Das Schweizer Fernsehen DRS vergibt Produktionsaufträge.
Von der Kunstwelt ist das einstige «enfant terrible»
Videokunst mittlerweile akzeptiert und in Museen und Kunstausstellungen
voll integriert. Das Fernsehen jedoch, in technologischer Hinsicht ihr
Zwilling, hält sich weiterhin zurück. Wenn Videokunst es ins
Fernsehen schafft, dann in der Regel mit der Warnung «Videokunst»
versehen, und natürlich zu später Nachtstunde. Dazu steht das
Projekt «aufnahmen» der Kultursendung «Sternstunden»
des Schweizer Fernsehens erstaunlich quer. Fernseh- und Kunstwelt werden
hier kühn ineinander verschränkt: Seit Februar letzten Jahres
wird als Intermezzo zwischen Sternstunde Philosophie und Sternstunde Kunst
wöchentlich ein kleiner Kunstvideo ausgestrahlt, ohne dabei der Deklarationspflicht
«Sie verlassen den Sektor Fernsehen» nachzukommen. Einzig
der Titel der Arbeit sowie Autorschaftsangaben werden eingeblendet.
Sternstunden-Clip von Marianne Halter und
Susanne Hofer
Zu diesem full contact von Fernseh- und Kunstästhetik kommen
weitere Verbindungspunkte. Einer liegt in der Produktionsweise: Meistens
werden Videokunst-Beiträge als Fremdkörper ins Fernsehen importiert.
Die 40 Kunstvideos der Sternstunden, die bereits mehrmals ausgestrahlt
wurden, sind hingegen von der Redaktion eigens in Auftrag gegeben worden.
Damit verbunden war die Auflage an die Künstler, sich an einer Themenliste
mit Begriffspaaren wie zum Beispiel Innen/Aussen oder Mensch/Natur zu
orientieren. Produktionstechnisch betrachtet erfüllen die Clips eine
zeitliche Pufferfunktion. Diese der profanen Fernsehrealität geschuldete
Aufgabe bestimmt die äussere Form der Videos: Jeder Künstler
oder Künstlerin hat den Auftrag, vier Videos verschiedener Länge,
zwischen ein und drei Minuten zu produzieren. Die Produzentinnen wählen
aus dem Pool von Videobeiträgen ein Video von passender Länge
aus. So erfahren die Künstler erst kurz vorher, dass ihr Video gesendet
wird. Das klingt so recht nach Gängelung der freien Videokunst. Nachdem
aber diese Spielregeln in der Konzeptphase festgelegt waren, übergaben
der federführende Redaktionsleiter Marco Meier und sein Stellvertreter
Markus Lengen die Ausführung des Projektes der in Berlin lebenden
Videokunst-Expertin Conny E. Voester. Voester hat von 1995-2001 das Basler
Video- und Medienkunstfestival Viper geleitet und gilt als intime Kennerin
der jungen Szene.
Sternstunden-Clip "Drinnen + draussen"
von Max Philipp Schmid
Als eine Art ambulante Kuratorin bekam sie freie Hand in der Auswahl und
Betreuung der Künstlerinnen. So ist ein ganz erstaunliches Konvolut
an vielfältigen und zum Teil ganz hinreissenden Arbeiten entstanden.
Die DVD, ebenso unprätentiös und doch klug durchdacht wie das
ganze Projekt, versammelt die erste Produktionsserie von 40 Videos. Unter
den zehn Künstlern finden sich namhafte Künstlerinnen wie Zilla
Leutenegger oder das Kollektiv Muda Mathis und Sus Zwick neben erst noch
zu entdeckenden Schweizer Künstlern. Noch einmal zum Begriffspaar
Fernsehen/Videokunst: Die im Auftrag der Redaktion produzierte DVD soll
weit unter 100 Franken kosten, was aus Kunstwelt-Perspektive ungewöhnlich
sein dürfte.
Information:
Die DVD kann bezogen werden über die Adresse
Redaktion Sternstunden, 8052 Zürich oder sternstunden@sfdrs.ch.
Die Videoclips laufen jeweils sonntags morgen zwischen den Programmblöcken
der Sternstunden-Redaktion auf SF DRS.