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23.12.06
Zum Stand der Dinge in Wachter und Juds journalistisch-künstlerischer «Zone*Interdite».
Villö Huszai

Kunst, die sich des Netzes bedient, kann gelegentlich in sehr kunstferne Bereiche vordringen - zum Beispiel in die Massenmedien. Ein Paradebeispiel dafür ist das Kunstprojekt «Zone*Interdite», von dem wir schon berichteten (»clickhere.ch vom 8. Februar 2006). Christoph Wachter und Mathias Jud sind zur Zeit Stipendiaten der Werkleitz-Gesellschaft in Halle. Sie haben ihre Plattform gerade technisch und inhaltlich aufdatiert.

«Sensationelle Entdeckung: Schweizer Internetkünstler lüften Geheimnis der US-Armee»: So kündigte die Sendung «Kulturplatz» des Schweizer Fernsehens am 29. März dieses Jahres das Kunstprojekt «Zone*Interdite» von Christoph Wachter und Mathias Jud an. Äusserer Anlass für die Kulturberichterstattung des Schweizer Fernsehens war eine erste kleine »Einzelausstellung des Projektes in der Basler Medienkunst-Institution [plug.in].


Rekonstruktion des Gefängnis von Bagram

Im Vorfeld der Ausstellung war Wachter und Jud die besagte »sensationelle Entdeckung« gelungen: Sie machten das Gefängnis des amerikanischen Luftstützpunktes Bagram in der Nähe der afghanischen Hauptstadt Kabul ausfindig. In derselben Woche hatten die «New York Times» und der «Spiegel» von dem Gefängnis und von mutmaßlichen Missständen berichtet. Die zwei Spitzenmedien des investigativen Journalismus hatten aber auch schreiben müssen, dass es noch keine Bilder gebe und man auch nicht wisse, wo genau sich das Lager befinde.

Künstler als Informanten eines politischen Nachrichten-Magazins
Der News-Wert der Entdeckung von Wachter und Jud war so hoch, dass das politische Nachrichtenmagazin «10vor10» des Schweizer Fernsehens gleich am nächsten Abend mit einem zweiten Bericht über das Projekt nachzog. «Bis gestern», erklärte die «10vor10»-Ausgabe vom 30. März, «kannte die Öffentlichkeit keine Bilder, nun aber liefern Schweizer Künstler den Fotobeweis!»

Wachter und Jud gingen bezüglich des Bagramer Gefängnisses ganz ähnlich vor wie im Fall des Camp Iguana, eines berüchtigten Camps von Guantánamo Bay, von dem Wachter und Jud ebenfalls erstmals Bilder lieferten. Im Falle des Bagramer Gefängnisses gelang Wachter und Jud der Scoop mittels der Kombination zweier Bildquellen, die von ehemaligen Soldaten des Stützpunktes stammen. Ein Veteran hatte vom Dach des Bagramer Headquarters eine Kamera-Rundumsicht aufgezeichnet und ins Netz gestellt. Auf dem Video ist das fragliche Gefängnisgebäude, eine Reparaturwerkstätte für Flugzeuge aus der sowjetischen Besatzungszeit, deutlich zu sehen und damit zu lokalisieren – wenn man denn weiß, dass diese ehemalige Werkhalle das Gefängnis in sich birgt. Dies fanden Wachter und Jud in Kombination mit einem zweiten Foto, einer Einzelansicht des Gebäudes, heraus, die ein anderer Soldat in bester Auflösung und mit folgendem freizügigen Kommentar ins Netz gestellt hatte: «The prison at Bagram, Afghanistan that you hear about on the news.» Veteranen haben ein anderes Verhältnis zu militärischen Sperrzonen, so Jud: «Diese Zonen bilden Teil ihres alltäglichen Lebens, von dem sie ihren Angehörigen erzählen wollen.»


Rekonstruktion des Gefängnis von Bagram

Warum sind die beiden Künstler, die ausschließlich über das Internet und dort frei verfügbare Daten recherchieren, in so brisanten Fragen gleich in zwei Fällen schneller als die Presse? «Wir gehen etwas anders vor, wir rekonstruieren Bilder», vermutet Jud.

