweiz (die Zürcher Shedhalle
einmal ausgenommen) in den Kunsthäusern erst wenig Widerhall und
schon gar keine Galerie. Mit ihrer Wertung verschiebt die Jury den Fokus
des Festivals als Ganzes: Während die Ausschreibung neben Film und
Video technologische Forschung und Life-Charakter angekündigt hatte,
bot das Festival in seiner Realisierung dann vor allem den Bilderzählungen
Raum.
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