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Als 2003 der erste COMPILER herauskam, war das so etwas
wie eine kleine Sensation: Endlich ein Projekt, dass die Potentiale neuer
Distributionsformen, wie sie damals vor allem im kommerziellen Bereich
genutzt wurden, für die Kunst auslotete. Und dabei auch inhaltlich
Horizonte eröffnete, denn die von Susanne Wintsch in Zusammenarbeit
mit Milica Tomic´ betreute Erstausgabe («Was ist Kunst, Marinela
Kozelj?») versammelte Audio- und Videoarbeiten, digitalisierte Kurzfilme
und Dokumentationen von Performances aus dem ehemaligen Jugoslawien –
darunter vieles, was jenseits des seinerzeit markant gewachsenen Interesses
an der Kunstproduktion aus Ländern wie Serbien, Slowenien und Bosnien-Herzegowina
bis dahin ungesehen geblieben war.
Auf einen Anschluss musste man warten. Verständlich zwar –
denn das COMPILER-Konzept, das Magazin als kuratierte Plattform zu verstehen,
verlangt eine weitaus aufwändigere Vorbereitung als etwa die Top-Ten-Kompilationen
von Musikvideos, wie sie zeitweise auf dem Zeitschriftenmarkt boomten.
Eben deshalb war die Befürchtung nicht ganz grundlos, es könnte
bei der einen Ausgabe bleiben.
Still aus Hanspeter Hofmanns «Drill»
(1999)
Nun ist Ende 2006 COMPILER.02 erschienen – und weckt schon auf den
ersten Blick die Lust, sich erneut auf eine Entdeckungsreise zu begeben.
«From Here to the Ocean», Titel und Motto zugleich, ziert
als sinnstiftend umgesetztes Schrift-Bild das Cover: Vor den beiden ersten
Worten, die als dunkle Alpenkette am Horizont aufragen, sind silberne
Wolken aufgezogen, deren Tropfen zusammen mit frischem Bergquell den Ozean
speisen, der im Vordergrund wogt und dessen Wellen sich auf der DVD im
Inneren der Schatulle zu einem zentrifugalen Strudel verdichten.
Ein Bild, das auch insofern passt, als es der kuratorischen Perspektive
entspricht:
Denn diesmal hat der Basler Daniel Baumann – unterstützt von
Champion Zero, einem zuletzt in Los Angeles stationierten Galerieprojekt
– Arbeiten ausgewählt, die im weitesten Sinne von der Anziehungskraft
eben jener anderen Orte und Horizonte handeln, wie man sie mindestens
metaphorisch mit Ozeanischem assoziiert. In Hommage an die Surffilm-Legende
George Greenough und insbesondere dessen 1973 entstandene Arbeit «Echoes»
– ein Mosaik aus Filmsequenzen, die Greenough direkt vom Surfbrett
aus schoss – nimmt die Zusammenstellung allerdings nicht nur Kurs
auf einschlägige Bilder; auch das Wellenreiten wird dabei mehr als
Lebensgefühl und ästhetischer Stil adressiert.
Still aus Shaun Gladwells «New Storm Sequence»
(2000)
Zwar gibt es durchaus Videos, die direkt in der entsprechenden Traditionslinie
stehen: Etwa Drew Heitzlers ausgedehnte «Subway Sessions»
(2001), die von der hierzulande eher weniger bekannten Surfer-Szene in
New York berichten, deren Anhänger mit ihren Brettern per U-Bahn
nach Queens zu pilgern pflegen. Shaun Gladwells «New Storm Sequence»
(2000), das mit seinem auf einer Strandpromenade vor Meereskulisse seine
Pirouetten drehenden Skater die nahe liegende Brücke zwischen Wellen-
und Asphaltakrobatik schlägt.
Oder Hanspeter Hofmanns «Drill» (1999), das Aufnahmen von
Surfern mit skurrilem Footage aus einem alten B-Movie, auf dem eine Frau
den Kopf eines Mannes in einem Schraubstrock malträtiert und Ausschnitten
aus einem S&M-Porno-Clip verschränkt. Gleichwohl wird hier das
annoncierte Thema schnell zur Nebensache, denn die Kamera zoomt so dicht
auf die Mattscheibe des Fernsehers, von dem die Bilder abgenommen werden,
dass die an den Strand stürzenden Wellen mit den Strudeln der Pixel
verschmelzen: Abstrakte Malerei mit den Mitteln von Video, «surfin'
the system».

Still aus Emilie Halperns «Solar Kisss»
(2003)
Tatsächlich ist es der Beitrag Malers, der zusammen mit den nur für
wenige Sekunden aufblitzenden Videos von Trisha Donnelly («Let'em»,
2006) und Emilie Halpern («Solar Kisss», 2003) für die
entscheidenden Brüche sorgt und die Kompilation als solche wirklich
spannend macht. Denn grundsätzlich hat es in den vergangenen Jahren
ja wahrlich nicht an Surfer-Kult gemangelt – weder in der Populärkultur,
noch im Kunstbetrieb, der sich die Mischung aus Coolness und Artistik,
Alltagsästhetik und stylischem Design, Sportlichkeit und subkulturellen
Flair nur allzu gern ins Haus holte, noch bevor es ganze Kunstmessen ins
strandnahe Ambiente zog. Doch gerade die Fülle der Projekte, die
auf dieser Welle mitritten, liess deren Schwung umso schneller in schaler
Selbstgefälligkeit versanden – und nur die wenigsten der einschlägigen
Arbeiten konnten so überzeugen wie Tracey Moffatts «Heaven»
(1997), ein Video, in dem die australische Künstlerin lustvoll in
die Rolle der Voyeurin schlüpft, um am berühmten «Bondi
Beach» mit ihrer Handkamera den gut trainierten Körpern der
Surfer nachzustellen.
Moffatts Klassiker fehlt leider auf der Kompilation – aber das lässt
sich einem Projekt, das nach neuen Perspektiven auf seinen Gegenstand
sucht, schwerlich zum Vorwurf machen. Gerade in diesem Sinne war es die
bessere Wahl, stattdessen ein anderes historisches Band aufzunehmen, das
auf seine Weise ebenfalls einen schrägen Blick auf viriles Posieren
wirft: Eine unbetitelte Arbeit aus 1992, in der man Hans Weigand und Heimo
Zobernig dabei beobachten kann, wie sie sich – gebückt in einer
Blue Box stehend – vergeblich mühen, zwei mächtige Kettensägen
anzuwerfen. Coole Jungs im Kampf mit phallischen Maschinen, einmal mehr
«surfin' systems» der intelligenten und dabei ziemlich amüsanten
Art.
Dafür, dass sich «From Here to the Ocean» vom Mainstream
des besagten Surfkultur-Hypes angenehm abhebt, garantiert in diesem Fall
die glückliche Hand des Kurators, dessen Kombinatorik von Pop, Underground
und Kunst auch schon in anderen Formaten überzeugen konnte –
etwa 2004 in der Kunsthalle Basel mit der Ausstellung «Herbstkatalog
Lederfransen». Einziger Wermutstropfen von daher: COMPILER #2 macht
Lust auf mehr. Bleibt also zu hoffen, dass die nächste Ausgabe nicht
wieder lange Jahre auf sich warten lässt.
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