|
Im Dezember 2004 hat Zürich als erste Schweizer Universität
die »Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem
Wissen
unterschrieben, Anfang dieses Jahres sind ihr der Nationalfonds und andere
wichtige Schweizer Wissenschaftsorganisationen gefolgt. Was mit öffentlichen
Geldern an Universitäten geforscht wird, soll der Öffentlichkeit
auch frei zur Verfügung stehen. Dieses kämpferische Grundprinzip
von «Open Access» ist besonders mutig, weil andererseits ja
die Weiterentwicklung universitärer Projekte zum Markteintritt in
Partnerschaft mit Wirtschaftssponsoren gefordert wird, ja mit den nationalen
Forschungsgeldern von KTI und DORE explizit Bedingung der Projekteingabe
ist.
Umstürzlerische Leitlinien der Zürcher Universitätsleitung
Derzeit laufen an der Universität Zürich die Vorbereitungsarbeiten
für einen «Dokumenten- und Publikationsserver», der diesen
Herbst aufgeschaltet werden soll. Auf diesem Server sollen möglichst
alle an der Universität Zürich erbrachten Forschungen im Wortsinn
«veröffentlicht» werden. Der geplante Server wird das
Herzstück aller «Open-Access»-Bemühungen der Universität
sein. Weltweit gibt es mittlerweile 700 solcher institutioneller Server
und ein unabsehbares Netz an Initiativen rund um das Prinzip Open Access,
darunter der Verein Digitale Allmend, über dessen eine Zürcher
Veranstaltung wir letzthin hier berichteten.
Die zwei neuen Open-Access-Leitlinien, welche die Universität Zürich
zuhanden ihrer forschenden Mitglieder schon letztes Jahr festgelegt hat,
sind auf der englischen Netzplattform »www.eprints.org hinterlegt, die
– vom «Open-Access»- Vorkämpfer Stevan Harnad geprägt
– eine Fülle an Informationen zum Thema bietet. Gemäss
diesen Leitlinien erwartet die Universität Zürich von ihren
Forschenden, dass sie «eine vollständige Fassung aller publizierten
und begutachteten Artikel in diesem Dokumentenserver hinterlegen, sofern
dem keine rechtlichen Bedenken entgegenstehen». Bei letzterer Bemerkung
geht es um das Problem des Urheberrechts: Bei Artikeln, die in herkömmlichen
Fachzeitschriften publiziert werden, haben die Verfasser ihr Copyright
in der Regel an die Verlage abgetreten und können daher die Texte
nicht frei im Internet zugänglich machen. Darum «ermuntert»
die Universität, so die zweite Leitlinie, ihre Forschenden, in einem
Open Access Journal zu publizieren, «wo immer ein geeignetes vorhanden»
sei und verspricht «Unterstützung». Diese Leitlinien
könnten sich regelrecht revolutionär auswirken. In der Berliner
Erklärung heisst es: Es sei klar, dass Open Access «das Wesen
des wissenschaftlichem Publizierens und des existierenden Systems der
Qualitätssicherung grundlegend verändern» könne.
Explosives Wachstum: 90 Prozent der Forschung geschieht
heute
Wer den Umsturz plant, tut gut daran, eine Krise zu diagnostizieren. Der
Zürcher Schlafexperte Alexander Borbély hat in seiner damaligen
Funktion als Prorektor im Bereich Forschung das OA-Engagement der Universität
Zürich in den letzten Jahren massgeblich mitgestaltet. Borbéley
weist auf die «unglaubliche Kostenexplosion» hin, die im herkömmlichen
System stattgefunden habe: «Das ist ein Trend, der so nicht mehr
weitergehen kann.» Nach herkömmlichem System werden Forschungsergebnisse
in Zeitschriften publiziert, welche die Universitäten abonnieren
müssen, um sie öffentlich aufzulegen. Während der Spardruck
auch auf die Universitäten ständig steigt, sind diese Abonnemente
nicht nur teurer geworden, es kommen auch immer mehr Publikationsorgane
dazu.
Denn wie Arlette Piguet, Mitarbeiterin der ETH-Bibliothek Zürich
und Expertin für Fragen des Online-Bibliothekswesens, an einem Vortrag
kürzlich zu Bedenken gab: 90% aller jemals tätigen Forscherinnen
und Forscher leben in der Gegenwart. Borbély erblickt in Open-Access-Publikationen
darum gerade auch grosse Chancen für neue Universitäten in ärmeren
Ländern: «Alles, was es für den Zugang braucht, ist ein
Internet-Anschluss.» Doch der Durchbruch lässt auf sich warten,
auch wenn die Popularisierung des Netzes seit mehr als zehn Jahre rasant
voranschreitet. Kürzlich wurde im Rahmen eines Workshops zu E-Archiving
festgestellt, dass sich weltweit im Schnitt nur erst je 100 Dokumente
auf den 700 Servern befinden. Piguet prognostizierte in ihrem Vortrag
denn auch ein Nebeneinander von herkömmlichem und digitalem Publizieren.
Sie stellte am Rande der Veranstaltung fest, es sei auch eine «Generationenfrage».
National bedeutende Schauvitrine - und ästhetische Folgen
Der aus wissenschaftlicher Perspektive gewichtige Einwand gegen OA ist
die Beliebigkeit. Auch auf dem «Dokumentenserver» sollen nur
Artikel publiziert werden, die ein herkömmliches Peer-Review zur
Qualitätssicherung durchlaufen haben. Die holländische Netzplattform
mit dem sprechenden Namen »www.creamofscience.org kann heute schon veranschaulichen,
wohin die Bemühungen der Universität Zürich zielen. Rund
200 Forscherinnen und Forscher sind aufgelistet mit Zugang zu mittlerweile
42'000 Artikeln, wobei anzumerken ist, dass nur 60 Prozent dieser Texte
im Volltext zugänglich sind – der Zugang zu den restlichen
Texten sei «unglücklicherweise» durch Copyright blockiert,
heisst es vielsagend auf der Site. Alle holländischen Universitäten
sind beteiligt und unterhalten je einen eigenen Dokumentenserver, zu englisch
Repository, sind aber im sogenannten »DAREnet (Digital Academic Repositories) miteinander verbunden. Ein Repository, so Cream
of Science, sei eine Art «digitaler Schatztruhe» und versammle
alle Informationen, die eine Universität oder vergleichbare Forschungseinrichtungen
hervorbringe.
Laut Fuhrer ist das holländische Modell einzigartig, weil landesweit.
In den meisten restlichen Ländern spielen sich die Initiativen in
kleinerem Rahmen, meist innerhalb einer einzelnen Institution ab. Dass
dies in der föderalen Schweiz nicht anders ist, kann nicht erstaunen
- so unterhält die ETH schon länger unter »http://e-collection.ethbib.ethz.ch
einen Server, auf dem mittlerweile 6'700 Dokumente zugänglich sind.
Nun bleibt abzuwarten, wie und in welchem Tempo es ab Herbst an der Universität
Zürich zu der angestrebten Umgestaltung der Publikationsverhältnisse
kommt und ob die Initiative auf andere Universitäten übergreift
und entsprechend vernetzt wird. Auch wenig reflektierte ästhetische
Folgen hat diese Entwicklung: Wir alle werden uns wohl in Zukunft vermehrt
mit hässlichen Print-outs in stereotypen Fonts begnügen müssen.
|