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Es ist, als läge er die ganze Zeit schon in der
Luft. Auch dann, wenn den Himmel noch kein Wölkchen trübt; sich
ein strahlendblaues Zelt wie das Versprechen einer besseren Zukunft über
die Szene breitet. Man schaut und weiss sofort, dass dieser Eindruck trügen
könnte. Die Atmosphäre zittert bereits. Etwas ist da, das wird
sich entladen müssen. Wie der Tornado, der später am Horizont
erscheint, wächst es heran – spürbar, aber nicht wirklich
zu greifen. Eine Ruhe, die zugleich höchste Anspannung ist.

aus: «Rollow» 2005
Um eben jene Ruhe vor dem Sturm geht es in Emmanuelle Antilles neuem Werkkomplex,
dessen Titel «Tornadoes of My Heart» pathetisch klingen mag,
aber doch passt. Denn der Spielfilm «Rollow» (2005, 103 min.)
sowie die drei Videoinstallationen und die Fotografien, welche auf dem
gedrehten Material basieren, handeln von einer Zeit, für die der
innere Sturm in seiner ungebremsten Gewalt ebenso charakteristisch ist
wie die angespannte Ruhe, die ihm vorausgeht. Ihr Protagonist, «Jack»,
ist 17 Jahre alt und die Bilder, die wir sehen, entführen uns in
seine Welt und Innenwelten. Jack, der allein, mit seinem Skateboard öde
Vorstadtperipherien durchstreift; Jack zusammen mit seinem besten Freund
Lenny, stumme Verständigung und schwelende Konflikte, Drogen, harmlose
Raufereien, die in Grausamkeit umschlagen, dann wieder in Zärtlichkeit;
Jack, der vor dem Badezimmerspiegel seinen Körper und seine Läsionen
betrachtet; Jack, der das Unglück seiner labilen Mutter nicht erträgt;
Jack, der fort möchte und doch nicht einmal selbst weiss, wohin.
Dazwischen: Strassen ins Nirgendwo, grüne Hügel und versengtes
Gras: Die Seele ist ein weites Land und keiner kann sagen, wann der Tornado
das nächste Mal darüber hinwegfegen wird. Es ist eine Zeit des
Übergangs, in der sich Horizonte öffnen und sich zugleich die
Grenzen mit schmerzhafter Deutlichkeit zeigen, an die unweigerlich stösst,
wer den Aufbruch wagt.
Davon erzählt «Tornadoes of My Heart», wobei die verschiedenen
Formate der Narration und der Präsentation – Spielfilm, Videoprojektionen,
Monitore – jeweils unterschiedliche Innen- und Aussenperspektiven
umkreisen. Wie schon in ihren früheren Arbeiten gelingt es Emmanuelle
Antille eine Intenstität aufzubauen, die vom ersten Moment an fesselt.
Sie zieht hinein in Bilder, die ihren Figuren nah genug kommen, um eine
beinahe intime Beziehung aufzubauen und dennoch immer ein wenig rätselhaft
bleiben. Unwillkürlich denkt man an Walter Benjamins Definition der
Aura als «einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch sein
mag». Diese Oszillation zwischen Nähe und Distanz kennzeichnet
selbst «Rollow», der als Film noch am stärksten einem
Erzählstrang im klassischen Sinne verpflichtet ist und die entsprechenden
Motive eines Plots enthält. Die Spannung zwischen träumerischem
Pathos und spröder Beiläufigkeit erscheint wie eine direkte
Spiegelung der Pole, zwischen denen sich auch das Lebensgefühl der
Protagonisten bewegt.

aus: «Rollow» 2005. Bilder: ©The
Artist. Courtesy Galerie Eva Presenhuber Zürich
«Floating, crashing, spinning, spitting, kissing, beating over and
over, not to stop feeling» (2005) ist eine für sechs Monitore
konzipierte Installation mit parallel ablaufenden Videos. Sie funktioniert
am wenigsten narrativ, bietet gleichwohl den direktesten Zugang zu Jacks
Welt: Jack und seine 'peer group' in der Halfpipe, Kräfte messend,
posierend, im Rausch, scheinbar selbstvergessen in den Tag träumend,
an altem Mobiliar spielerisch brutale Zerstörungsakte entfesselnd
– Bilder jugendlicher Skater, die wohl nicht von ungefähr an
Larry Clarks «Ken Park» (2002) erinnern, einen Film, der wie
«Rollow» der (selbst-)zerstörerischen Gewalt von Jungen
nachspürt. Skaten ist mehr als nur ein Freizeitsport. Im Skaten werden
die Grenzen des Körpers erfahren, ausgekostet und auch überschritten.
Im Skaten lässt es sich der Schwerkraft für Sekunden entfliehen
– und doch bietet es hinreichend Herausforderungen durch Reibungsflächen,
verlangt Geschick, Ausdauer und nicht zuletzt auch Bodenhaftung. Es ist
Teil eines Stils, einer Lebensgefühls, das sich ebenso an der Kleidung,
Tattoos und Turnschuhen ablesen lässt, das sich in Sprache und Gesten,
in der Musik, kurzum: in Codes der Zugehörigkeit und Abgrenzung ausdrückt,
die ungeachtet des Marktes, der sie nährt und sich von ihnen nährt,
nie einfach nur mit Geld zu kaufen sind, weil sie den Einsatz des Subjekts
verlangen. Das macht Jack zu einer paradigmatischen Figur für die
Übergangsriten der Adoleszenz. Er schwingt greifbar zwischen den
Welten: traumverloren und doch der Macht der Gravitation bewusst, die
er zugleich immer wieder zu überwinden versucht.
Insbesondere «Le Journal de Jack» kann dabei zunächst
wie die Erprobung einer narrativen Anti-These zu «Rollow»
wirken: Was der Film in eine Erzählung zwischen Anfang und Ende spannt,
wird in der Installation zeit-räumlich fragmentiert. Auf mehreren
Leinwände sieht man einzelne Momente wie Augenblicke aufblitzen und
sich überlagern. Wer sich in diesen Narrationsraum hineinbegibt,
stellt schnell fest, dass im Auge des Orkans kein Halt zu finden ist –
jedenfalls kein Standort, von dem aus sich je ein Überblick gewinnen
liesse. Anders auch als in «Kill me twice, dear friend, dear enemy»
(2004/2005) – jener Doppelprojektion, die im vergangenen Jahr im
Rahmen von «Art Unlimited» auf der Art Basel zu sehen war
– spielt sich hier zwangsläufig immer etwas ausserhalb der
Sichtweite ab. Kaum hat eine der teils parallel, teils zeitversetzt erscheinenden
Szenen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, meint man im Augenwinkel Bilder
zu entdecken, die weitere Schlüssel zur Geschichte enthalten könnten.
Aber ist es überhaupt eine Geschichte, die Jacks Stimme in den nicht
minder charismatischen und ebenso fragmentarischen Bildern seiner «Tagebucheinträge»
erzählt? Oder erzählen eher umgekehrt die Bilder ihn? Eine Figur,
die «Jack» sein könnte – oder auch ein anderer;
schon deshalb, weil sich Jack in diesen Bildern, in diesem Leben selbst
zu imaginieren scheint. Antilles Arbeiten lassen das durchaus offen. In
dieser Gratwanderung liegt eine Qualität, die einerseits für
das Werk der Künstlerin insgesamt charakteristisch ist, andererseits
in «Tornadoes of My Heart» denkbar präzis das Lebensgefühl
im Zwischenraum zwischen Realität und Traum trifft, das den Übergang
von der Jugend zum Erwachsensein markiert.
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