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20.06.06

«Easy Access» zu Kunst und Demokratie?
Villö Huszai

Ein Experiment der Zürcher Agentur Belleville in Südafrika

Die Neue-Medien-Firma Belleville tourt derzeit auf Einladung von Pro Helvetia mit ihrer Installation «RainbowNOTION» in Südafrika. «Die junge südafrikanische Demokratie wird mit einer Abstimmungs-Installation spielerisch getestet», so Bellevilles eigene Beschreibung der Aktion. Belleville ist während der Expo.02 entstanden und bewegt sich im Zwischenreich von Dienstleistung, Werbung und Kultur. Die Grossbank Crédit Suisse, aber auch die Zürcher HGKZ gehören zu ihren Kunden. Mit anderen Worten ist Belleville ein kleiner, aber exemplarischer Akteur der Schweizer Informationsgesellschaft und damit der hiesigen Wohlstandsgesellschaft – und «testet» nun die zehnjährige südafrikanische Demokratie «spielerisch»? Das ist ein ehrgeiziges Unterfangen und eine nähere Betrachtung durch clickhere.ch wert.


Abstimmung als «Windows-Shopping»: die Installation «RainbowNOTION» in Capetown

«RainbowNOTION» ist eine Art Abstimmungsmaschine für Passant/innen und wird, nach ersten zwei Stationen diesen Frühling nun ab 30. Juni in Grahamstown installiert sein. Sie besteht im Kern aus zwei sogenannten «Fotobots», aus zwei mit einem Rechner verkabelten Fotokameras. Dabei adaptieren Belleville eine eigentümliche Selbstentwicklung, die sie das erste Mal im Vorfeld und während der Expo.02 einsetzten: Der Fotobot lässt sich hinter jedem beliebigen Schaufenster installieren, das Bild bleibt jeweils hinter Glas und wandert direkt auf den Server von Belleville; via Internet-Zugang können die Passant/innen das Bild später abrufen. Die Expo-Nation schoss an 30 Standorten rund eine Million Selbstporträts. Für das Turiner Festival «Big Social Game» entwickelte Belleville den Fotobot noch im selben Jahr zur Abstimmungs-Maschine weiter: Je ein Fotobot stand nun für «si» oder «no» und dazwischen wurde in grossen Lettern eine Frage gestellt. Dieses Kunstprojekt hat Belleville nun für Südafrika adaptiert.

Global lesbare Frage-Anwort-Spiele - vor spezifisch lokalem Hintergrund
Die erste Station war ein Festival in Capetown im äussersten Süden des Kontinentes. Die Eingangssfrage lautete: «Should Cape Town become more African?» Das Ergebnis der Abstimmung lässt sich auf www.rainbownotion.com nachlesen: 1'796 PassantInnen haben die Frage mit «Ja», 1'225 mit «Nein» beantwortet. Sie hätten die Fragen spontan im Gespräch mit Leuten vor Ort entwickelt, , erklärt Andreas Kohli, der Belleville zusammen mit Martin Roth betreibt. Sie redeten mit Hotelbesitzern oder Taxifahrern und ihrem Übersetzer.


Zwischen Wirtschaftswerten und afrikanischer Solidarität: «Should Cape Town become more African?»

Capetown ist erstens eine Touristenmetropole und zweitens als Stadt Südafrikas ein Symbol der sogenannten «Leading Nation» des Kontinents. Kohli und Rot wollten erfragen, wie sich die Capetowner Passant/innen zu diesem Sonderstatus der eigenen Stadt stellen. Auf der zweiten Station, in der Universitätsstadt Oudtshoorn, lautete die Frage ganz ähnlich: «Is South Africa becoming like the Rest of Africa?». Unterschwellig zielt die Frage aber ganz konkret auf eine gerade aktuelle Diskussion in Presse und Strasse: Aufgrund des versäumten Ausbaus der Energieversorgung traten zu der Zeit gerade Strom-Engpässe auf. Entsprechend gross wardie Sorge, dass Südafrika seine Vorreiterrolle in Afrika unter der jetzigen schwarzen Regierung nicht würde halten können und dieselben Probleme bekäme wie der Rest des Kontinentes. 4779 haben die Frage bejaht, 6092 verneint.

