Eine Videokünstlerische Nachstellung der Wirklichkeit
Villö Huszai
Ulrich Fischers experimentelle Stadtlandschaft
«Passages» im Zürcher Walcheturm
Eine Art Damenstrumpf, ins Übermannshohe gedehnt,
ganz unweiblich verdickt die Zentnerschwere eines kleinen Vulkanes andeutend,
birgt ein verwirrendes Geflecht an Kleinrechnern und Spiegelsystemen,
die ihn von innen her illuminieren: Ulrich Fischers Installation «Passages»,
noch bis Ende Monat im Zürcher Kunstraum Walcheturm zu besichtigen,
ist als Installation eine wahrhafte – oder schon wahnhafte? –
Groteske.
Alle Fotos: Lorenzo Pusterla/Courtesy Kunstraum
Walcheturm
Da hilft nur, diesem künstlichen «Magma» (Fischer) zuerst
einmal den Rücken zu kehren und sich eine der vier Wände des
Ausstellungsraumes vorzunehmen. Auf jede Wand wird aus dem Innern des
Nylon-Berges eine im Schnitt circa 10minütige Filmsequenz projiziert,
zu der eine Tonspur gehört. Die Kopfhörer mit der entsprechenden
Tonspur sind am Damenstrumpf-Koloss befestigt, so dass man sich nicht
wie Odysseus zum Schutz vor den Sirenen am Mast, sondern gleich am bild-
und tonemittierenden Sirenen-Ungeheuer selbst ankettet – ein treffendes
Bild für die Medienverfallenheit unserer Gegenwart.
War das nicht gerade die Zürcher Hardau? Fischer bestätigt,
dass eine der Sequenzen bei einer Siedlung in Nähe der drei markanten
Hochhäuser gemacht wurde. Doch das war ein Glückstreffer der
in Zürich lebenden Betrachterin. Denn der Kameramann Fischer geht
meist so nahe heran, dass aus der kleinen Unebenheiten einer gefilmten
Fläche eine ganze Landschaft, nie aber eine orientierende Stadtübersicht
entstehen kann. Dann wieder dreht Fischer den Fokus und lässt unseren
Blick in die optische Tiefe eines spiegelnden Glases taumeln. Wo man gerade
noch Staubkörner in vermeintlicher Felsengrösse bestaunte, sind
nun plötzlich vorübereilende Passanten gespiegelt – und
dort sitzt ja ein Schlagzeuger, der simultan mit Fischers Filmerei den
Soundtrack mitten auf der Strasse improvisiert. Das Publikum auf Jagd nach der vorübereilenden
Wirklichkeit, Autor Fischer als
Dritter von links
Die Filmsequenzen, die auf den vier Wänden gezeigt werden, entstehen
immer im Duo: Fischer macht Aufnahmen irgendwo in der Stadt, in der seine
Installation «Passages» gerade zu Gast ist. Dabei begleitet
ihn ein Musiker, in Zürich Christian Wolfarth, der über einen
Bildschirm Fischers Aufnahme live verfolgt. Wo man eben noch Fenstergardinen
langsam entlangfuhr, erfasst Fischers Linse unversehens eine Passantin,
die sich im Fensterglas spiegelt – und nicht nur die Kamera, auch
das Schlagzeug, eilt mit sich überstürzendem Rhythmus der Fussgängerin
hinterher. Mit dieser Improvisation stellt Fischer die herkömmliche
Filmkunst, eine Kunst der maximalen Planung und Kontrolle des Filmgegenstandes,
auf den Kopf. Filmer und Regisseur zugleich, überlässt Fischer
möglichst viel der zufälligen Begegnung im städtischen
Aussenraum. Diese Filmsequenzen sind schlicht grossartig - sofern man
sich wie ein Kinobesucher in sie versenken und die unförmige Bild-
und Tonquelle im Rücken vergessen mag.
Der mobile und doch eingekesselte Betrachter
Denn das «Magma»-Gebilde will nicht das in Kontemplation versunkene
herkömmliche Kinopublikum, sondern den doppelt mobilen Betrachter,
der um den Video-hervorbringenden Berg herumgeht und sich in die zeitliche
Mehrschichtigkeit der Installation hineindenkt: Vom Innern des Berges
werden Bilder von früheren Videoaufnahmen aus anderen Städten,
aus Genf, Tokyo, Berlin und Lausanne, auf die Berg-Oberfläche projiziert.
Ein Radar erkennt den Schattenwurf der sich nähernden Betrachterin
und löst damit zum Teil die Projektion erst aus. Das Publikum ist
also zwischen den vier Wänden mit den Filmsequenzen und einem Gebilde
eingeklemmt, das nicht nur zeitliche Tiefe, sondern auch die Präsenz
eben derselben Betrachterin zum Ausdruck bringt.
Der erste Eindruck hält sich: Ulrich Fischers Installation bleibt
unheimlich und evoziert regelrecht Fluchtreflexe. Diese sind nicht zuletzt
der gedanklichen und konzeptuellen Dichte dieser Anlage geschuldet. Die
experimentelle Hartnäckigkeit, von welcher man sich bedrängt
sieht, lockt einen im selben Moment wieder herbei. Fischer hat ein Unding
geschaffen, ein technoizistisches Monster-Gebilde, das aber in Form der
einzelnen Filmsequenzen zugleich ergreifende Momente der Gegenwärtigkeit
birgt – eine halb video-, halb medienkünstlerische Quadratur
des Kreises, die anzusehen man nicht verpassen sollte.
Dabei zeigt Kurator Patrick Huber die in DVCPRO HD-Kamera gefilmten «Passages»
zusammen mit einer Doppelprojektion aus der Mitte der 80er Jahre: «Des
Rives» von Yann Beauvais wird gleich nebenan als 16mm-Film von einer
bald 60-jährigen Maschine abgespult. So gewinnt die Ausstellung mit
dem Titel «Vues Urbaines» neben dem urbanistischen einen pikanten
mediengeschichtlichen Aspekt: Nicht nur der so unterschiedliche Charakter
der verwendeten Geräte, vor allem die ganz anderen Lichtverhältnisse
in den zwei Sälen lehren mehr als manche medientheoretische Abhandlung.
Projekt:
Ulrich Fischer «Passages», in Zusammenarbeit
mit Tomas Korber (Guitarre und Elektronik)
Jason Kahn (Sampler), Christian Wolfarth (Perkussion) und Simon Picard
(Saxophon)
zur Zeit zu sehen in der Ausstellung «Vue Urbaines»
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, Zürich (CH)
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag, 15.00 bis 19.00 Uhr, bis 29.
Juni 2006