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Bühne frei für... «Briannnnnn & Ferryyyyyy».
Ein Endspiel in zehn Folgen, genauer gesagt: Zehn Variationen auf die
alte Geschichte von Katz und Maus. Wie schon der Titel ahnen lässt,
lehnt sich der Animationsfilm, den Gillick und Parreno zur Zeit in der
Kunsthalle Zürich zeigen, an «Tom und Jerry» an, jene
amerikanische Cartoon-Serie, in der zwei Vertreter dieser beiden Spezies
einander unaufhörlich nachstellen und zum Vergnügen der Zuschauer
allerlei Grausamkeiten ersinnen, um ihrem Gegner den Garaus zu machen.
Anders als ihre Paten scheinen «Briannnnnn & Ferryyyyyy»
allerdings nicht darauf aus, uns mit brutalen Spässen zum Lachen
zu bringen. Sicher: Auch sie erleiden von Folge zu Folge grausame Tode.
Ferryyyyyy erschlägt Briannnnnn, wird von einem Bus überfahren,
sein Körper in tausend Stücke geschnitten - was Ferryyyyyy gleichwohl
nicht davon abhält, dem in die ewigen Jagdgründe eingegangenen
Briannnnnn weiter nach dem Leben zu trachten, das jener doch längst
verloren hat. Von alledem aber ist fast nichts zu sehen.

Denn lediglich andeutungsweise blitzen eingangs eines jeden Akts visuelle
Elemente auf: die Protagonisten - tatsächlich Katz und Maus; ein
Stück Strasse, auf das Briannnnnn gleich träumend hinaustreten
wird, um von besagtem Bus ins süsse Jenseits geschickt zu werden;
ein Gatter, das Tor zum Garten Eden möglicherweise, das Ferryyyyyys
Körper wie ein Eierschneider in Scheiben zerlegen wird. Oder war
es doch der von Briannnnnn? Das geht eins ums andere Mal in einem Wald
von Buchstaben unter, die zwar die Geschichte(n) von «Briannnnnn
& Ferryyyyyy» erzählen, aber doch zu sehr Bild sind, um
mühelos mitgelesen zu werden. Episode um Episode entgleitet die Narration
nahezu im selben Moment, da sie sich entfaltet.Viel zu schnell geschieht
das Unvermeidliche, und bevor man richtig Atem geholt hat, läutet
die nächste Folge schon die nächste Runde ein. Während
man selbst noch vollauf damit beschäftigt ist, den Abspann zu studieren.
Der nämlich spielt die eigentliche Hauptrolle in diesem Stück:
«Briannnnnn: the power of law
Ferryyyyyy: mystical foundation of authority
Briannnnnn's soul: deconstruction and the possibilty of justice
music by: political implications of choice
directed by: art and the abstract idea of power
produced by: the foucaultian sense»
steht da beispielsweise im Fall des ersten Clips. In der zweiten Serie
hingegen hat «fait la loi fait la triche» Regie geführt,
und unter «produced by» ist passenderweise, da die Credits
wie eine Hommage à Agnès Varda («Sans toit ni loi»)
formuliert sind, vermerkt: «I'm unable to translate this into English».

Und so weiter. Die Helden der Moritat, Briannnnnn und Ferryyyyyy, mögen
schon in den ersten Folgen längst mehrfach zermalmt, zerteilt, zerquetscht
worden sein; ihre Geister geben nicht auf, sie können nicht anders,
als einander unerbittlich zu verfolgen. Oder sind sie vielleicht gar nicht
tatsächlich von gegenseitiger Feindschaft getrieben? Kommen sie nicht
jeweils nachgerade beiläufig zu Tode? Ist ihr trauriges Schicksal
möglicherweise ganz anderen Umständen geschuldet, auf die sie
gar keinen Einfluss haben? Erleiden sie es etwa, weil sie zu kurzsichtig
sind, diese Zusammenhänge zu begreifen? Das scheint durchaus offen.
Am Ende des Zyklus hat man schon vage verstanden, worum es gehen könnte.
Katz und Maus entpuppen sich eins ums andere Mal als Protagonisten einer
zynischen, immer neu variierten Parabel auf Gesetz, Recht und Ordnung.
Beinahe kafkaesk könnte man die Parabel nennen; auch, weil ihr Kampf
keine Sieger, sondern nur Verlierer kennt. Vor allem aber erinnert an
Kafka, wie die selbst zu Fragmenten zerstiebenden Geschichten über
den jeweiligen Abspann auf die Absurdität real existierender Rechtsverhältnisse
gemünzt werden.
Zugleich verweist die Parabel auf eine zweite gesellschaftliche Arena,
in der ebenfalls unaufhörlich um Macht gerungen und Gewalt ausgeübt
wird unter den Vorzeichen eines grossartigen, glamourösen Schauspielst:
Willkommen in der Arena, die noch immer Kunst heisst, aber möglicherweise
schon immer Kulturindustrie gewesen ist. Die Theorie, so signalisieren
die allzu flink vorüber ziehenden Floskeln des Abspanns, mag sich
versatil stets neuen Perspektiven anpassen. Am Ausgang der Geschichte
ändert das nichts.

