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23.06.05
Sternstunden im (Video-)minutentakt
Villö Huszai
Das Schweizer Fernsehen DRS vergibt Produktionsaufträge.

Von der Kunstwelt ist das einstige «enfant terrible» Videokunst mittlerweile akzeptiert und in Museen und Kunstausstellungen voll integriert. Das Fernsehen jedoch, in technologischer Hinsicht ihr Zwilling, hält sich weiterhin zurück. Wenn Videokunst es ins Fernsehen schafft, dann in der Regel mit der Warnung «Videokunst» versehen, und natürlich zu später Nachtstunde. Dazu steht das Projekt «aufnahmen» der Kultursendung «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens erstaunlich quer. Fernseh- und Kunstwelt werden hier kühn ineinander verschränkt: Seit Februar letzten Jahres wird als Intermezzo zwischen Sternstunde Philosophie und Sternstunde Kunst wöchentlich ein kleiner Kunstvideo ausgestrahlt, ohne dabei der Deklarationspflicht «Sie verlassen den Sektor Fernsehen» nachzukommen. Einzig der Titel der Arbeit sowie Autorschaftsangaben werden eingeblendet.


Sternstunden-Clip von Marianne Halter und Susanne Hofer

Zu diesem full contact von Fernseh- und Kunstästhetik kommen weitere Verbindungspunkte. Einer liegt in der Produktionsweise: Meistens werden Videokunst-Beiträge als Fremdkörper ins Fernsehen importiert. Die 40 Kunstvideos der Sternstunden, die bereits mehrmals ausgestrahlt wurden, sind hingegen von der Redaktion eigens in Auftrag gegeben worden. Damit verbunden war die Auflage an die Künstler, sich an einer Themenliste mit Begriffspaaren wie zum Beispiel Innen/Aussen oder Mensch/Natur zu orientieren. Produktionstechnisch betrachtet erfüllen die Clips eine zeitliche Pufferfunktion. Diese der profanen Fernsehrealität geschuldete Aufgabe bestimmt die äussere Form der Videos: Jeder Künstler oder Künstlerin hat den Auftrag, vier Videos verschiedener Länge, zwischen ein und drei Minuten zu produzieren. Die Produzentinnen wählen aus dem Pool von Videobeiträgen ein Video von passender Länge aus. So erfahren die Künstler erst kurz vorher, dass ihr Video gesendet wird. Das klingt so recht nach Gängelung der freien Videokunst. Nachdem aber diese Spielregeln in der Konzeptphase festgelegt waren, übergaben der federführende Redaktionsleiter Marco Meier und sein Stellvertreter Markus Lengen die Ausführung des Projektes der in Berlin lebenden Videokunst-Expertin Conny E. Voester. Voester hat von 1995-2001 das Basler Video- und Medienkunstfestival Viper geleitet und gilt als intime Kennerin der jungen Szene.


Sternstunden-Clip "Drinnen + draussen" von Max Philipp Schmid

Als eine Art ambulante Kuratorin bekam sie freie Hand in der Auswahl und Betreuung der Künstlerinnen. So ist ein ganz erstaunliches Konvolut an vielfältigen und zum Teil ganz hinreissenden Arbeiten entstanden. Die DVD, ebenso unprätentiös und doch klug durchdacht wie das ganze Projekt, versammelt die erste Produktionsserie von 40 Videos. Unter den zehn Künstlern finden sich namhafte Künstlerinnen wie Zilla Leutenegger oder das Kollektiv Muda Mathis und Sus Zwick neben erst noch zu entdeckenden Schweizer Künstlern. Noch einmal zum Begriffspaar Fernsehen/Videokunst: Die im Auftrag der Redaktion produzierte DVD soll weit unter 100 Franken kosten, was aus Kunstwelt-Perspektive ungewöhnlich sein dürfte.

Information: Die DVD kann bezogen werden über die Adresse Redaktion Sternstunden, 8052 Zürich oder sternstunden@sfdrs.ch.

Die Videoclips laufen jeweils sonntags morgen zwischen den Programmblöcken der Sternstunden-Redaktion auf SF DRS.