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Der Titel des 2005 erschienenen Sammelbandes «SchnittStellen»,
der Auftakt zu einer vom Basler Medienwissenschaftler Georg Christoph
Tholen herausgebenen Reihe «Basler Beiträge zur Medienwissenschaft», bringt
es exemplarisch auf den Punkt: Wo Medien im Spiel sind, geht es meist
nicht um das Zentrum einer Disziplin, sondern um ihre Ränder, um die Orte,
wo sich das Feld des Mediengebrauchs mit anderen Disziplinen überschneidet.
Die letzte Woche an der ETH Zürich ausgerichtete viertätige Veranstaltung
«Digital Art Weeks» bewegte sich systematisch an der Schnittstelle der
Disziplinen Kunst und Wissenschaft.

Der Takt der Performance «China Gates» wird durch
GPS-Signal übermittelt und an einem kleinen, am Handgelenk angebrachten
Gerät angezeigt.
Auftakt der Veranstaltung bildete die Musik-Performance «China Gates»
von Art Clay (siehe »unsere
Vorschau vom 12. Juli). Wer erwartete, die Kunstaktion auf dem Zürcher
Parkareal Platzspitz schon von weitem zu hören, erlebte im Gegenteil,
wie die Stadt den virtuellen Klangraum von «China-Gates» bedrängte mit
Baulärm, vorbeirasenden Ambulanzen und besonders einem mit Verstärker
opulent ausgerüsteten, glücklicherweise aber noch nicht richtig in Betrieb
genommenen Festzelt in nächster Nähe.
Die Performance war Hightech und urtümlich schlicht zugleich: Hightech
war der GPS-Signale verarbeitende Mini-Computer, der an den Hüten und
Handgelenken der Orchester-Musikerinnen und Musiker befestigt war, schlicht
waren die Musik-Instrumente: handtellergrosse chinesische Gongs. Der Effekt
war, dass die digitale Kunstaktion nicht spektakulär, sondern poetisch
wurde. Es galt die Musikerinnen zwischen den übrigen Park-Passanten sowohl
mit den Augen wie mit den Ohren überhaupt auszumachen. Die Kunstaktion
drohte aufgrund ihrer zurückhaltenden Verwendung von Technologie ständig
in der Umgebung zu verschwinden. Das war ein erfrischend eigenwilliger
Anfang für eine Veranstaltung, die in der übermächtigen Hochburg der hiesigen
Technologieproduktion, der ETH, beheimatet ist.

