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23.11.05
Tweakfest 1.0 oder: Vernetzung als Langzeit-Projekt
Villö Huszai
Am 9. und 10. November fand im Hauptgebäude der HGKZ (Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich) das Festival «Tweakfest» (www.tweakfest.ch) statt. Weitere Hauptpartner neben der HGKZ waren Bluewin und das Bundesamt für Kultur.

Initiator Patrick Hofer erklärte bei seiner Eröffnungsrede den diesjährigen ersten Anlass zu einer Art «Teaser»; dies insbesondere, weil die in einem Call for Collaboration im April 2005 ursprünglich anvisierte Grössenordnung von 20'000 Besucher noch nicht zustande kam. Das Interesse der Wirtschaft hatte sich als weniger gross herausgestellt, als dies von den Veranstaltern erhofft worden war. Darum ist die diesjährige Betaversion nur erst für ein paar Hundert Besucher konzipiert. Das nächste Tweakfest soll aber richtig gelten: Der Konferenzteil könnte internationalisiert und die sich an ein grösseres Publikum richtenden Ausstellungs- und Unterhaltungs-Teile vergrössert werden, so Hofers Aussichten.

Schlüsselbegriff Kreativwirtschaft
Die Kreativwirtschaft, ein Schlüssel-Begriff des Festivals, wurde gleich zu Beginn des Festivals in der Paneldiskussion «Swiss Creative Industries» von verschiedenen Wirtschafts-Vertretern (Swisscom, E-Business, Migros), Wissenschaftlern (Wirtschaft, Sozialgeographie, Kunst) sowie einem Vertreter der Standortförderung Zürich diskutiert – eine erste von vielen weiteren Mammut-Männer-Runden.


Tanja Gompf, PJ Wassermann

Dass es sich bei der Kreativwirtschaft um eine äusserst heterogene, aber doch zusammengehörige Wachstumsbranche handle, die noch viel zu wenig vernetzt sei, ist eine zentrale Botschaft des Festivals. Die Kunst wurde in der Diskussion weitgehend als Teil oder zumindest als sehr eng kooperierender Partner der Kreativwirtschaft behandelt. Ein kleiner Disput zwischen Gerhard Blechinger, Leiter Forschung und Entwicklung an der HGKZ und Dominik Landwehr, Leiter der Abteilung «Science and Future» des Migros Kulturprozentes, bildete in diesem Konsens einen Kontrapunkt.

Spannbreite zwischen angewandter...

Blechinger betonte die engen Bande zwischen Kunst und «Kreativwirtschaft». So gäbe es in der Kunst beispielsweise durchaus Produktionsstrategien, die auch für die Wirtschaft interessant sein könnten. Die Projekt-Präsentation der HGKZ-Mitarbeiterin Tanja Gompf, in der es um die Kombination von Handy und Film ging, führte im späteren Verlauf des ersten Tages denn auch vor, wie kommerzielles Interesse und künstlerisches Knowhow allenfalls zusammenspielen können: Das E-Business, insbesondere die Telekommunikation, hat ein Interesse an Filmen im Handy-Format und eine Kooperation mit einer Kunst-Hochschule liegt nahe. Zugleich bedarf es eigenständiger Filmkunst, um eine mediengerechte Adaption des Filmformats auf dasjenige des Handys leisten zu können. So kann beispielsweise das Close Up, so ein Ergebnis des laufenden HGKZ-Projekts, viel wichtiger werden, als dies in grösseren Bildschirm-Formaten der Fall ist.

...und freier Kunst: wirtschaftstauglich oder hölderlinsch im Irrenturm
Indem gerade der Kunst-Experte Blechinger seine Position in der Gesprächsrunde auf die Alternative wirtschaftstauglich oder exzentrisch («Hölderlin im Irrenturm») zuspitzte, schien Kunst jedoch plötzlich nur noch als angewandte denkbar. Ausgerechnet der Konzern-Vertreter Landwehr betonte gegenüber Blechinger die «Eigengesetzlichkeit» und «Kratzbürstigkeit» der Kunst, was gerade in den Hallen einer Kunsthochschule als einigermassen origineller Rollentausch auffallen konnte. Das Festival sei ja nicht ein Seminar über Ästhetik, lautete am Rande des Festivals Blechingers Erklärung für seine dezidierte Stellungnahme zugunsten einer wirtschaftskompatiblen Kunst.

