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21.06.06

«Open–Access» und die universitären Produktionsverhältnisse
Villö Huszai

Nicht nur in der Kunstszene neuer Medien wird das alte Verständnis des Urheberschutzes offen in Frage gestellt. Dient es wirklich den Autoren, wenn die Weiterverwendung ihrer Forschungsresultate behindert wird? Auch die Schweizer Bildungselite ist sich mittlerweile einig, dass „Open Access“ die Zukunft gehört. Zürich plant den digitalen Zugang zu sämtlichen Forschungsresultaten auf einem neuen Publikationsserver.

Im Dezember 2004 hat Zürich als erste Schweizer Universität die »Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen unterschrieben, Anfang dieses Jahres sind ihr der Nationalfonds und andere wichtige Schweizer Wissenschaftsorganisationen gefolgt. Was mit öffentlichen Geldern an Universitäten geforscht wird, soll der Öffentlichkeit auch frei zur Verfügung stehen. Dieses kämpferische Grundprinzip von «Open Access» ist besonders mutig, weil andererseits ja die Weiterentwicklung universitärer Projekte zum Markteintritt in Partnerschaft mit Wirtschaftssponsoren gefordert wird, ja mit den nationalen Forschungsgeldern von KTI und DORE explizit Bedingung der Projekteingabe ist.

Umstürzlerische Leitlinien der Zürcher Universitätsleitung
Derzeit laufen an der Universität Zürich die Vorbereitungsarbeiten für einen «Dokumenten- und Publikationsserver», der diesen Herbst aufgeschaltet werden soll. Auf diesem Server sollen möglichst alle an der Universität Zürich erbrachten Forschungen im Wortsinn «veröffentlicht» werden. Der geplante Server wird das Herzstück aller «Open-Access»-Bemühungen der Universität sein. Weltweit gibt es mittlerweile 700 solcher institutioneller Server und ein unabsehbares Netz an Initiativen rund um das Prinzip Open Access, darunter der Verein Digitale Allmend, über dessen eine Zürcher Veranstaltung wir letzthin hier berichteten.

Die zwei neuen Open-Access-Leitlinien, welche die Universität Zürich zuhanden ihrer forschenden Mitglieder schon letztes Jahr festgelegt hat, sind auf der englischen Netzplattform »www.eprints.org hinterlegt, die – vom «Open-Access»- Vorkämpfer Stevan Harnad geprägt – eine Fülle an Informationen zum Thema bietet. Gemäss diesen Leitlinien erwartet die Universität Zürich von ihren Forschenden, dass sie «eine vollständige Fassung aller publizierten und begutachteten Artikel in diesem Dokumentenserver hinterlegen, sofern dem keine rechtlichen Bedenken entgegenstehen». Bei letzterer Bemerkung geht es um das Problem des Urheberrechts: Bei Artikeln, die in herkömmlichen Fachzeitschriften publiziert werden, haben die Verfasser ihr Copyright in der Regel an die Verlage abgetreten und können daher die Texte nicht frei im Internet zugänglich machen. Darum «ermuntert» die Universität, so die zweite Leitlinie, ihre Forschenden, in einem Open Access Journal zu publizieren, «wo immer ein geeignetes vorhanden» sei und verspricht «Unterstützung». Diese Leitlinien könnten sich regelrecht revolutionär auswirken. In der Berliner Erklärung heisst es: Es sei klar, dass Open Access «das Wesen des wissenschaftlichem Publizierens und des existierenden Systems der Qualitätssicherung grundlegend verändern» könne.

Explosives Wachstum: 90 Prozent der Forschung geschieht heute
Wer den Umsturz plant, tut gut daran, eine Krise zu diagnostizieren. Der Zürcher Schlafexperte Alexander Borbély hat in seiner damaligen Funktion als Prorektor im Bereich Forschung das OA-Engagement der Universität Zürich in den letzten Jahren massgeblich mitgestaltet. Borbéley weist auf die «unglaubliche Kostenexplosion» hin, die im herkömmlichen System stattgefunden habe: «Das ist ein Trend, der so nicht mehr weitergehen kann.» Nach herkömmlichem System werden Forschungsergebnisse in Zeitschriften publiziert, welche die Universitäten abonnieren müssen, um sie öffentlich aufzulegen. Während der Spardruck auch auf die Universitäten ständig steigt, sind diese Abonnemente nicht nur teurer geworden, es kommen auch immer mehr Publikationsorgane dazu.

