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21.06.06

Eine Videokünstlerische Nachstellung der Wirklichkeit
Villö Huszai

Ulrich Fischers experimentelle Stadtlandschaft «Passages» im Zürcher Walcheturm

Eine Art Damenstrumpf, ins Übermannshohe gedehnt, ganz unweiblich verdickt die Zentnerschwere eines kleinen Vulkanes andeutend, birgt ein verwirrendes Geflecht an Kleinrechnern und Spiegelsystemen, die ihn von innen her illuminieren: Ulrich Fischers Installation «Passages», noch bis Ende Monat im Zürcher Kunstraum Walcheturm zu besichtigen, ist als Installation eine wahrhafte – oder schon wahnhafte? – Groteske.


Alle Fotos: Lorenzo Pusterla/Courtesy Kunstraum Walcheturm

Da hilft nur, diesem künstlichen «Magma» (Fischer) zuerst einmal den Rücken zu kehren und sich eine der vier Wände des Ausstellungsraumes vorzunehmen. Auf jede Wand wird aus dem Innern des Nylon-Berges eine im Schnitt circa 10minütige Filmsequenz projiziert, zu der eine Tonspur gehört. Die Kopfhörer mit der entsprechenden Tonspur sind am Damenstrumpf-Koloss befestigt, so dass man sich nicht wie Odysseus zum Schutz vor den Sirenen am Mast, sondern gleich am bild- und tonemittierenden Sirenen-Ungeheuer selbst ankettet – ein treffendes Bild für die Medienverfallenheit unserer Gegenwart.

War das nicht gerade die Zürcher Hardau? Fischer bestätigt, dass eine der Sequenzen bei einer Siedlung in Nähe der drei markanten Hochhäuser gemacht wurde. Doch das war ein Glückstreffer der in Zürich lebenden Betrachterin. Denn der Kameramann Fischer geht meist so nahe heran, dass aus der kleinen Unebenheiten einer gefilmten Fläche eine ganze Landschaft, nie aber eine orientierende Stadtübersicht entstehen kann. Dann wieder dreht Fischer den Fokus und lässt unseren Blick in die optische Tiefe eines spiegelnden Glases taumeln. Wo man gerade noch Staubkörner in vermeintlicher Felsengrösse bestaunte, sind nun plötzlich vorübereilende Passanten gespiegelt – und dort sitzt ja ein Schlagzeuger, der simultan mit Fischers Filmerei den Soundtrack mitten auf der Strasse improvisiert.


Das Publikum auf Jagd nach der vorübereilenden Wirklichkeit, Autor Fischer als
Dritter von links


Die Filmsequenzen, die auf den vier Wänden gezeigt werden, entstehen immer im Duo: Fischer macht Aufnahmen irgendwo in der Stadt, in der seine Installation «Passages» gerade zu Gast ist. Dabei begleitet ihn ein Musiker, in Zürich Christian Wolfarth, der über einen Bildschirm Fischers Aufnahme live verfolgt. Wo man eben noch Fenstergardinen langsam entlangfuhr, erfasst Fischers Linse unversehens eine Passantin, die sich im Fensterglas spiegelt – und nicht nur die Kamera, auch das Schlagzeug, eilt mit sich überstürzendem Rhythmus der Fussgängerin hinterher. Mit dieser Improvisation stellt Fischer die herkömmliche Filmkunst, eine Kunst der maximalen Planung und Kontrolle des Filmgegenstandes, auf den Kopf. Filmer und Regisseur zugleich, überlässt Fischer möglichst viel der zufälligen Begegnung im städtischen Aussenraum. Diese Filmsequenzen sind schlicht grossartig - sofern man sich wie ein Kinobesucher in sie versenken und die unförmige Bild- und Tonquelle im Rücken vergessen mag.

Der mobile und doch eingekesselte Betrachter
Denn das «Magma»-Gebilde will nicht das in Kontemplation versunkene herkömmliche Kinopublikum, sondern den doppelt mobilen Betrachter, der um den Video-hervorbringenden Berg herumgeht und sich in die zeitliche Mehrschichtigkeit der Installation hineindenkt: Vom Innern des Berges werden Bilder von früheren Videoaufnahmen aus anderen Städten, aus Genf, Tokyo, Berlin und Lausanne, auf die Berg-Oberfläche projiziert. Ein Radar erkennt den Schattenwurf der sich nähernden Betrachterin und löst damit zum Teil die Projektion erst aus. Das Publikum ist also zwischen den vier Wänden mit den Filmsequenzen und einem Gebilde eingeklemmt, das nicht nur zeitliche Tiefe, sondern auch die Präsenz eben derselben Betrachterin zum Ausdruck bringt.


Links 80er Jahre, rechts mediale Gegenwart:
Yann Beauvais' Installation «Des Rives» neben Fischers «Passages».


Der erste Eindruck hält sich: Ulrich Fischers Installation bleibt unheimlich und evoziert regelrecht Fluchtreflexe. Diese sind nicht zuletzt der gedanklichen und konzeptuellen Dichte dieser Anlage geschuldet. Die experimentelle Hartnäckigkeit, von welcher man sich bedrängt sieht, lockt einen im selben Moment wieder herbei. Fischer hat ein Unding geschaffen, ein technoizistisches Monster-Gebilde, das aber in Form der einzelnen Filmsequenzen zugleich ergreifende Momente der Gegenwärtigkeit birgt – eine halb video-, halb medienkünstlerische Quadratur des Kreises, die anzusehen man nicht verpassen sollte.

Dabei zeigt Kurator Patrick Huber die in DVCPRO HD-Kamera gefilmten «Passages» zusammen mit einer Doppelprojektion aus der Mitte der 80er Jahre: «Des Rives» von Yann Beauvais wird gleich nebenan als 16mm-Film von einer bald 60-jährigen Maschine abgespult. So gewinnt die Ausstellung mit dem Titel «Vues Urbaines» neben dem urbanistischen einen pikanten mediengeschichtlichen Aspekt: Nicht nur der so unterschiedliche Charakter der verwendeten Geräte, vor allem die ganz anderen Lichtverhältnisse in den zwei Sälen lehren mehr als manche medientheoretische Abhandlung.

 
Projekt:

Ulrich Fischer «Passages», in Zusammenarbeit mit Tomas Korber (Guitarre und Elektronik)
Jason Kahn (Sampler), Christian Wolfarth (Perkussion) und Simon Picard (Saxophon)

zur Zeit zu sehen in der Ausstellung «Vue Urbaines»
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, Zürich (CH)
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag, 15.00 bis 19.00 Uhr, bis 29. Juni 2006

Links:

»www.walcheturm.ch
»Info zu Ulrich Fischer auf der Webseite des Künstlerkollektivs Perceuse Production Image
»Unsere Begegnung mit Ulrich Fischer vom 27. September 2005