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22.01.07
Surfin' the Systems: From Here to the Ocean
Verena Kuni

Auch im COMPILER 02 steckt drin, was draufsteht: Das vom Basler Tweaklab herausgegebene «DVD Magazine for Contemporary Art» bietet eine Kompilation aktueller audiovisueller Kunst – jeweils zu einem Schwerpunkt-Thema von GastkuratorInnen zusammengestellt.

Als 2003 der erste COMPILER herauskam, war das so etwas wie eine kleine Sensation: Endlich ein Projekt, dass die Potentiale neuer Distributionsformen, wie sie damals vor allem im kommerziellen Bereich genutzt wurden, für die Kunst auslotete. Und dabei auch inhaltlich Horizonte eröffnete, denn die von Susanne Wintsch in Zusammenarbeit mit Milica Tomic´ betreute Erstausgabe («Was ist Kunst, Marinela Kozelj?») versammelte Audio- und Videoarbeiten, digitalisierte Kurzfilme und Dokumentationen von Performances aus dem ehemaligen Jugoslawien – darunter vieles, was jenseits des seinerzeit markant gewachsenen Interesses an der Kunstproduktion aus Ländern wie Serbien, Slowenien und Bosnien-Herzegowina bis dahin ungesehen geblieben war.

Auf einen Anschluss musste man warten. Verständlich zwar – denn das COMPILER-Konzept, das Magazin als kuratierte Plattform zu verstehen, verlangt eine weitaus aufwändigere Vorbereitung als etwa die Top-Ten-Kompilationen von Musikvideos, wie sie zeitweise auf dem Zeitschriftenmarkt boomten. Eben deshalb war die Befürchtung nicht ganz grundlos, es könnte bei der einen Ausgabe bleiben.


Still aus Hanspeter Hofmanns «Drill» (1999)

Nun ist Ende 2006 COMPILER.02 erschienen – und weckt schon auf den ersten Blick die Lust, sich erneut auf eine Entdeckungsreise zu begeben. «From Here to the Ocean», Titel und Motto zugleich, ziert als sinnstiftend umgesetztes Schrift-Bild das Cover: Vor den beiden ersten Worten, die als dunkle Alpenkette am Horizont aufragen, sind silberne Wolken aufgezogen, deren Tropfen zusammen mit frischem Bergquell den Ozean speisen, der im Vordergrund wogt und dessen Wellen sich auf der DVD im Inneren der Schatulle zu einem zentrifugalen Strudel verdichten.

Ein Bild, das auch insofern passt, als es der kuratorischen Perspektive entspricht:
Denn diesmal hat der Basler Daniel Baumann – unterstützt von Champion Zero, einem zuletzt in Los Angeles stationierten Galerieprojekt – Arbeiten ausgewählt, die im weitesten Sinne von der Anziehungskraft eben jener anderen Orte und Horizonte handeln, wie man sie mindestens metaphorisch mit Ozeanischem assoziiert. In Hommage an die Surffilm-Legende George Greenough und insbesondere dessen 1973 entstandene Arbeit «Echoes» – ein Mosaik aus Filmsequenzen, die Greenough direkt vom Surfbrett aus schoss – nimmt die Zusammenstellung allerdings nicht nur Kurs auf einschlägige Bilder; auch das Wellenreiten wird dabei mehr als Lebensgefühl und ästhetischer Stil adressiert.


Still aus Shaun Gladwells «New Storm Sequence» (2000)

Zwar gibt es durchaus Videos, die direkt in der entsprechenden Traditionslinie stehen: Etwa Drew Heitzlers ausgedehnte «Subway Sessions» (2001), die von der hierzulande eher weniger bekannten Surfer-Szene in New York berichten, deren Anhänger mit ihren Brettern per U-Bahn nach Queens zu pilgern pflegen. Shaun Gladwells «New Storm Sequence» (2000), das mit seinem auf einer Strandpromenade vor Meereskulisse seine Pirouetten drehenden Skater die nahe liegende Brücke zwischen Wellen- und Asphaltakrobatik schlägt.
Oder Hanspeter Hofmanns «Drill» (1999), das Aufnahmen von Surfern mit skurrilem Footage aus einem alten B-Movie, auf dem eine Frau den Kopf eines Mannes in einem Schraubstrock malträtiert und Ausschnitten aus einem S&M-Porno-Clip verschränkt. Gleichwohl wird hier das annoncierte Thema schnell zur Nebensache, denn die Kamera zoomt so dicht auf die Mattscheibe des Fernsehers, von dem die Bilder abgenommen werden, dass die an den Strand stürzenden Wellen mit den Strudeln der Pixel verschmelzen: Abstrakte Malerei mit den Mitteln von Video, «surfin' the system».


