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20.03.06
Sturmhöhe
Verena Kuni

Zu Emanuelle Antilles Werkkomplex «Tornadoes of My Heart»

Es ist, als läge er die ganze Zeit schon in der Luft. Auch dann, wenn den Himmel noch kein Wölkchen trübt; sich ein strahlendblaues Zelt wie das Versprechen einer besseren Zukunft über die Szene breitet. Man schaut und weiss sofort, dass dieser Eindruck trügen könnte. Die Atmosphäre zittert bereits. Etwas ist da, das wird sich entladen müssen. Wie der Tornado, der später am Horizont erscheint, wächst es heran – spürbar, aber nicht wirklich zu greifen. Eine Ruhe, die zugleich höchste Anspannung ist.


aus: «Rollow» 2005

Um eben jene Ruhe vor dem Sturm geht es in Emmanuelle Antilles neuem Werkkomplex, dessen Titel «Tornadoes of My Heart» pathetisch klingen mag, aber doch passt. Denn der Spielfilm «Rollow» (2005, 103 min.) sowie die drei Videoinstallationen und die Fotografien, welche auf dem gedrehten Material basieren, handeln von einer Zeit, für die der innere Sturm in seiner ungebremsten Gewalt ebenso charakteristisch ist wie die angespannte Ruhe, die ihm vorausgeht. Ihr Protagonist, «Jack», ist 17 Jahre alt und die Bilder, die wir sehen, entführen uns in seine Welt und Innenwelten. Jack, der allein, mit seinem Skateboard öde Vorstadtperipherien durchstreift; Jack zusammen mit seinem besten Freund Lenny, stumme Verständigung und schwelende Konflikte, Drogen, harmlose Raufereien, die in Grausamkeit umschlagen, dann wieder in Zärtlichkeit; Jack, der vor dem Badezimmerspiegel seinen Körper und seine Läsionen betrachtet; Jack, der das Unglück seiner labilen Mutter nicht erträgt; Jack, der fort möchte und doch nicht einmal selbst weiss, wohin. Dazwischen: Strassen ins Nirgendwo, grüne Hügel und versengtes Gras: Die Seele ist ein weites Land und keiner kann sagen, wann der Tornado das nächste Mal darüber hinwegfegen wird. Es ist eine Zeit des Übergangs, in der sich Horizonte öffnen und sich zugleich die Grenzen mit schmerzhafter Deutlichkeit zeigen, an die unweigerlich stösst, wer den Aufbruch wagt.

Davon erzählt «Tornadoes of My Heart», wobei die verschiedenen Formate der Narration und der Präsentation – Spielfilm, Videoprojektionen, Monitore – jeweils unterschiedliche Innen- und Aussenperspektiven umkreisen. Wie schon in ihren früheren Arbeiten gelingt es Emmanuelle Antille eine Intenstität aufzubauen, die vom ersten Moment an fesselt. Sie zieht hinein in Bilder, die ihren Figuren nah genug kommen, um eine beinahe intime Beziehung aufzubauen und dennoch immer ein wenig rätselhaft bleiben. Unwillkürlich denkt man an Walter Benjamins Definition der Aura als «einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch sein mag». Diese Oszillation zwischen Nähe und Distanz kennzeichnet selbst «Rollow», der als Film noch am stärksten einem Erzählstrang im klassischen Sinne verpflichtet ist und die entsprechenden Motive eines Plots enthält. Die Spannung zwischen träumerischem Pathos und spröder Beiläufigkeit erscheint wie eine direkte Spiegelung der Pole, zwischen denen sich auch das Lebensgefühl der Protagonisten bewegt.


