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«Sensationelle Entdeckung: Schweizer Internetkünstler
lüften Geheimnis der US-Armee»: So kündigte die Sendung «Kulturplatz»
des Schweizer Fernsehens am 29. März dieses Jahres das Kunstprojekt «Zone*Interdite»
von Christoph Wachter und Mathias Jud an. Äusserer Anlass für die Kulturberichterstattung
des Schweizer Fernsehens war eine erste kleine »Einzelausstellung
des Projektes in der Basler Medienkunst-Institution [plug.in].

Rekonstruktion des Gefängnis von Bagram
Im Vorfeld der Ausstellung war Wachter und Jud die besagte »sensationelle
Entdeckung« gelungen: Sie machten das Gefängnis des amerikanischen Luftstützpunktes
Bagram in der Nähe der afghanischen Hauptstadt Kabul ausfindig. In derselben
Woche hatten die «New York Times» und der «Spiegel» von dem Gefängnis
und von mutmaßlichen Missständen berichtet. Die zwei Spitzenmedien des
investigativen Journalismus hatten aber auch schreiben müssen, dass es
noch keine Bilder gebe und man auch nicht wisse, wo genau sich das Lager
befinde.
Künstler als Informanten eines politischen Nachrichten-Magazins
Der News-Wert der Entdeckung von Wachter und Jud war so hoch, dass das
politische Nachrichtenmagazin «10vor10» des Schweizer Fernsehens gleich
am nächsten Abend mit einem zweiten Bericht über das Projekt nachzog.
«Bis gestern», erklärte die «10vor10»-Ausgabe vom 30. März, «kannte die
Öffentlichkeit keine Bilder, nun aber liefern Schweizer Künstler den Fotobeweis!»
Wachter und Jud gingen bezüglich des Bagramer Gefängnisses ganz ähnlich
vor wie im Fall des Camp Iguana, eines berüchtigten Camps von Guantánamo
Bay, von dem Wachter und Jud ebenfalls erstmals Bilder lieferten. Im Falle
des Bagramer Gefängnisses gelang Wachter und Jud der Scoop mittels der
Kombination zweier Bildquellen, die von ehemaligen Soldaten des Stützpunktes
stammen. Ein Veteran hatte vom Dach des Bagramer Headquarters eine Kamera-Rundumsicht
aufgezeichnet und ins Netz gestellt. Auf dem Video ist das fragliche Gefängnisgebäude,
eine Reparaturwerkstätte für Flugzeuge aus der sowjetischen Besatzungszeit,
deutlich zu sehen und damit zu lokalisieren – wenn man denn weiß, dass
diese ehemalige Werkhalle das Gefängnis in sich birgt. Dies fanden Wachter
und Jud in Kombination mit einem zweiten Foto, einer Einzelansicht des
Gebäudes, heraus, die ein anderer Soldat in bester Auflösung und mit folgendem
freizügigen Kommentar ins Netz gestellt hatte: «The prison at Bagram,
Afghanistan that you hear about on the news.» Veteranen haben ein anderes
Verhältnis zu militärischen Sperrzonen, so Jud: «Diese Zonen bilden Teil
ihres alltäglichen Lebens, von dem sie ihren Angehörigen erzählen wollen.»

Rekonstruktion des Gefängnis von Bagram
Warum sind die beiden Künstler, die ausschließlich über das Internet und
dort frei verfügbare Daten recherchieren, in so brisanten Fragen gleich
in zwei Fällen schneller als die Presse? «Wir gehen etwas anders vor,
wir rekonstruieren Bilder», vermutet Jud.
