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20.03.06
Von gesellschaftlichem Engagement und medialer Präzision
Annina Zimmermann

Die Jury setzt mit ihren Auszeichnungen am Festival Viper einen eigenen Akzent.

Gestern Abend wurden die Preise der «25th Viper» vergeben. 2600 hatten sich beworben, knapp 200 wurden – wohl von den beiden Direktorinnen – für die Auswahl nominiert. Die Jury (Yael Bartana, Theus Zwackhals und Renatus Zürcher) arbeitete im Verborgenen, da die Festivalleitung nicht kommunizierte, welche Arbeiten insgesamt zur Auswahl standen. Die meisten wurden in den letzten Tagen wohl ausgestellt oder aufgeführt, besonders jene aus dem Bereich «Imagination». Das bewegte Bild, mitunter subtile Bilderzählungen, dominierten neben den umfangreichen Screenings im Stadtkino auch die Ausstellung in der Basler Kunsthalle: 17 sogenannte Videoessays teilten sich drei Projektoren. Zu Loops montierte Videos und Animationen liefen non-stop in kleinen, an der Wand befestigten Sharp-Monitoren. An einigen Stationen konnte unter dem Stichwort «Interactive Cinema Projects» das Publikum die Abspielfolge der gespeicherten Clips via Mausclick oder DVD-Bedienung beeinflussen.


In der Kategorie «Transposition» trugen Marc Lee und Christoph Ganser für ihr munteres «Open News Network» den Viper Award nach Hause. (Vgl. dazu »unseren Text vom letzten April.)

Laut Wettbewerbs-Ausschreibung ist die Kategorie «Imagination» dem bewegten Bild gewidmet, die Kategorie «Processing» komplexeren Interaktionen mit Life-Charakter; technologisch definierte Netzwerke wurden unter «Transposition» gefasst. An den kurzfristig angesetzten, jeweils zu Tagesbeginn hinter der Kasse ausgeschriebenen Präsentationen wurden zum Teil Projekte vorgestellt, die im Festivalprogramm gar nicht erwähnt wurden. Die Künstlerinnen und Künstler, auf gut Glück und eigene Kosten angereist, versicherten dabei glaubhaft am Wettbewerb teilzunehmen. Vielleicht wären da solche darunter gewesen, die sich bemühen, das Publikum als Co-Autor einzubeziehen? Die immersive Umgebungen schaffen, eigene Geräte oder Programmierungen entwickeln? Sich in LANs einschreiben oder Trackingsysteme verwenden? Überhaupt mitzureden wagen im Markt der Konsumentenelektronik, Überwachungstechnik, Informations- und Distributionsmonopole? Nicht primär den Erfolg im Kunstbetrieb suchen?

Ohne Katalog und mit einem Programmheft, das knapp die Titel nennt, hat die Schreibende auch als hartnäckige Besucherin kaum Projekte entdeckt, die auch nur dem eigenen Anspruch nach der Wettbewerbsausschreibung gerecht würden. Über die Gründe lässt sich allenfalls spekulieren: Entweder wurden sie, um Kosten zu sparen, am Festival nicht zur Realisation gebracht und ausschliesslich der Jury in Dokumentationsform vorgelegt. Oder sie wurden von den Direktorinnen gar nicht erst vorselektioniert, zu Gunsten einer Fokussierung auf das bewegte Bilder. Die dritte aller Möglichkeiten ist die problematischste: Das Festival hat bereits zu viel Kredit verspielt, als dass die international ambitionierten, experimentellen und avancierten ForscherInnen im Bereich neuer Technologien die Viper als Plattform überhaupt noch attraktiv finden. Wer immer das Erbe des 25jährigen Festivals antritt – und darüber wird in Basel zur Zeit ja diskutiert –, wird sorgfältig auswählend und freundlich werbend auf wichtige AutorInnen zugehen müssen.

Entsprechend fand die Jury in der Kategorie der Life-Prozesse keine Arbeit, die das Niveau der gezeigten Film- und Videobeiträge erreichte. Als «Transposition» wurde www.o-n-n.org ausgezeichnet, eine findige Bauanleitung für Webmagazine, welche die privaten PCs aller ihrer Mitglieder als Server nutzt und damit zugleich die Leseraufmerksamkeit vervielfältigt. Marc Lee und Christoph Ganser präsentierten sie letzten April im [plug.in]. Seither hat das «Open News Network» nichts an Frische eingebüsst und kann von Microsoft-Usern auch tatsächlich benutzt werden. Ob es den Alltagstest besteht oder doch eher Konzept bleibt, ja eigentlich als konzeptueller Vorschlag auch am besten verstanden ist, wird sich weisen.