Fragekunst für die Strasse statt...
In Grahamstown, der dritten und vorletzten Station von «RainbowNOTION», soll die Frage lauten, ob Aids mit Naturmedizin heilbar sei. Diese Frage zielt nun unmissverständlich mitten in ein maximal heikles Thema, quasi in den Intimbereich eines ganzen Kontinentes. Kohli sagt dazu: «Wir möchten eine Frage, die jeweils haarscharf daran vorbeischrammt, dass man sie mit Ja oder Nein wirklich beantworten kann. Sie soll innerlich eine solche Komplexität haben, dass es das Denken über die konkrete Ja-Nein-Antwort hinaus anregt.» Und: «Wir wollen die Leute nicht verletzen. Aber wir wollen sie auffordern, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen.» Die Fotobot-Aktion spricht die südafrikanischen Passant/innen so direkt an, wie nur noch die Plakatwerbung und andere Aufmerksamkeitshascher im öffentlichen Raum es vermögen. Ist es sinnvoll, dass Schweizer Künstler derartige Fragen stellen?

...statt elitärer Kunstbetrieb?
Ist es überhaupt Kunst, konkret «Kunst im öffentlichen Raum», was Kohli und Roth auf Einladung von Pro Helvetia in Südafrika unternehmen? Für Kohli ist das «zweitrangig»: Projekte mit Neuen Medien würden nicht in die gängigen Schubladen passen. So mache der Programmierer immer mehr, als was das Kunstsystem noch tolerieren könne. Die Technologie bestimme doch oft über Gebühr mit. Permanent werde der Kunstrahmen gesprengt: So könne jedermann ein Netzprojekt anschauen, es mache keinen Sinn, dass es jemand besitze. Die Frage nach dem Kunststatus ist für Kohli nicht so «irrsinnig spannend». Wichtig sei für sie vielmehr, was ihr Projekt im öffentlichen Raum auslösen könne. Pro Helvetia engagiere sie gerade dafür, dass der Fotobot den Sprung vom Museum auf die Strasse und damit in die Kommunikation mit breiteren Bevölkerungskreisen ermögliche: «RainbowNOTION» biete «easy access» statt Zugang nur für die Gebildeten und sei eine Ergänzung für das sonst eher elitäre Kulturprogramm von Pro Helvetia in Südafrika.
Beitrag zur jungen Demokratie?


Die Grafik der Netzplattform hat Belleville zusammen mit afrikanischen Kollegen entwickelt.

Die Gegenfrage der Kritikerin lautet: Generiert der Fotobot, dieses eigenartige Gebilde, wesentliches Verhalten? Verführt er seine Nutzer/innen nicht zu einem eher absurden, künstlichen Verhalten, das nur in Zusammenhang mit eben diesem «Fotobot» und keinesfalls im Kontext von so etwas Allgemeinem wie «Demokratie» Sinn macht? Tatsache ist, dass die Installation nicht nur an der Expo, sondern nun auch in Afrika eindrücklich grossen Anklang findet: In der ersten Nacht in Capetown wurden 1'000 Bilder gemacht, während an der Expo maximal 300 Bilder pro Tag auf den Server gelangten. Das bedeute, so Kohli, dass die Leute Schlange stehen mussten, was nicht ganz ihren Vorstellungen einer differenzierten Entscheidungsfindung entspreche. Überhaupt würden die Ergebnisse «noch einer Auswertung harren». Trotz dieser Bedenken ist Kohli doch grundsätzlich überzeugt, etwas beizutragen zur jungen südafrikanischen Demokratie wobei er selber einschränkt, dass ihre Initiative im Rahmen des Kulturellen bleibe, nicht als politische Aktion gewertet werden solle.

 
Projekt:

RainbowNOTION
entwickelt von der Zürcher Firma Belleville (Andreas Kohli und Martin Roth)

Tour durch Südafrika:
Capetown, The Cape Town Festival, 10. bis 24. März 2006
Oudtshoorn Klein Karoo Nasionale Kunstefees KKNK, 1. bis 8. April 2006
Grahamstown, 29th National Arts Festival, 30. Juni bis 8. Juli 2006
Johannesburg, 120 Anniversary of the City of Johannesburg, Oktober bis Dezember 2006

Links:

»www.rainbownotion.com
»www.belleville.ch