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21.07.06

Hightech ohne Brachialverstärker
Villö Huszai

Eindrücke von den «Digital Art Weeks» an der ETH Zürich

Der Titel des 2005 erschienenen Sammelbandes «SchnittStellen», der Auftakt zu einer vom Basler Medienwissenschaftler Georg Christoph Tholen herausgebenen Reihe «Basler Beiträge zur Medienwissenschaft», bringt es exemplarisch auf den Punkt: Wo Medien im Spiel sind, geht es meist nicht um das Zentrum einer Disziplin, sondern um ihre Ränder, um die Orte, wo sich das Feld des Mediengebrauchs mit anderen Disziplinen überschneidet. Die letzte Woche an der ETH Zürich ausgerichtete viertätige Veranstaltung «Digital Art Weeks» bewegte sich systematisch an der Schnittstelle der Disziplinen Kunst und Wissenschaft.


Der Takt der Performance «China Gates» wird durch GPS-Signal übermittelt und an einem kleinen, am Handgelenk angebrachten Gerät angezeigt.

Auftakt der Veranstaltung bildete die Musik-Performance «China Gates» von Art Clay (siehe »unsere Vorschau vom 12. Juli). Wer erwartete, die Kunstaktion auf dem Zürcher Parkareal Platzspitz schon von weitem zu hören, erlebte im Gegenteil, wie die Stadt den virtuellen Klangraum von «China-Gates» bedrängte mit Baulärm, vorbeirasenden Ambulanzen und besonders einem mit Verstärker opulent ausgerüsteten, glücklicherweise aber noch nicht richtig in Betrieb genommenen Festzelt in nächster Nähe.

Die Performance war Hightech und urtümlich schlicht zugleich: Hightech war der GPS-Signale verarbeitende Mini-Computer, der an den Hüten und Handgelenken der Orchester-Musikerinnen und Musiker befestigt war, schlicht waren die Musik-Instrumente: handtellergrosse chinesische Gongs. Der Effekt war, dass die digitale Kunstaktion nicht spektakulär, sondern poetisch wurde. Es galt die Musikerinnen zwischen den übrigen Park-Passanten sowohl mit den Augen wie mit den Ohren überhaupt auszumachen. Die Kunstaktion drohte aufgrund ihrer zurückhaltenden Verwendung von Technologie ständig in der Umgebung zu verschwinden. Das war ein erfrischend eigenwilliger Anfang für eine Veranstaltung, die in der übermächtigen Hochburg der hiesigen Technologieproduktion, der ETH, beheimatet ist.


Art Clay, Autor der Performance «China Gates» und zugleich künstlerischer Leiter der Digital Art Weeks

Neben den abendlichen Performances organisierten die «Digital Art Weeks» ein dreitägiges Symposium im Kuppelraum der ETH. Der Vormittag des ersten Tages überzeugte dank der gemeinsamen Thematik, der Schnittstelle Musik und Neue Medien: Der freilich schwer verständliche Vortrag von Art Clay, Schöpfer der Kunstperformance «China Gates» und zugleich künstlerischer Leiter von «Digital Art Weeks», und der anschliessende Beitrag des amerikanischen Komponisten Jason Freeman ergaben zusammen einen Eindruck davon, wie mittels digitaler Medien das herkömmliche Setting der Musikaufführung unterwandert werden kann. Freeman stellte seine Komposition «Glimmer» (2004) für 15 oder 25 Streichinstrumente vor: Das Publikum wird mit Leuchtstäben ausgerüstet und kann durch Schwenken der Stäbe das Spiel der Musikerinnen und Musiker beeinflussen, regelrecht dirigieren. Wie bei «China Gates» soll sich auch hier die herkömmliche strenge Trennung zwischen Publikum und Interpreten relativieren.