Schnell dank künstlerischer Zeitlosigkeit
Das Herzstück von «Zone*Interdite» ist eine imposante 3D-Rekonstruktion
von Guantánamo. Derzeit arbeiten Wachter und Jud an einer 3D-Simulation
Bagrams. Die recherchierten Daten werden mit den visuellen Perfektionsansprüchen
eines Computerspiels in dreidimensionale Welten verwandelt: »Man muss
verstehen, wie ein solcher Stützpunkt aufgebaut ist, man muss sich hineinleben.«
Die Akribie, die das digitale Weltenbauen den zwei Künstlern abverlangt,
ist offenbar ein Recherchevorteil. Ein anderer Vorteil dürfte mit dem
gedanklichen Kern des Kunstprojekts zusammenhängen. Der Scoop ist eher
ein willkommener Nebeneffekt. Das lässt sich Wachters und Juds künstlerischen
Anfängen schließen. Sie starteten ihr Projekt um 2000 ausgerechnet mit
amerikanischen Stützpunkten rund um Berlin; also mit Sperrgebieten, die
zwar während des Kalten Krieges brisant waren, aber nach 1989 Relikte
aus der Vergangenheit darstellten.
Das störte Wachter und Jud damals nicht, denn auch diese verödeten Landstriche
enthielten noch genug von dem ganz spezifischen Stoff, dem sie mit »Zone*Interdite«
auf der Spur sind: dem komplexen Wahrnehmungsphänomen, welches das Verbot
von Wahrnehmung, eben zum Beispiel in Zusammenhang mit militärischen Sperrzonen,
auslöst. Dass nach dem 11. September 2001 das Thema Militär und Geheimhaltung
plötzlich hochbrisant wurde, konnten sie nicht voraussehen. Ihre Grundfragen
haben Wachter und Jud lange davor entwickelt. Es scheint, dass gerade
diese Zeitlosigkeit der Fragestellung Wachter und Jud zuweilen zu den
schnelleren Ermittlern macht.
Unermüdliche Weltenbauer
Die Scoops haben «Zone*Interdite» in der Medien- und Blogger-Welt bekannt
gemacht. Mittlerweile zählen Wachter und Jud 480 Objekte in dem Ordner,
den sie für Presseberichte angelegt haben. Aus Wachter ist dabei auch
schon einmal «Watcher» geworden und viele Texte sind in so fremden Schriften
gehalten, dass sie manchmal nicht wissen, aus welchem Land der jeweilige
Bericht stammt. Nach der Logik der News-Industrie, aber auch der Kunstwelt
müssten Wachter und Jud nun schleunigst zu neuen Ufern aufbrechen. Doch
im Gespräch kommt immer wieder die Überzeugung zum Ausdruck: «Wir stehen
mit ‹Zone*Interdite› noch ganz am Anfang.» Wachter und Jud bauen derzeit
nicht nur an der neuen 3D-Simulation Bagrams, sondern haben auch diejenige
von Guantánamo weiter ausgebaut, denn ständig würden Recherche-Ergebnisse
hinzukommen.
Die aktuelle Version der Plattform bietet neu nun einen Rundgang durch
ein weiteres Camp von Guantánamo Bay, das Camp Delta. Auch dokumentiert
die aufdatierte Website Wachter und Juds Auseinandersetzung mit den Gefangenentransporten
und Verschleppungen, die in Zusammenhang mit dem «Krieg gegen den Terror»
geschehen. Wachter und Juds Weltkarte enthält nicht mehr nur (militärische
Stütz-)Punkte, sondern neu auch (Luft-)Linien: jene Routen, auf denen
einzelne Gefangene beispielsweise von einem Stützpunkt zum andern Stützpunkt
transportiert werden.
Hält die Kunst der Aktualität stand?
Wachter und Juds neue Site dokumentiert noch markanter ihren Forschungs-Furor
und ihre Bereitschaft, sich trotz künstlerischem Anspruch auf das politische
Tagesgeschehen und die gegenwärtig hochbrisanten Fragen rund um militärische
Sperrzonen einzulassen. Wird das Projekt von dieser Aktualität nicht doch
allmählich aufgelöst, regelrecht zerfleddert in die unzähligen Linien,
denen es zu folgen gälte, die unzähligen, aber obskuren Anknüpfungspunkte,
die sich aus der einstigen künstlerischen Fragestellung Wachter und Juds
ergeben? Soviel ist sicher: Die gelegentliche Nachprüfung dieser Frage,
das heisst ein sporadischer Besuch, ist die ambitionierte Site der zwei
Kunst-Nachrichtendienstler wert.
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