Denn wie Arlette Piguet, Mitarbeiterin der ETH-Bibliothek Zürich und Expertin für Fragen des Online-Bibliothekswesens, an einem Vortrag kürzlich zu Bedenken gab: 90% aller jemals tätigen Forscherinnen und Forscher leben in der Gegenwart. Borbély erblickt in Open-Access-Publikationen darum gerade auch grosse Chancen für neue Universitäten in ärmeren Ländern: «Alles, was es für den Zugang braucht, ist ein Internet-Anschluss.» Doch der Durchbruch lässt auf sich warten, auch wenn die Popularisierung des Netzes seit mehr als zehn Jahre rasant voranschreitet. Kürzlich wurde im Rahmen eines Workshops zu E-Archiving festgestellt, dass sich weltweit im Schnitt nur erst je 100 Dokumente auf den 700 Servern befinden. Piguet prognostizierte in ihrem Vortrag denn auch ein Nebeneinander von herkömmlichem und digitalem Publizieren. Sie stellte am Rande der Veranstaltung fest, es sei auch eine «Generationenfrage».

National bedeutende Schauvitrine - und ästhetische Folgen

Der aus wissenschaftlicher Perspektive gewichtige Einwand gegen OA ist die Beliebigkeit. Auch auf dem «Dokumentenserver» sollen nur Artikel publiziert werden, die ein herkömmliches Peer-Review zur Qualitätssicherung durchlaufen haben. Die holländische Netzplattform mit dem sprechenden Namen »www.creamofscience.org kann heute schon veranschaulichen, wohin die Bemühungen der Universität Zürich zielen. Rund 200 Forscherinnen und Forscher sind aufgelistet mit Zugang zu mittlerweile 42'000 Artikeln, wobei anzumerken ist, dass nur 60 Prozent dieser Texte im Volltext zugänglich sind – der Zugang zu den restlichen Texten sei «unglücklicherweise» durch Copyright blockiert, heisst es vielsagend auf der Site. Alle holländischen Universitäten sind beteiligt und unterhalten je einen eigenen Dokumentenserver, zu englisch Repository, sind aber im sogenannten »DAREnet (Digital Academic Repositories) miteinander verbunden. Ein Repository, so Cream of Science, sei eine Art «digitaler Schatztruhe» und versammle alle Informationen, die eine Universität oder vergleichbare Forschungseinrichtungen hervorbringe.

Laut Fuhrer ist das holländische Modell einzigartig, weil landesweit. In den meisten restlichen Ländern spielen sich die Initiativen in kleinerem Rahmen, meist innerhalb einer einzelnen Institution ab. Dass dies in der föderalen Schweiz nicht anders ist, kann nicht erstaunen - so unterhält die ETH schon länger unter »http://e-collection.ethbib.ethz.ch einen Server, auf dem mittlerweile 6'700 Dokumente zugänglich sind. Nun bleibt abzuwarten, wie und in welchem Tempo es ab Herbst an der Universität Zürich zu der angestrebten Umgestaltung der Publikationsverhältnisse kommt und ob die Initiative auf andere Universitäten übergreift und entsprechend vernetzt wird. Auch wenig reflektierte ästhetische Folgen hat diese Entwicklung: Wir alle werden uns wohl in Zukunft vermehrt mit hässlichen Print-outs in stereotypen Fonts begnügen müssen.

 
Links:

Dieser Artikel basiert auf Recherchen für die NZZ, publiziert am 9. Juni 2006 und einsehbar unter: »www.nzz.ch
»Unser Artikel zum Verein Digitale Allmend vom 5. Mai 2006