Blechinger markiert mit seiner Position zwar verständliche Distanz zur Künstlerin als weltfremdem Genie. Doch der Appell des Open-Source-Spezialisten Georg Greve am zweiten Veranstaltungstag («Wir brauchen mehr Differenzierung») liesse sich auf diese Position beziehen: Trotz oder vielleicht gerade wegen des einleuchtenden Anliegens, technologienahe Kunst und E-Business zu vernetzen, kann die Kunst nicht als monolithischer Block behandelt werden. Um eine Differenzierung in freie und angewandte Kunst dürften zukünftige Überlegungen nicht herum kommen.

Kultur und Kunst
Einfach ist diese Differenzierung zugegebermassen nicht, denn gerade die Medienkunst tendiert ja auch immer wieder selbst zur Auflösung eines klaren Kunstbegriffs. Das wurde am zweiten Tag deutlich, als es um die breit verhandelte Copyright-Problematik ging. Dabei tauchte die Frage auf, ob jede Form von Sampling kulturereller Inhalte potentiell als Kunst betrachtet werden könne.


Cornelia Sollfrank, Warhol by Sollfrank

Johannes Gees, der zusammen mit Annette Schindler vom Basler Medienkunst-Forum [plug-in] die künstlerische Kuration von Tweakfest ausrichtete, trat am Festival auch als Medienkünstler auf. Er bejahte die Frage, darin unisono mit der Hamburger Netzkünstlerin Cornelia Sollfrank. Diese stellte am Festival ihre gesampelten Andy-Warhol-Bilder vor, bot sie trotz unsicherer Copyright-Situation zum Verkauf an – und verkaufte alle fünf ausgestellten Bilder stante pede. Der elektronische Musiker und Programmierer PJ Wassermann hingegen beharrte auf einem engeren Kunstbegriff, der zwischen Kunst und Kultur strenger unterscheidet.

Vernetzung über den Röstigraben als Langzeit-Projekt
Die alte Erkenntnis, dass Wirtschaft und Kultur sehr verschiedene Sprachen sprechen, liess sich an dem Festival natürlich leicht beobachten. Doch der gemeinsame Bezugspunkt der Technologie liess in dem Themenreigen von Datenschutz, Digital Lifestyle für das Wohnzimmer bis zu Suchmaschinen immer wieder Gemeinsamkeiten erkennen. Copyright war in dieser Hinsicht ein interessantes Thema, das sowohl für die Künstler wie auch für Medienschaffende, aber auch für Wirtschaft und Gesellschaft von grosser Bedeutung ist.
Wäre es in Zukunft aber denkbar, die zwei Welten Kunst und Kommerz in noch direkteren Kontakt, vielleicht auch in Konfrontation zueinander zu bringen? Zum Beispiel, indem man die zwei Lager in einem gemeinsamen Panel zu Wort kommen liesse, statt meistens unter sich zu belassen? Wäre es, ein anderes Beispiel, denkbar, dass sich die «Showcase”-Rednerinnen und Redner, in denen vor allem Wirtschafts- und Wissenschaftsvertreter ihre neusten Produkte vorstellten, in Zukunft der Diskussion durch das gemischte Publikum stellen? Würde sich ein Diskussion, wenn die Veranstalter ihr denn mehr Zeit einräumten, aber überhaupt entspinnen? Und würde sich das angestrebte Networking über den unerbittlichen Röstigraben zwischen Wirtschaft und Kunst/Kultur fortsetzen? Fest steht, dass eine solche Zielsetzung sich nicht auf einen Schlag, sondern nur allmählich entwickeln kann.

Der Blogger und derzeit feurigste Tweakfest-Kritiker Jan Zuppinger kann dem Festival zumindest einen Erfolg nicht absprechen: ihm Networking ermöglicht zu haben. Die Veranstalter sollten dies als Zeichen auffassen, dass auch die übellaunigsten Götter ihrem ehrgeizigen Projekt etwas abgewinnen werden.

   
Information:

«Tweakfest»
Visions of digital life style
Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich
9. und 10. November 2005

Links:

»www.tweakfest.ch
»Kommentar zum Tweakfest von Jan Zuppinger ("Blogumne" vom 13.11. und 27.11): pieceoplastic.com
»Kommentar zum Tweakfest von Barbara Strebel vom 11.11. sowie ein Interview mit dem Gastredner Bruce Sterling zusammen mit Patrik Tschudin auf www.artcast.info
»Siehe respektive höre auch den Beitrag von Patrik Tschudin auf DRS2 vom 12.11.: www.drs.ch/index.cfm