Der Viper Award für «Imagination» geht an Hito Steyerls Film «November» von 2004.


Den gesuchten Preis der besten bildlichen Arbeit im Bereich «Imagination» wird der Österreicherin Hito Steyerl nachgeschickt für den 25-minütigen Film «November» von 2004. Darin reflektiert Steyerl das Leben ihrer Jugendfreundin Andrea Wolf, die als kurdische «Terroristin» in Ostanatolien vermutlich von türkischen Sicherheitskräften erschossen wurde. Die Ermordete erscheint in den Bildern eines Super 8-Films, den die jungen Frauen mit 17 als eine Art feministische Kungfu-Fantasie drehten. Steyerl montiert dazwischen die sexistischen Vorlagen, welche sie damals übermütig persiflierten, und dokumentarische Bilder von Demonstationen, die ein Plakat Andrea Wolfs als Martyrerin des kurdischen Widerstandes mittragen. Und denkt aus dem Off über die weltweit in der Popkultur zirkulierenden Bilder nach, welche revolutionäre Gesten für die Jugend als Ersatzhandlung zum Konsum anbieten – die ihre Freundin aber so sehr verinnerlichte, dass sie ihr Leben, ja ihren Tod vorprägten. Dem Film gelingt so eine heikle Balance: Er analysiert die Biografie einer Einzelnen als Symptom einer politisch verlorenen Generation. Man verzeiht der Autorin die (erneute) Instrumentalisierung der Andrea Wolf, da in ihrer Erzählung das Wissen um die Einzigartigkeit der Freundin immer mitschwingt.


Der Swiss Award der Viper geht an Ursula Biemann für «Contained Mobility» von 2004.

Auch der Swiss Award der Viper schliesslich geht an eine Filmerin, die ihre Praxis mit theoretischer Kritik gängiger Repräsentationen und Geschlechtsstereotypen verbindet. Während Hito Steyerl am Londoner Goldsmith College unterrichet, ist Ursula Biemann Dozentin an der HGK Zürich. Ihre Videoinstallation «Contained Mobility», produziert mit Unterstützung der Liverpool Biennale 2004, war an der Viper im Museum für Gegenwartskunst projiziert – allerdings zunächst ohne Synchronizität ihrer zwei Kanäle, so dass sie zur Besuchszeit der Schreibenden ausser Betrieb war. Auch Ursula Biemann gelingt oft eine vernetzte Lektüre individueller Schicksale vor dem Hintergrund globaler Entwicklungen, in diesem Fall derjenigen von Mobiliät und nationalen Ausschlussmechanismen, die sich gegenseitig steigern. Der trockene Jargon der Politaktivistin (vgl. ihre »Selbstbeschreibung) sollte nicht übersehen lassen, dass sie als Künstlerin eine auch visuelle Sprache sucht, die der Vielschichtigkeit ihrer Wirklichkeitserfahrung gerecht wird.

Die Jury favorisierte so künstlerische Statements zu politischen Themen, formuliert in einer Art und Weise, wie sie alleine die gewählten Medien zu leisten vermögen. Die Verbindung von gesellschaftlichem Engagement und medialer Präzision, die zwei der Juroren aus Holland eher geläufig ist, findet in der Schweiz (die Zürcher Shedhalle einmal ausgenommen) in den Kunsthäusern erst wenig Widerhall und schon gar keine Galerie. Mit ihrer Wertung verschiebt die Jury den Fokus des Festivals als Ganzes: Während die Ausschreibung neben Film und Video technologische Forschung und Life-Charakter angekündigt hatte, bot das Festival in seiner Realisierung dann vor allem den Bilderzählungen Raum.

   
Links:

»Zum «Open News Network» von Marc Lee und Deivan Gore
»Unsere Besprechung von ONN vom 27. April 2005
»Zu Hito Steyerl, Gewinnerin der Kategorie «Imagination»
»So beschreibt die Shedhalle in ihrem empfehlenswerten Programm zu Postkolonialismus Steyerls Film «November»
»So beschreibt Ursula Biemann ihre Arbeit «Contained Mobility» (Swiss Award)
»Zu den Kategorien des Viper Wettbewerb