aus: «Rollow» 2005. Bilder: ©The Artist. Courtesy Galerie Eva Presenhuber Zürich

«Floating, crashing, spinning, spitting, kissing, beating over and over, not to stop feeling» (2005) ist eine für sechs Monitore konzipierte Installation mit parallel ablaufenden Videos. Sie funktioniert am wenigsten narrativ, bietet gleichwohl den direktesten Zugang zu Jacks Welt: Jack und seine 'peer group' in der Halfpipe, Kräfte messend, posierend, im Rausch, scheinbar selbstvergessen in den Tag träumend, an altem Mobiliar spielerisch brutale Zerstörungsakte entfesselnd – Bilder jugendlicher Skater, die wohl nicht von ungefähr an Larry Clarks «Ken Park» (2002) erinnern, einen Film, der wie «Rollow» der (selbst-)zerstörerischen Gewalt von Jungen nachspürt. Skaten ist mehr als nur ein Freizeitsport. Im Skaten werden die Grenzen des Körpers erfahren, ausgekostet und auch überschritten. Im Skaten lässt es sich der Schwerkraft für Sekunden entfliehen – und doch bietet es hinreichend Herausforderungen durch Reibungsflächen, verlangt Geschick, Ausdauer und nicht zuletzt auch Bodenhaftung. Es ist Teil eines Stils, einer Lebensgefühls, das sich ebenso an der Kleidung, Tattoos und Turnschuhen ablesen lässt, das sich in Sprache und Gesten, in der Musik, kurzum: in Codes der Zugehörigkeit und Abgrenzung ausdrückt, die ungeachtet des Marktes, der sie nährt und sich von ihnen nährt, nie einfach nur mit Geld zu kaufen sind, weil sie den Einsatz des Subjekts verlangen. Das macht Jack zu einer paradigmatischen Figur für die Übergangsriten der Adoleszenz. Er schwingt greifbar zwischen den Welten: traumverloren und doch der Macht der Gravitation bewusst, die er zugleich immer wieder zu überwinden versucht.

Insbesondere «Le Journal de Jack» kann dabei zunächst wie die Erprobung einer narrativen Anti-These zu «Rollow» wirken: Was der Film in eine Erzählung zwischen Anfang und Ende spannt, wird in der Installation zeit-räumlich fragmentiert. Auf mehreren Leinwände sieht man einzelne Momente wie Augenblicke aufblitzen und sich überlagern. Wer sich in diesen Narrationsraum hineinbegibt, stellt schnell fest, dass im Auge des Orkans kein Halt zu finden ist – jedenfalls kein Standort, von dem aus sich je ein Überblick gewinnen liesse. Anders auch als in «Kill me twice, dear friend, dear enemy» (2004/2005) – jener Doppelprojektion, die im vergangenen Jahr im Rahmen von «Art Unlimited» auf der Art Basel zu sehen war – spielt sich hier zwangsläufig immer etwas ausserhalb der Sichtweite ab. Kaum hat eine der teils parallel, teils zeitversetzt erscheinenden Szenen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, meint man im Augenwinkel Bilder zu entdecken, die weitere Schlüssel zur Geschichte enthalten könnten.

Aber ist es überhaupt eine Geschichte, die Jacks Stimme in den nicht minder charismatischen und ebenso fragmentarischen Bildern seiner «Tagebucheinträge» erzählt? Oder erzählen eher umgekehrt die Bilder ihn? Eine Figur, die «Jack» sein könnte – oder auch ein anderer; schon deshalb, weil sich Jack in diesen Bildern, in diesem Leben selbst zu imaginieren scheint. Antilles Arbeiten lassen das durchaus offen. In dieser Gratwanderung liegt eine Qualität, die einerseits für das Werk der Künstlerin insgesamt charakteristisch ist, andererseits in «Tornadoes of My Heart» denkbar präzis das Lebensgefühl im Zwischenraum zwischen Realität und Traum trifft, das den Übergang von der Jugend zum Erwachsensein markiert.

   
Information:

Emmanuelle Antille (*1972, Lausanne)
Werkzyklus «Tornadoes of My Heart», darunter den Film

«Rollow» (2005, 103 min.)
Production: Rubis Film; Screenplay und Regie: Emmanuelle Antille; Cinematography Kata Trüb und Patricia Lewandowska; Sound Jürg Lempen; Sound mixing Alexander Miesch; Editing Emmanuelle Antille und Sandrine Normand, Musik Illford, Honey for Petzi, Tes, Ventura, Valérie Niederoest.

Gezeigt am Filmfestival Locarno, letzten Oktober in Kinos von Genf und Lausanne und jüngst an der 25. Viper in Basel

Links:

»Zu Angels Camp, der Webseite von Emmanuelle Antilles Beitrags an der Biennale Venedig