Bilder: Stills aus «BRIANNNNNN & FERRYYYYYY»
(2004)
Liam
Gillick und Philippe Parreno zielen dabei präzis auf den aktuellen
Stand der Dinge, in dem die Schraube weiter angezogen und als neue Leichtigkeit
des Seins verkauft wird: Eine Gesellschaft des Spektakels, die sich selbstbewusst
zu ihrem Status quo bekennt - in der aber nur einige wenige Gagen kassieren.
Das Versprechen universaler Verfügbarkeit digitalisierter Kulturproduktion
etwa führt in den meisten Fällen gerade nicht dazu, dass die
AutorInnen unmittelbar profitieren - stattdessen sind auch von den jüngeren
Urheberrechtsnovellen eher Neuerungen zu erwarten oder bereits auf dem
Wege, die auf eine Absicherung des Status der kommerziellen Produktionen
zielen. «Es ist möglich, dass die Zunahme des Datenaustauschs
nur neue Sehnsüchte weckt und die Produktion steigert. Sie weckt
das Bedürfnis nach mehr 'Neuem'. Sie wirft ein Glanzlicht auf das,
was nicht entliehen oder gemeinsam genutzt oder gefunden werden kann»,
schreibt Liam Gillick im Begleittext zur Arbeit. Und: «Was die umfassendere
Frage des Urheberrechts betrifft, ist ziemlich klar, dass den etablierten
Konzernen die Verpflichtung obliegt, elegante Wege zu finden, um für
ihre Produktionen weiter überhöhte Preise kassieren zu können.
Das Herunterladen von Musik wird nicht sehr deutlich thematisiert, geboten
wird gewissermassen eine Pseudoerklärung für den Austausch von
Musik und Gedanken, wie es ihn schon immer gab.»
Nun ja: Mindestens was die unter der eigenen Autorschaft lancierten Produktionen
betrifft, scheinen Liam Gillick und Philippe Parreno eher traditionelle
Konditionen vorzuziehen. Zwar sollen die Episoden den DVD-Publikationen
von «Anna Sanders Films» - einer in Paris beheimateten Firma,
die 1998 von Charles de Meaux, Pierre Huygue, Philippe Parreno und Xavier
Douroux gegründet wurde und seither Arbeiten der Beteiligten sowie
ihres künstlerischen Umfelds vertreibt - als eine Art Bonus-Tracks
beigelegt werden. Jene wollen aber schon legal erworben werden, damit
der digital beflügelte Gedankenaustausch funktioniert - im Netz dagegen
sind, bislang jedenfalls, nur einzelne Standbilder zu finden. Womit nicht
gesagt sein soll, dass gegen diese Praxis etwas einzuwenden wäre.
Das Urheberrecht schützt nicht Ideen, sondern deren Form –
und so finden sich diejenigen zeitgenössischen KünstlerInnen,
deren Hauptinteresse nicht in der Produktion abgeschlossener Werke oder
gar genuiner Schöpfungen liegt, oft am Ende der Nahrungskette wieder.
Oder tatsächlich, um noch einmal den Begleittext zu zitieren, der
wohl als Teil des Werkes gelesen werden muss - in jener «Lücke
[...], die dem Raum zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg
oder zwischen dem Kalten Krieg und dem Krieg gegen den Terror ähnelt»?
Das klingt drastisch - trifft aber vielleicht die Verhältnisse auf
den Punkt, die de Jure durch und durch strukturiert, aber dennoch voller
Widersprüche sind.
P.S.: Dagegen, dass sich Bryan Ferry gegen die Verwendung seines Namens
verwendet, haben sich die beiden schon im Vorfeld erfolgreich abgesichert,
sowohl durch die lautmalerische Dehnung bzw. Multiplikation der Schlusslaute,
als auch durch das kleine «i», das anstelle des «y».
Beides sind übliche Kniffe nicht nur im Gewerbe der Raubkopierer,
sondern auch unter jenen, die sich als Kreative mit den Einschränkungen
urheber- und markenrechtlich abgesteckter Claims herumschlagen müssen.
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