Schnell dank künstlerischer Zeitlosigkeit

Das Herzstück von «Zone*Interdite» ist eine imposante 3D-Rekonstruktion von Guantánamo. Derzeit arbeiten Wachter und Jud an einer 3D-Simulation Bagrams. Die recherchierten Daten werden mit den visuellen Perfektionsansprüchen eines Computerspiels in dreidimensionale Welten verwandelt: »Man muss verstehen, wie ein solcher Stützpunkt aufgebaut ist, man muss sich hineinleben.« Die Akribie, die das digitale Weltenbauen den zwei Künstlern abverlangt, ist offenbar ein Recherchevorteil. Ein anderer Vorteil dürfte mit dem gedanklichen Kern des Kunstprojekts zusammenhängen. Der Scoop ist eher ein willkommener Nebeneffekt. Das lässt sich Wachters und Juds künstlerischen Anfängen schließen. Sie starteten ihr Projekt um 2000 ausgerechnet mit amerikanischen Stützpunkten rund um Berlin; also mit Sperrgebieten, die zwar während des Kalten Krieges brisant waren, aber nach 1989 Relikte aus der Vergangenheit darstellten.

Das störte Wachter und Jud damals nicht, denn auch diese verödeten Landstriche enthielten noch genug von dem ganz spezifischen Stoff, dem sie mit »Zone*Interdite« auf der Spur sind: dem komplexen Wahrnehmungsphänomen, welches das Verbot von Wahrnehmung, eben zum Beispiel in Zusammenhang mit militärischen Sperrzonen, auslöst. Dass nach dem 11. September 2001 das Thema Militär und Geheimhaltung plötzlich hochbrisant wurde, konnten sie nicht voraussehen. Ihre Grundfragen haben Wachter und Jud lange davor entwickelt. Es scheint, dass gerade diese Zeitlosigkeit der Fragestellung Wachter und Jud zuweilen zu den schnelleren Ermittlern macht.

Unermüdliche Weltenbauer
Die Scoops haben «Zone*Interdite» in der Medien- und Blogger-Welt bekannt gemacht. Mittlerweile zählen Wachter und Jud 480 Objekte in dem Ordner, den sie für Presseberichte angelegt haben. Aus Wachter ist dabei auch schon einmal «Watcher» geworden und viele Texte sind in so fremden Schriften gehalten, dass sie manchmal nicht wissen, aus welchem Land der jeweilige Bericht stammt. Nach der Logik der News-Industrie, aber auch der Kunstwelt müssten Wachter und Jud nun schleunigst zu neuen Ufern aufbrechen. Doch im Gespräch kommt immer wieder die Überzeugung zum Ausdruck: «Wir stehen mit ‹Zone*Interdite› noch ganz am Anfang.» Wachter und Jud bauen derzeit nicht nur an der neuen 3D-Simulation Bagrams, sondern haben auch diejenige von Guantánamo weiter ausgebaut, denn ständig würden Recherche-Ergebnisse hinzukommen.

Die aktuelle Version der Plattform bietet neu nun einen Rundgang durch ein weiteres Camp von Guantánamo Bay, das Camp Delta. Auch dokumentiert die aufdatierte Website Wachter und Juds Auseinandersetzung mit den Gefangenentransporten und Verschleppungen, die in Zusammenhang mit dem «Krieg gegen den Terror» geschehen. Wachter und Juds Weltkarte enthält nicht mehr nur (militärische Stütz-)Punkte, sondern neu auch (Luft-)Linien: jene Routen, auf denen einzelne Gefangene beispielsweise von einem Stützpunkt zum andern Stützpunkt transportiert werden.

Hält die Kunst der Aktualität stand?

Wachter und Juds neue Site dokumentiert noch markanter ihren Forschungs-Furor und ihre Bereitschaft, sich trotz künstlerischem Anspruch auf das politische Tagesgeschehen und die gegenwärtig hochbrisanten Fragen rund um militärische Sperrzonen einzulassen. Wird das Projekt von dieser Aktualität nicht doch allmählich aufgelöst, regelrecht zerfleddert in die unzähligen Linien, denen es zu folgen gälte, die unzähligen, aber obskuren Anknüpfungspunkte, die sich aus der einstigen künstlerischen Fragestellung Wachter und Juds ergeben? Soviel ist sicher: Die gelegentliche Nachprüfung dieser Frage, das heisst ein sporadischer Besuch, ist die ambitionierte Site der zwei Kunst-Nachrichtendienstler wert.

Das Projekt:

Die Netzplattform »www.zone-interdite.org

Weitere Links:

»Download der kürzlich aufgeschalteten Rekonstruktion des Camps «Delta», Teil von Guantánamo Bay
»Zur offiziellen Website des amerikanischen Luftstützpunktes Bagram