Still aus Emilie Halperns «Solar Kisss» (2003)

Tatsächlich ist es der Beitrag Malers, der zusammen mit den nur für wenige Sekunden aufblitzenden Videos von Trisha Donnelly («Let'em», 2006) und Emilie Halpern («Solar Kisss», 2003) für die entscheidenden Brüche sorgt und die Kompilation als solche wirklich spannend macht. Denn grundsätzlich hat es in den vergangenen Jahren ja wahrlich nicht an Surfer-Kult gemangelt – weder in der Populärkultur, noch im Kunstbetrieb, der sich die Mischung aus Coolness und Artistik, Alltagsästhetik und stylischem Design, Sportlichkeit und subkulturellen Flair nur allzu gern ins Haus holte, noch bevor es ganze Kunstmessen ins strandnahe Ambiente zog. Doch gerade die Fülle der Projekte, die auf dieser Welle mitritten, liess deren Schwung umso schneller in schaler Selbstgefälligkeit versanden – und nur die wenigsten der einschlägigen Arbeiten konnten so überzeugen wie Tracey Moffatts «Heaven» (1997), ein Video, in dem die australische Künstlerin lustvoll in die Rolle der Voyeurin schlüpft, um am berühmten «Bondi Beach» mit ihrer Handkamera den gut trainierten Körpern der Surfer nachzustellen.

Moffatts Klassiker fehlt leider auf der Kompilation – aber das lässt sich einem Projekt, das nach neuen Perspektiven auf seinen Gegenstand sucht, schwerlich zum Vorwurf machen. Gerade in diesem Sinne war es die bessere Wahl, stattdessen ein anderes historisches Band aufzunehmen, das auf seine Weise ebenfalls einen schrägen Blick auf viriles Posieren wirft: Eine unbetitelte Arbeit aus 1992, in der man Hans Weigand und Heimo Zobernig dabei beobachten kann, wie sie sich – gebückt in einer Blue Box stehend – vergeblich mühen, zwei mächtige Kettensägen anzuwerfen. Coole Jungs im Kampf mit phallischen Maschinen, einmal mehr «surfin' systems» der intelligenten und dabei ziemlich amüsanten Art.
Dafür, dass sich «From Here to the Ocean» vom Mainstream des besagten Surfkultur-Hypes angenehm abhebt, garantiert in diesem Fall die glückliche Hand des Kurators, dessen Kombinatorik von Pop, Underground und Kunst auch schon in anderen Formaten überzeugen konnte – etwa 2004 in der Kunsthalle Basel mit der Ausstellung «Herbstkatalog Lederfransen». Einziger Wermutstropfen von daher: COMPILER #2 macht Lust auf mehr. Bleibt also zu hoffen, dass die nächste Ausgabe nicht wieder lange Jahre auf sich warten lässt.

 
Projekt:

COMPILER.02 – «From Here to the Ocean» (2006)
Kuratiert von Daniel Baumann und Champion Zero, mit Arbeiten von Olaf Breuning, Trisha Donnelly, Emilie Halpern, Drew Heitzler, Hanspeter Hofmann, Marie Jager, Shaun Gladwell, Los Super Elegantes und Hans Weigand/Heimo Zobernig.
DVD (Video), 90 min., Farbe/Ton, NTSC 4:3, Booklet mit Textkommentaren von Daniel Baumann, ISBN: 978-3-9522859-1-6
30 CHF / 20 Euro, zzgl. Porto zu bestellen über »www.compiler.ws

Links:

»COMPILER. DVD Magazine for Contemporary Art
»Herausgeber und Produzent: Tweaklab Basel
»Homepage Daniel Baumann