«Dieses Rot ist
so schön. Als würde es eine Geschichte erzählen.»
Annamira Jochim
Vorhang auf für den Namics-Kunstpreisträger
Sladjan Nedeljkovic!
Seit sechs Jahren verleiht die Internetfirma Namics unter
den Eidgenössischen Stipendiaten den Namics-Kunstpreis. Letzten Juni
jedoch konnte die Jury – Vertreter der Fima und die Fachleute Konrad
Bitterli, Silvie Defraoui und Johannes Hedinger – keine künstlerische
Arbeit finden, die ihren Ansprüchen genügte und sich –
so das zentrale Kriterium der Preisvergabe – mit digitalen Medien
auseinandersetzt (Vgl. Interview mit Konrad Bitterli vom 30.06.05). Aus
über zehn Vorschlägen aus den eigenen Reihen konnte nun doch
ein Preisträger gewählt werden. Die Wahl fiel auf den Zuger
Videokünstler Sladjan Nedeljkovic.
1969 im serbischen Zemun geboren und in der Schweiz aufgewachsen, ist
der Künstler in den letzten Jahren mit seinen Videoarbeiten aufgefallen
und hat dafür bereits einige Preise und Stipendien erhalten. Mit
präzise eingesetzten filmischen, bildnerischen wie sprachlichen Mitteln
entwickelt Nedeljkovic Erzählungen, die über Themen wie das
Filmen und Produzieren von Bildern, die Arbeit von Reportern oder auch
grundsätzlicher über unsere Wahrnehmung nachdenken.
Still aus «Im Kino», 2005
Die Videoarbeit «Im Kino» von 2005, die gerade in der Jahresausstellung
des Kunstmuseums Luzern zu sehen ist, versetzt uns als Zuschauer wie im
Kino mitten in eine Reihe von Stühlen. Über den Köpfen
am unteren Rand der Leinwand blicken wir auf einen roten Vorhang, der
die ganze Breite der Projektion umfasst. Beim Warten darauf, dass der
Vorhang aufgeht und den Blick auf den Film frei gibt, entfacht sich in
den Untertiteln ein Streitgespräch über das Filmen im Kino.
Die beteiligten Personen werden weder im Bild sichtbar, noch sind ihre
Stimmen zu hören. Wir können nur aus den Untertiteln vermuten,
dass die Kinoaufsicht den Filmenden darauf aufmerksam macht, dass das
Filmen nicht erlaubt sei, und dieser dann entgegnet, dass er nur den roten
Vorhang filmt: «Dieses Rot ist so schön. Als würde es
eine Geschichte erzählen».
Still aus «Im Kino», 2005
Neben der Geschichte über das Filmen im Kino tritt die tatsächliche
Filmgeschichte - «Die Legende von Paul und Paula» aus der
ehemaligen DDR - in den Hintergrund. Zwischen dem roten Vorhang vor und
nach der Filmvorführung werden im mittleren Teil des Videos kurze
Bildfolgen aus dem regimekritischen Liebesfilm gezeigt, aus denen sich
die Erzählung nicht erschliesst. Vielmehr stellt sich bei den kleinformatigen
Bildern, die nur einen geringen Teil der sonst schwarzen Videoprojektion
ausmachen, die Frage, ob das also doch während der Vorführung
illegal gefilmte Ausschnitte sind, wer ihr Autor ist und ob sie nun Teil
eines neuen Werkes sind.
Sladjan Nedeljkovic
Auf poetische, bildhafte und auch witzige Art und Weise wirft Sladjan
Nedeljkovic medientheoretische Reflexionen auf. Dabei setzt er sich mit
Themen wie dem Copyright oder dem Verhältnis von Information und
Manipulation, von Wahrheit und Täuschung auseinander, die insbesondere
durch die digitalen Medien wieder an Aktualität gewonnen haben. Während
«Im Kino» das Gespräch stimmlos bleibt, verfremdet er
in anderen Videos die Stimme der Personen. Die Videos hinterlassen Zweifel,
an dem, was wir sehen und hören. Diese Ungewissheit wird in der Videoarbeit
«Reports» von 2003, in der das Übermitteln von Information
zentrales Thema ist, besonders deutlich. Für diese Arbeit verwendet
der Künstler vorgefundenes Filmmaterial, das er mit Berichten aus
einem fiktiven Land Ubekia verknüpft. Die Stimme des Reporters wirkt
künstlich; die Bilder sind zum Teil verzerrt. Diese Unstimmigkeiten
würden sofort mit den Umständen des Krisengebietes, aus denen
die Berichte stammen, in Verbindung gebracht, wenn ihre Mangelhaftigkeit
nicht ausdrücklich begründet werden müsste. Die Richtigkeit
der Bilder und der Aussagen werden schliesslich vom Reporter selbst bezweifelt:
«Berichte ich korrekt? Zeige ich die Wahrheit?»
Im Zweifel an den Medien und ihrer Funktionalität gewinnen die Videoarbeiten
von Sladjan Nedeljkovic ihre besondere Stärke und Ausdruckskraft.
Information:
Namics Kunstpreis 2006: Sladjan Nedeljkovic
Derzeit zu sehen in:
Jahresausstellung im Kunstmuseum Luzern, Europaplatz 1/KKL Level K, Luzern
(CH)
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch
bis 20.00 Uhr
Bis 29. Januar 2006