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22.11.06 Appetit auf mehr
Der Wettbewerb für 10-Sekunden-Animationen «minimotion» 2006
Verena Kuni

Die Zürcher Agentur «Kinowerbung Bildwurf» und das Grafikbüro Sophia Murer fördern mit einem Wettbewerb die Kürzestfilmkultur im Kino. Im Riffraff präsentierten sie stolze Resultate – und planen auf Grund grosser Nachfrage eine weitere Aufführung.

Es muss ja nicht immer gleich Spielfilmlänge sein. Im Gegenteil: Dass in der Kürze oft eine besondere Würze liegt, gilt nicht von ungefähr als Binsenweisheit. Allerdings hat es die Kunst des Kurz- und Kürzestfilms mittlerweile schwer. Denn wo einstmals der Kurzfilm als Vorfilm ein von Zuschauern hochgeschätzter Standard war, dominieren längst Werbeclips das Bild – pardon: die Leinwand. Umso begrüssenswerter, wenn ausgerechnet ein Kinowerbungs-Unternehmen das verlorene Terrain wenigstens ein Stück weit zurückerobern hilft.


«Get Me» von Alfred Dieler

Diese Patenschaft verwundert nur im ersten Moment. Denn erstens haben gerade in den Goldenen Zeiten der Kinowerbung um Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Auftragsvergaben an Künstler einige Klassiker des Formats hervorgebracht. Und zweitens handelt es sich in diesem Fall auch nicht um irgendeine Kinowerbungsproduktion, sondern um ein kleines Haus mit grosser Affinität zur guten Gestaltung. Im Rahmen des tradierten Fantoche Festivals für Animationskunst in Baden 2005 wurde das Konzept erfolgreich getestet. So hat «Bildwurf Kinowerbung» in Zusammenarbeit mit der Grafikerin Sophia Murer in diesem Jahr erneut einen Wettbewerb ausgeschrieben, dessen Ziel es ist, die Kürzestfilmkultur im Kino zu erhalten und zu fördern.


«Scanner» von Alice Kuhn

«Was kann in 10 Sekunden erzählt werden und wie? Ganz schnell? Oder der Kürze entgegengesetzt mit Reduktion und Langsamkeit? Reichen drei Bilder, um eine Geschichte zu erzählen? Kann ein aufblitzendes Wort eine Geschichte sein oder ein Flattern irgendwo im Bild? Soll überhaupt eine Geschichte erzählt werden oder genügt ein kleines Ereignis, eine Sensation? Wann wird das Bild zur Animation?» Mit diesem seinerseits schon ziemlich anregend formulierten Text wurden Film-, Video- und Kunstschaffende dazu eingeladen, bis zu drei Arbeiten einzureichen – mit einer einzigen festen Vorgabe: 10 Sekunden. Mehr oder weniger bewegte, mehr oder weniger bewegende Bilder sollten es sein – minimotion eben. Da das Fantoche-Festival nur alle zwei Jahre stattfindet, winkte diesmal neben drei Geldbeträgen eine Aufführung ausgewählter Arbeiten, die am 29. Oktober bei Kaffee und Gipfeli im RiffRaff-Kino Zürich stattfand.

Der Bogen spannte sich vom animierten Mini-Comic-Strip bis zu abstrakten Bildern, vom Slapstick bis zum umweltpolitischen Statement, von der Karikatur bis zur künstlerisch avancierten Medienreflexion. Dass dabei nicht alles, was zehn Sekunden lang (beziehungsweise kurz) über die Leinwand huschte, gleich ein Genie-Streich war: Geschenkt. Natürlich war da auch manches Filmchen dabei, das vielleicht ein, zwei Minuten länger benötigt hätte, um seine Geschichte schlüssig zu erzählen oder zur Pointe zu bringen. Und während sich die einen an einem kleinen Strichmännchen freuen, das verzweifelt über einen Hintergrund aus Werbebildern für Konsumwaren strampelt (Alfred Dieler, «Get Me»), finden andere die vom Schattenriss zur Realfigur changierende Läuferin durch einen Park aus Licht und Farbe faszinierender (Adelheid Schürmann, «Rennen»).


»Alberto Viecelli: «Ursache und Wirkung»

Manche Favoriten gingen bei der Preisvergabe durch die Jury leider leer aus. Alice Kuhns «Scanner» beispielsweise zeigt, wie in der knapp bemessenen Zeit ein originelles (Selbst-)Porträt entstehen kann, nämlich per Scan eines Gesichts. Wunderbar schlicht. Die Sieger des Wettbewerbs sind auch online auf den minimotion-Webseiten zu bewundern: Platz 3 ging an «Ursache und Wirkung» von Alberto Viecelli, wo in einer Art (Daumen-)Kino-Maschine ein Haarfön den Karate-Helden Bruce Lee in Bewegung versetzt. Auf Platz 2 lädt Rafael Sommerhalder zu einer Tasse «Kaffee» mit ganz speziellem Schuss. Den ersten Preis hat in diesem Jahr ein Werk eingeheimst, das sich vielleicht allein schon deshalb in die Herzen der Jury spielen konnte, weil man es wieder und wieder ansehen muss – um am Ende zu begreifen, dass man vielleicht nie verstehen wird, was man da eigentlich sieht. Dabei schaut das Ganze auf den ersten Blick nach einer denkbar schlichten Szene aus: «Fishing with John» von Paul Avondet kommt als kitschig buntes Angleridyll daher, das im nächsten Moment zur skurrilen Was-passiert-dann-Maschine mutiert. Man wird deren Mechanismus nicht kapieren, weil es ihn jenseits einer Koinzidenzen zu Kausalitäten umformenden Phantasie wohl auch gar nicht gibt.


»Paul Avondet «Fishing with John»

Wer das noch einmal ganz genau überprüfen und auch die anderen ausgewählten Filme über eine echte Kino-Leinwand huschen sehen möchte, hat Glück: Noch vor Ende des Jahres werden die kleinen Formate erneut ganz gross rauskommen. Aufgrund des Andrangs zur Oktober-Vorstellung wollen die Veranstalter zu einer weiteren Aufführung einladen. Aber ob das ausreicht? Wäre doch zu schön, wenn der Erfolg von «minimotion» und des verwandten Projekts «agent provocateur» auch andernorts als Wink verstanden würde: Mehr «Kurze» in die Kinos! Warum nicht vor jeder Aufführung? Wie wär's? Na: Kurz und gut!

Links:

»www.minimotion.ch
»www.bildwurf.ch
»www.riffraff.ch
»Paul Avondet «Fishing with John»
»Rafael Sommerhalder: «Kaffee»
»Alberto Viecelli: «Ursache und Wirkung»