Zwischen Musikerlebnis und grundsätzlichen Überlegungen zur Musik

Funktionieren «China Gates» oder «Glimmer» nicht nur als Konzept, das sich theoretisch und praktisch mit den Parametern von Musik und ihrer Geschichte auseinandersetzt, sondern auch als erlebbare Musik? Glimmer liess sich nur per Video und aufgrund der Schilderungen Freemans nachvollziehen, hörte sich aber interessant und aufgrund der professionellen Musikerinnen auch gekonnt an. «China Gates» hingegen war real erlebbar und war zweifellos ein schönes, ein eindrückliches Erlebnis: Musikalisches Geschehen war gleichsam zwischen Himmelszelt und knirschenden Kieswegen auseinandergedröselt, vereinzelt fanden sich wandernde Musiker und ihre Gongklänge zusammen. Doch war das noch ein Musik-Stück und vermag diese Performance der Musik neue Impulse zu geben? Was denn überhaupt ist «Musik»? Art Clay wie Freeman haben mit ihren Arbeiten und Ausführungen dazu interessantes Material geboten.

Das Verführerisch-Kaleidoskopische des Digitalen

Der Nachmittag rief dann aber den altbekannten problematischen Aspekt des Schnittstellenartigen der «Digital Art» in Erinnerung: Als „Schnittstellenkunst“ hat sie an den verschiedensten Bereichen auf unterschiedlichste Weise Anteil. So kamen schon nur am ersten Tag gleich so disparate Bereiche wie Musik, Design (Jan Borchers, Aachen), Dokumentarfilm (Julian Rohrhuber, Köln), Sound-Transformationen (Hannes Raffaseder, St. Pölten) oder Video-Überwachung (Will Pappenheimer und Amy Alexander) zur Sprache. Die Veranstaltung insgesamt vermittelte so den Eindruck, sich dem Kaleidoskopartigen des Digitalen anzuvertrauen und einer Präzisierung der Fragestellung auszuweichen. Interessant dagegen war, dass viele der vortragenden Künstlerinnen und Künstler zugleich die abendlichen Performances und Ausstellungen bespielten, sich das Gesagte gleich erleben und überprüfen liess.


Wider die Angst vor der übermächtigen Überwachungs-Technologie: Amy Alexanders SVEN-Bus rekrutiert potenzielle Musiktalente. (Bild: Nicole Biermaier)

So bot die kalifornische Künstlerin und Professorin Amy Alexander in ihrem Vortrag «Software, Surveillance, Scariness and Subjectivity» weiterführende Gedanken zu ihrer mutwilligen Performance SVEN (Surveillance Video Entertainment Network). Der Clou der Performance besteht darin, dass Alexander respektive ihre Software vorübergehende Passanten mit einer Video-Überwachungs-Einrichtung filmt, dabei aber nicht nach Kriminellen, sondern nach potentiellen Rockstars sucht. Aus Terrorfahndung wird Musikstar-Rekrutierung, aus Staatsschutz Entertainment. So unterschiedlich einsetzbar ist dieselbe Technologie, erklärte im Vortrag Alexander einen ihrer Grundgedanken.


Aufmerksame Passant erkennen sich selbst im vor Ort montierten Musikclip.

Wie «China Gates» war SVEN am ersten Tag, und zwar in der Nähe des Escher-Wyss-Platzes, zu erleben. Alexander setzt sich, ganz wie das Überwachungsleute tun, in einem Lieferwagen vor die Computer, während eine auf dem Dach installierte Videokamera Passanten aufnahm und die Aufnahmen sogleich zu einem kleinen Film verarbeitete. War eine sich nähernde Passantin beim Lieferwagen angekommen, konnte sie sich das praktisch in Echtzeit hergestellte, mit passender Rockmusik unterlegte Filmchen gleich ansehen. Alexanders Arbeit paart Witz mit Aufklärung. Meist geht es an der Schnittstelle Kunst und Wissenschaft gründlich und ernst, manchmal gar humorlos zu. Alexanders Performance und Vortrag bildeten da einen schönen Kontrapunkt.

 
Projekt:

«Digital Art Weeks»
Symposium (Vorträge und Demonstrationen) an der ETH vom 13. bis 15. Juli 2006

Links:

»Digital Art Weeks
»Website von Jason Freeman
»Website von Amy Alexander
»SVEN von Amy Alexander
»Unsere Vorschau zu den «Digital Art Weeks» vom 12. Juli 2006