Appetit auf mehr
Der Wettbewerb für 10-Sekunden-Animationen «minimotion» 2006
Verena Kuni
Die Zürcher Agentur «Kinowerbung
Bildwurf» und das Grafikbüro Sophia Murer fördern mit einem Wettbewerb
die Kürzestfilmkultur im Kino. Im Riffraff präsentierten sie stolze Resultate
– und planen auf Grund grosser Nachfrage eine weitere Aufführung.
Es muss ja nicht immer gleich Spielfilmlänge sein. Im Gegenteil:
Dass in der Kürze oft eine besondere Würze liegt, gilt nicht von ungefähr
als Binsenweisheit. Allerdings hat es die Kunst des Kurz- und Kürzestfilms
mittlerweile schwer. Denn wo einstmals der Kurzfilm als Vorfilm ein von
Zuschauern hochgeschätzter Standard war, dominieren längst Werbeclips
das Bild – pardon: die Leinwand. Umso begrüssenswerter, wenn ausgerechnet
ein Kinowerbungs-Unternehmen das verlorene Terrain wenigstens ein Stück
weit zurückerobern hilft.
«Get Me» von Alfred
Dieler
Diese Patenschaft verwundert nur im ersten Moment. Denn erstens haben
gerade in den Goldenen Zeiten der Kinowerbung um Mitte des zwanzigsten
Jahrhunderts Auftragsvergaben an Künstler einige Klassiker des Formats
hervorgebracht. Und zweitens handelt es sich in diesem Fall auch nicht
um irgendeine Kinowerbungsproduktion, sondern um ein kleines Haus mit
grosser Affinität zur guten Gestaltung. Im Rahmen des tradierten Fantoche
Festivals für Animationskunst in Baden 2005 wurde das Konzept erfolgreich
getestet. So hat «Bildwurf Kinowerbung» in Zusammenarbeit mit der Grafikerin
Sophia Murer in diesem Jahr erneut einen Wettbewerb ausgeschrieben, dessen
Ziel es ist, die Kürzestfilmkultur im Kino zu erhalten und zu fördern.
«Scanner» von Alice
Kuhn
«Was kann in 10 Sekunden erzählt werden und wie? Ganz schnell? Oder der
Kürze entgegengesetzt mit Reduktion und Langsamkeit? Reichen drei Bilder,
um eine Geschichte zu erzählen? Kann ein aufblitzendes Wort eine Geschichte
sein oder ein Flattern irgendwo im Bild? Soll überhaupt eine Geschichte
erzählt werden oder genügt ein kleines Ereignis, eine Sensation? Wann
wird das Bild zur Animation?» Mit diesem seinerseits schon ziemlich anregend
formulierten Text wurden Film-, Video- und Kunstschaffende dazu eingeladen,
bis zu drei Arbeiten einzureichen – mit einer einzigen festen Vorgabe:
10 Sekunden. Mehr oder weniger bewegte, mehr oder weniger bewegende Bilder
sollten es sein – minimotion eben. Da das Fantoche-Festival nur alle zwei
Jahre stattfindet, winkte diesmal neben drei Geldbeträgen eine Aufführung
ausgewählter Arbeiten, die am 29. Oktober bei Kaffee und Gipfeli im RiffRaff-Kino
Zürich stattfand.
Der Bogen spannte sich vom animierten Mini-Comic-Strip bis zu abstrakten
Bildern, vom Slapstick bis zum umweltpolitischen Statement, von der Karikatur
bis zur künstlerisch avancierten Medienreflexion. Dass dabei nicht alles,
was zehn Sekunden lang (beziehungsweise kurz) über die Leinwand huschte,
gleich ein Genie-Streich war: Geschenkt. Natürlich war da auch manches
Filmchen dabei, das vielleicht ein, zwei Minuten länger benötigt hätte,
um seine Geschichte schlüssig zu erzählen oder zur Pointe zu bringen.
Und während sich die einen an einem kleinen Strichmännchen freuen, das
verzweifelt über einen Hintergrund aus Werbebildern für Konsumwaren strampelt
(Alfred Dieler, «Get Me»), finden andere die vom Schattenriss zur Realfigur
changierende Läuferin durch einen Park aus Licht und Farbe faszinierender
(Adelheid Schürmann, «Rennen»).
Manche Favoriten gingen bei der Preisvergabe durch die Jury leider leer
aus. Alice Kuhns «Scanner» beispielsweise zeigt, wie in der knapp bemessenen
Zeit ein originelles (Selbst-)Porträt entstehen kann, nämlich per Scan
eines Gesichts. Wunderbar schlicht. Die Sieger des Wettbewerbs sind auch
online auf den minimotion-Webseiten zu bewundern: Platz 3 ging an «Ursache
und Wirkung» von Alberto Viecelli, wo in einer Art (Daumen-)Kino-Maschine
ein Haarfön den Karate-Helden Bruce Lee in Bewegung versetzt. Auf Platz
2 lädt Rafael Sommerhalder zu einer Tasse «Kaffee» mit ganz speziellem
Schuss. Den ersten Preis hat in diesem Jahr ein Werk eingeheimst, das
sich vielleicht allein schon deshalb in die Herzen der Jury spielen konnte,
weil man es wieder und wieder ansehen muss – um am Ende zu begreifen,
dass man vielleicht nie verstehen wird, was man da eigentlich sieht. Dabei
schaut das Ganze auf den ersten Blick nach einer denkbar schlichten Szene
aus: «Fishing with John» von Paul Avondet kommt als kitschig buntes Angleridyll
daher, das im nächsten Moment zur skurrilen Was-passiert-dann-Maschine
mutiert. Man wird deren Mechanismus nicht kapieren, weil es ihn jenseits
einer Koinzidenzen zu Kausalitäten umformenden Phantasie wohl auch gar
nicht gibt.
Wer das noch einmal ganz genau überprüfen und auch die anderen ausgewählten
Filme über eine echte Kino-Leinwand huschen sehen möchte, hat Glück: Noch
vor Ende des Jahres werden die kleinen Formate erneut ganz gross rauskommen.
Aufgrund des Andrangs zur Oktober-Vorstellung wollen die Veranstalter
zu einer weiteren Aufführung einladen. Aber ob das ausreicht? Wäre doch
zu schön, wenn der Erfolg von «minimotion» und des verwandten Projekts
«agent provocateur» auch andernorts als Wink verstanden würde: Mehr «Kurze»
in die Kinos! Warum nicht vor jeder Aufführung? Wie wär's? Na: Kurz und
gut!