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23.01.06
«Dieses Rot ist so schön. Als würde es eine Geschichte erzählen.»
Annamira Jochim
Vorhang auf für den Namics-Kunstpreisträger Sladjan Nedeljkovic!

Seit sechs Jahren verleiht die Internetfirma Namics unter den Eidgenössischen Stipendiaten den Namics-Kunstpreis. Letzten Juni jedoch konnte die Jury – Vertreter der Fima und die Fachleute Konrad Bitterli, Silvie Defraoui und Johannes Hedinger – keine künstlerische Arbeit finden, die ihren Ansprüchen genügte und sich – so das zentrale Kriterium der Preisvergabe – mit digitalen Medien auseinandersetzt (Vgl. Interview mit Konrad Bitterli vom 30.06.05). Aus über zehn Vorschlägen aus den eigenen Reihen konnte nun doch ein Preisträger gewählt werden. Die Wahl fiel auf den Zuger Videokünstler Sladjan Nedeljkovic.
1969 im serbischen Zemun geboren und in der Schweiz aufgewachsen, ist der Künstler in den letzten Jahren mit seinen Videoarbeiten aufgefallen und hat dafür bereits einige Preise und Stipendien erhalten. Mit präzise eingesetzten filmischen, bildnerischen wie sprachlichen Mitteln entwickelt Nedeljkovic Erzählungen, die über Themen wie das Filmen und Produzieren von Bildern, die Arbeit von Reportern oder auch grundsätzlicher über unsere Wahrnehmung nachdenken.


Still aus «Im Kino», 2005

Die Videoarbeit «Im Kino» von 2005, die gerade in der Jahresausstellung des Kunstmuseums Luzern zu sehen ist, versetzt uns als Zuschauer wie im Kino mitten in eine Reihe von Stühlen. Über den Köpfen am unteren Rand der Leinwand blicken wir auf einen roten Vorhang, der die ganze Breite der Projektion umfasst. Beim Warten darauf, dass der Vorhang aufgeht und den Blick auf den Film frei gibt, entfacht sich in den Untertiteln ein Streitgespräch über das Filmen im Kino. Die beteiligten Personen werden weder im Bild sichtbar, noch sind ihre Stimmen zu hören. Wir können nur aus den Untertiteln vermuten, dass die Kinoaufsicht den Filmenden darauf aufmerksam macht, dass das Filmen nicht erlaubt sei, und dieser dann entgegnet, dass er nur den roten Vorhang filmt: «Dieses Rot ist so schön. Als würde es eine Geschichte erzählen».


Still aus «Im Kino», 2005

Neben der Geschichte über das Filmen im Kino tritt die tatsächliche Filmgeschichte - «Die Legende von Paul und Paula» aus der ehemaligen DDR - in den Hintergrund. Zwischen dem roten Vorhang vor und nach der Filmvorführung werden im mittleren Teil des Videos kurze Bildfolgen aus dem regimekritischen Liebesfilm gezeigt, aus denen sich die Erzählung nicht erschliesst. Vielmehr stellt sich bei den kleinformatigen Bildern, die nur einen geringen Teil der sonst schwarzen Videoprojektion ausmachen, die Frage, ob das also doch während der Vorführung illegal gefilmte Ausschnitte sind, wer ihr Autor ist und ob sie nun Teil eines neuen Werkes sind.


Sladjan Nedeljkovic

Auf poetische, bildhafte und auch witzige Art und Weise wirft Sladjan Nedeljkovic medientheoretische Reflexionen auf. Dabei setzt er sich mit Themen wie dem Copyright oder dem Verhältnis von Information und Manipulation, von Wahrheit und Täuschung auseinander, die insbesondere durch die digitalen Medien wieder an Aktualität gewonnen haben. Während «Im Kino» das Gespräch stimmlos bleibt, verfremdet er in anderen Videos die Stimme der Personen. Die Videos hinterlassen Zweifel, an dem, was wir sehen und hören. Diese Ungewissheit wird in der Videoarbeit «Reports» von 2003, in der das Übermitteln von Information zentrales Thema ist, besonders deutlich. Für diese Arbeit verwendet der Künstler vorgefundenes Filmmaterial, das er mit Berichten aus einem fiktiven Land Ubekia verknüpft. Die Stimme des Reporters wirkt künstlich; die Bilder sind zum Teil verzerrt. Diese Unstimmigkeiten würden sofort mit den Umständen des Krisengebietes, aus denen die Berichte stammen, in Verbindung gebracht, wenn ihre Mangelhaftigkeit nicht ausdrücklich begründet werden müsste. Die Richtigkeit der Bilder und der Aussagen werden schliesslich vom Reporter selbst bezweifelt: «Berichte ich korrekt? Zeige ich die Wahrheit?»
Im Zweifel an den Medien und ihrer Funktionalität gewinnen die Videoarbeiten von Sladjan Nedeljkovic ihre besondere Stärke und Ausdruckskraft.

Information:

Namics Kunstpreis 2006: Sladjan Nedeljkovic

Derzeit zu sehen in:
Jahresausstellung im Kunstmuseum Luzern, Europaplatz 1/KKL Level K, Luzern (CH)
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch bis 20.00 Uhr
Bis 29. Januar 2006

Links:

»www.sladjan-nedeljkovic.net
»Artikel über den Namics Kunstpreis / Gespräch mit Konrad Bitterli