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21.11.06
Ich bin auch ein Label
Impressionen vom ersten «Netlabelfestival»
Marcus Maeder

Dieses Wochenende fand in Roten Fabrik in Zürich das erste Netlabelfestival statt. Die Veranstaltung will Treffpunkt eines schnell gewachsenen, internationalen Netzwerks von im Internet publizierenden Musikern und Labels sein. Netlabels für einmal analog.

Schon lange war ich nicht mehr an einer Party im Clubraum der Roten Fabrik, auch diesmal soll’s keine sein. Das Panel «Netlabel Shortcuts» will eine Übersicht übers aktuelle Online-Musikschaffen und -Publizieren bieten, viele Stühle im Clubraum sind jedoch vorabendlich verwaist. Das sticht vor allem in der Schlussrunde ins Auge, wo alle Netlabel-Vertreter zur Diskussionsrunde nach vorne gebeten werden. Man ist sich sein eigenes Publikum. Obwohl die Download-Statistiken von Musik allseits steil nach oben weisen, scheinen Themen wie Produktions- und Distributionsformen von Musik im Web 2.0 nur erst die selbst Involvierten anzusprechen.


Wie es sich gehört: Netlabelbetreiber bleiben auch fotografiert offenbar
gerne virtuell (Foto: Marcus Maeder).


Der Präsentationsreigen ist breit angelegt, er reicht von der staatsradiogetragenen Plattform mx3.ch für junge Schweizer Musiker im MySpace-Format über Labels aus der internationalen Netlabelszene bis hin zur jüngsten Initiative zur Registrierung medialer Kunstwerke. Allen Projekten gemein ist ein grosser Enthusiasmus für die eigene Sache. Ich werde den Eindruck nicht los, dass hier die Distribution von künstlerischen Inhalten an sich zum Kunstwerk erklärt wird – wohl darum, weil durch veränderte Wahrnehmung und Nutzung medialer Inhalte im Internet Produzent und Konsument näher gerückt respektive in Personalunion aufgegangen sind. Dagegen spricht eigentlich nichts, wenn ich daran denke, dass ein DJ ja auch aus bestehenden Tracks auf Schallplatte/im MP3-Player ein eigenes Kunstwerk der Musikzusammenstellung und/oder Bewegungs- und Paarungsanimation herzustellen in der Lage ist. Sim Sullen (warum wohl das Pseudonym?) vom Netlabel 12rec.net hält für das Phänomen eine Parabel bereit: Man gehe ja auch lieber ins kleine Restaurant mit guter, liebevoll zusammengestellter Hausmannskost essen als zur grossen, anonymen Fastfood-Kette mit Einheitsmenu.

Die Netlabels offenbaren in ihrer Form vor allem eines: die momentanen (hier unter dem Oberbegriff Musik amtierenden) Ausprägungen des Begehrens gegenüber der Wunschmaschine Internet. Buhlte man auf dem Schulhof mit Fussballbildli und später dann mit Mixtapes um Freunde und Anerkennung, verspricht heute das Betreiben eines Netlabels hohe Kurswerte auf dem Markt der kulturellen Selbstdarstellung (zu Beginn des Panels tauchte der Begriff Aufmerksamkeits-Ökonomie auf). Auch dagegen spricht nichts, weil davon in erster Linie die Künstler profitieren, und nicht die Medienindustrie.

Interessant wird es dann, wenn erwähnte, veränderte Wahrnehmung und Nutzung von medialen Inhalten im Internet diese selber zu transformieren beginnen und sich Werkbegriff wie Künstleridentität verschieben. Natürlich ist das den meisten der präsentierten Vorhaben implizit. Aber in seiner expliziten Form fehlt mir das bei den vorgestellten Projekten doch in der Regel. Oft werden einfach nur herkömmliche Distributions- und Konsumtionsformate künstlerischer Inhalte in der Virtualität weiterexerziert; die Punksingle ist jetzt ein OGG-File, das Fanzine ein Blog, der Plattenladen ein Online-Shop usw. Und auch an der Band als fast einziger Form kollektiver Autorschaft wird nicht gerüttelt. Am ehesten sehe ich weiter denkende Ideen in den Projekten der Organisatoren des Netlabelfestivals selber, anorg.net (im Moment leider nur eine Baustellen-Seite - visit again!), und deren Projekt sonicsquirrel.net (funktioniert hauptsächlich via Playlists als Austausch- und Distributions-«Format»).

Grosses Interesse weckt die Präsentation des Registrierungs-Dienstes registeredcommons.org. Es handelt sich um ein Projekt öffentlicher und privater Partner aus dem Nachbarland Österreich. Über CreativeCommons-Lizenzen und einen Timestamp-Service werden künstlerische Arbeiten registriert, geschützt und verwaltet. Das Modell kommt ohne die Paranoia und Ausschliesslichkeit von Industrie, Urheberrechts- und Verwertungsgesellschaften aus und gewährleistet und überprüft die freie oder gebührenpflichtige Nutzung von multimedialen Werken entsprechend den lokalen Gesetzen. Die Diskussion um Urheberrecht und Praxis der Verwertungsgesellschaften flammt vor allem beim Thema Open Content/CreativeCommons wieder auf – denn Hauptproblem fast aller Netlabels sind die Gebühren, welche die Verwertungsgesellschaften für den Download der Musik von bei ihnen unter Vertrag stehenden Künstlern verlangen – von der Publikation der Arbeiten solcher Künstler muss dann oft abgesehen werden, weil sich die idealistisch betriebenen Netlabels das finanziell nicht leisten können.

Das Festival findet nach den Präsentationen im Clubraum mit dem Konzertabend «Electronic Saturday» seine Fortsetzung in der Aktionshalle, ich bleibe viel zu lange, finde es eine tolle Idee, eine solche Veranstaltung zu machen, würde allenfalls das nächste Mal etwas spannendere Netlabels einladen, schnalle die in der Aktionshalle drapierten Medienkunstwerke hauptsächlich nicht, haue mit dem eben aufgetretenen Musiker aus der Ukraine, Andrej Kiritschenko (nexsound.org, ein Tipp!), beim Tischfussball die zwei netten Heinis vom Netlabel imnotok.com aus dem schönen Kalifornien in die Pfanne und finde die Hellraumprojektor-Visuals der mir leider unbekannten Künstler sehr viel lustiger als der restliche, digitale Dingsbums.

Veranstaltung: Netlabel-Festival vom 17./18. November 2006
Rote Fabrik, Seestrasse 395, Zürich

In der Infothek der Roten Fabrik ist noch bis zum 25. November die Netaudio-Lounge aufgebaut.
Öffnungszeiten: Mittwoch 12.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag/Freitag 12.00 bis 22.00 Uhr.
Links:

»www.netlabelfestival.ch
»Siehe auch Marcus Maeders Beitrag zu den Nöten der Netlabels mit «ihrer» Verwertungsgesellschaft Suisa.