Impressum

huszai@clickhere.ch
&
21.08.06

Kleines Buch zum grossen Meilenstein «Poème électronique»
Villö Huszai

Nachdem die Basler Paul Sacher Stiftung kürzlich den Nachlass von Edgar Varèse erworben hat, ist das von Varèse und Le Corbusier gemeinsam produzierte «Poème électronique» noch ein bisschen mehr zum Schweizer (Medien)Kunstwerk geworden.

Das multimediale «elektronische Gedicht» wurde während der Brüsseler Weltausstellung von 1958 im Philips-Pavillon aufgeführt; Le Corbusier produzierte die «Visuals», wie man heute sagen würde, und entwickelte das räumliche Konzept dazu, wie der Ton im Pavillon mittels rund 400 Lautsprechern (!) verteilt werden sollte. Vom Komponisten Varèse stammt die Musik, in der er seine Vision von neuen Musikklängen, unter anderem sogar mittels Düsenflugzeug-«Lärm», zu realisieren versucht.


Edgard Varèse (1883–1965): Poème électronique für Tonband (1957–58), Collagierte Verlaufsgraphik, (Ausschnitt). Paul Sacher Stiftung Basel (Sammlung Edgard Varèse), Foto Christian Baur, Basel, zvg vom Museum Tinguely

Dieses kühne Werk sei hier als besonderer Referenzpunkt der aktuellen Schweizer Medienkunst empfohlen. Anlass für diese Empfehlung bildet die Dokumentation «Edgar Varèse und das Poème électronique». Die Paul Sacher Stiftung hat die handliche Schrift im Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung «Edgar Varèse, Komponist, Klangforscher, Visionär» im Basler Tinguely Museum herausgebracht. Die Ausstellung zeigt eine Nachstellung des multimedialen Pionierwerks, das 1958 während sechs Monaten jeden Tage zwanzig Mal 500 Personen gezeigt wurde. Mit mehr als einer Million Besuchern entpuppte sich das waghalsige Gemeinschaftswerk als grosser Publikumserfolg. Und dabei gelang es nicht ein einziges Mal, das Stück auch nur annähernd pannenfrei aufzuführen, so Dieter A. Nanz in seiner hochinformativen und packend geschriebenen Einführung.

Inwiefern ist das Poème électronique ein besonders interessanter Referenzpunkt für die aktuelle Medienkunst? Generell ist es die Zwitterstellung des Werkes zwischen einem Werk der klassischen Moderne, einem Werk der Kunst- und Musikgeschichte, und zugleich einem Werk, das wie viele gegenwärtige Medienkunstprojekte dem Prinzip folgt, auf bewährte Kunstmittel zu verzichten und sich dem Promotor neuer Technologien anzuvertrauen. Dass Varèse mit einem Bein dabei aber fest in der E-Musik verankert bleibt, macht ihn für eine Medienkunstgeschichte zum wertvollen Sonderfall. An ein paar Punkten sei die Verwandtschaft Varèses mit aktueller Medienkunst vor Augen geführt:

Erstens ist das Seilziehen zwischen dem technologischen und dem künstlerischen Interesse ein Evergreen der Medienkunst: Philips wollte eine «aufsehenerregende Demonstration des technischen Potentials der Firma» (S.6), Varèse hingegen leiteten musikkünstlerische Motive, wobei ihn dies nach Nanz nicht am handfesten Wunsch hinderte, dass es «knallte» (S. 38). Dass die aussergewöhnliche Dynamik der Tonmontagen noch heute zur Publikumswirksamkeit des Stückes beiträgt, kann man in Basel nacherleben.

Zweitens liest es sich wie ein Krimi, wie Varèse mit den Technikern im Detail zusammenarbeitete. Varèse war zwar ein Pionier auf dem Gebiet der elektroakustischen Musik, verstand von der Technik aber offenbar so gut wie nichts. Die Realisierung seiner Klangvorstellungen überliess Varèse darum weitgehend den von Philips beauftragten Technikern. Ein pikantes Detail: Der Ingenieur Wilhelm Tak, der Varèse unterstützen sollte, hatte Philips zuvor ein eigenes Konzept vorgelegt und war abgewiesen worden. Tak kam laut Nanz bald zum Schluss, dass Varèse doch nur «irgendwas ‚rumsaue’» (S. 31).

Drittens kennt man auch in der aktuellen Medienkunst die Differenz zwischen künstlerischer Vision und technischer Realisierung: Varèse schwebte es vor, die Musik auf eine «höhere Abstraktionsebene» zu heben (S. 14). Die Unzulänglichkeit herkömmlicher Musikausübung, schwer berechenbare Faktoren wie Konzertsaal, individuelle Interpreten oder die alten Instrumente, sollten ausgeschaltet werden durch die Verwendung elektroakustischer Mittel. Doch in Realität ergaben sich aus der neuen Technologie, man denke nur schon an die vier verwendeten Tonbandgeräten und die vordigitale Ansteuerung der 400 Lautsprecher, natürlich viel ärgere Probleme, als sie aus der konventionellen Musik-Welt bekannt waren.

Viertens trifft man auch in der Auseinandersetzung mit Varèse das notorische Spannungsfeld zwischen künstlerischer Formstrenge und technischer Bastelei. Varèse gehört eher dem Pol künstlerischer Formstrenge an, der aufgrund seiner Visionen und seiner erratischen Liebe fürs Technische (er soll Zeit seines Lebens von einem eigenen Labor geträumt, aber nie eines für länger zur Verfügung gehabt haben) aber immer wieder in die Nähe der Bastelei geriet. Peter Révai, der zweite Autor der Dokumentation, bietet eine faszinierende Form-Analyse des Poème. Er hat ihr das Motto vorangestellt: «Auch in der elektronischen Musik ist, nichts anderes als in der traditionellen, Zusammenhang die oberste Kategorie». Révai attestiert dem Poème denn auch «radikale formale Geschlossenheit und Stringenz» (S. 56). Aber die Formstrenge kommt in Folge von «Klangvariationen» zustande, die sich mit herkömmlichen musikalischen Darstellungsmitteln nicht erfassen lassen. Die Lösung führt über das Auge: Die Klangstrukturen des Poème sollen mittels sogenannter «Sonogramme» visualisiert werden. Doch die mathematisch-kalkulatorischen Mittel für eine solche Visualisierung sind noch nicht ausgereift, es braucht noch «bessere Software» (S. 56), so Révai. Mit anderen Worten sind zumindest wir Interpreten noch mitten in der digitalen Bastelei.

Publikation:

«Edgar Varèse und das 'Poème électronique', Eine Dokumentation»
Hg.v. Dieter A. Nanz. Basel: Paul Sacher Stiftung 2006.
Zu beziehen über die Paul Sacher Stiftung oder im Basler Tinguely-Museum.

Ausstellung:

Noch bis Ende Woche:
Ausstellung «Varèse – Komponist, Klangforscher, Visionär»
Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1, Basel (CH)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11.00 bis 19.00 Uhr

Links:

»Paul Sacher Stiftung
»Ausstellung «Varèse - Komponist, Klangforscher, Visionär» im Museum Tinguely Basel
In die Ausstellung hat Kurator Heinz Stahlhut auch eine überarbeitete Version von «instant city» eingeladen, der interaktiven Klanginstallation des Basler Künstlerduos «any affair», über die Martin Burr am »19. Februar 2005 für clickhere.ch berichtete.