Art Clay, Autor der Performance «China Gates»
und zugleich künstlerischer Leiter der Digital Art Weeks
Neben den abendlichen Performances organisierten die «Digital Art Weeks»
ein dreitägiges Symposium im Kuppelraum der ETH. Der Vormittag des ersten
Tages überzeugte dank der gemeinsamen Thematik, der Schnittstelle Musik
und Neue Medien: Der freilich schwer verständliche Vortrag von Art Clay,
Schöpfer der Kunstperformance «China Gates» und zugleich künstlerischer
Leiter von «Digital Art Weeks», und der anschliessende Beitrag des amerikanischen
Komponisten Jason Freeman ergaben zusammen einen Eindruck davon, wie mittels
digitaler Medien das herkömmliche Setting der Musikaufführung unterwandert
werden kann. Freeman stellte seine Komposition «Glimmer» (2004) für 15
oder 25 Streichinstrumente vor: Das Publikum wird mit Leuchtstäben ausgerüstet
und kann durch Schwenken der Stäbe das Spiel der Musikerinnen und Musiker
beeinflussen, regelrecht dirigieren. Wie bei «China Gates» soll sich auch
hier die herkömmliche strenge Trennung zwischen Publikum und Interpreten
relativieren.
Zwischen Musikerlebnis und grundsätzlichen Überlegungen zur Musik
Funktionieren «China Gates» oder «Glimmer» nicht nur als Konzept, das
sich theoretisch und praktisch mit den Parametern von Musik und ihrer
Geschichte auseinandersetzt, sondern auch als erlebbare Musik? Glimmer
liess sich nur per Video und aufgrund der Schilderungen Freemans nachvollziehen,
hörte sich aber interessant und aufgrund der professionellen Musikerinnen
auch gekonnt an. «China Gates» hingegen war real erlebbar und war zweifellos
ein schönes, ein eindrückliches Erlebnis: Musikalisches Geschehen war
gleichsam zwischen Himmelszelt und knirschenden Kieswegen auseinandergedröselt,
vereinzelt fanden sich wandernde Musiker und ihre Gongklänge zusammen.
Doch war das noch ein Musik-Stück und vermag diese Performance der Musik
neue Impulse zu geben? Was denn überhaupt ist «Musik»? Art Clay wie Freeman
haben mit ihren Arbeiten und Ausführungen dazu interessantes Material
geboten.
Das Verführerisch-Kaleidoskopische des Digitalen
Der Nachmittag rief dann aber den altbekannten problematischen Aspekt
des Schnittstellenartigen der «Digital Art» in Erinnerung: Als „Schnittstellenkunst“
hat sie an den verschiedensten Bereichen auf unterschiedlichste Weise
Anteil. So kamen schon nur am ersten Tag gleich so disparate Bereiche
wie Musik, Design (Jan Borchers, Aachen), Dokumentarfilm (Julian Rohrhuber,
Köln), Sound-Transformationen (Hannes Raffaseder, St. Pölten) oder Video-Überwachung
(Will Pappenheimer und Amy Alexander) zur Sprache. Die Veranstaltung insgesamt
vermittelte so den Eindruck, sich dem Kaleidoskopartigen des Digitalen
anzuvertrauen und einer Präzisierung der Fragestellung auszuweichen. Interessant
dagegen war, dass viele der vortragenden Künstlerinnen und Künstler zugleich
die abendlichen Performances und Ausstellungen bespielten, sich das Gesagte
gleich erleben und überprüfen liess.

Wider die Angst vor der übermächtigen Überwachungs-Technologie:
Amy Alexanders SVEN-Bus rekrutiert potenzielle Musiktalente. (Bild: Nicole
Biermaier)
So bot die kalifornische Künstlerin und Professorin Amy Alexander in ihrem
Vortrag «Software, Surveillance, Scariness and Subjectivity» weiterführende
Gedanken zu ihrer mutwilligen Performance SVEN (Surveillance Video Entertainment
Network). Der Clou der Performance besteht darin, dass Alexander respektive
ihre Software vorübergehende Passanten mit einer Video-Überwachungs-Einrichtung
filmt, dabei aber nicht nach Kriminellen, sondern nach potentiellen Rockstars
sucht. Aus Terrorfahndung wird Musikstar-Rekrutierung, aus Staatsschutz
Entertainment. So unterschiedlich einsetzbar ist dieselbe Technologie,
erklärte im Vortrag Alexander einen ihrer Grundgedanken.

Aufmerksame Passant erkennen sich selbst im vor
Ort montierten Musikclip.
Wie «China Gates» war SVEN am ersten Tag, und zwar in der Nähe des Escher-Wyss-Platzes,
zu erleben. Alexander setzt sich, ganz wie das Überwachungsleute tun,
in einem Lieferwagen vor die Computer, während eine auf dem Dach installierte
Videokamera Passanten aufnahm und die Aufnahmen sogleich zu einem kleinen
Film verarbeitete. War eine sich nähernde Passantin beim Lieferwagen angekommen,
konnte sie sich das praktisch in Echtzeit hergestellte, mit passender
Rockmusik unterlegte Filmchen gleich ansehen. Alexanders Arbeit paart
Witz mit Aufklärung. Meist geht es an der Schnittstelle Kunst und Wissenschaft
gründlich und ernst, manchmal gar humorlos zu. Alexanders Performance
und Vortrag bildeten da einen schönen Kontrapunkt.
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