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&
25.02.05
Subtiles Brainwashing
Annina Zimmermann
Durchs Basler St. Albantal spukt eine portable Videoarbeit von Torpus & Neecke.

Letzten November feierte «LifeClipper», der von Jan Torpus und Niki Neecke entwickelte Spaziergang im St. Alban-Tal Premiere. Auf Grund der grossen Nachfrage wird das Projekt noch einmal aufgenommen. Nach Anmeldung per Internet und gegen einen Unkostenbeitrag lässt sich noch bis zum 13. März ausprobieren, wie künstlerische Bilder und Klänge sich mit dem Alltag verschmelzen.

Der gut einstündige Rundgang ist ein intensives Erlebnis – ein bisschen wie Tauchen. Auch da wird einem schwere Ausrüstung auf den Rücken geschnallt, die man im Tauchgang ob all der Sinneseindrücke rasch vergisst. In dieser noch experimentellen Phase ihres Forschungsprojekts zu portabler «Augmented Reality» wird man auf dem gut halbstündigen Rundgang noch von einem der Autoren begleitet. Geduldig justiert Niki Neecke mein Equipment: Rucksack mit Laptop und Batterie, Kopfhörer und Brille mit eingebautem Bildschirm.


Niki Neecke trägt LifeClipper.

Meine ersten Schritte sind unsicher. Eine kleine Kamera spielt mir die Bilder der realen Welt vor Augen: der schmale Weg am Rhein, das gegenüberliegende Ufer, Münster und Riesenrad unter grauem Himmel. In scheinbar weiter Ferne beobachte ich das tastende Vorwärts meiner Stiefel. Die Wahrnehmung via Bildschrim ist zugleich fokussierter und entfremdeter – erst recht, wenn ich in die erste Zone eintrete, wo mir eingespielte Videobilder und Sound auflauern. Via GPS erkennt das System mein Eindringen über die unsichtbare Grenze ins Territorium des ersten Tracks. Die Farben der Umgebung verändern sich, in das Spiel von Wolkenformationen und glucksenden Wasserlauten drängt sich die Stimme eines Erzählers mit der Fabel einer Wasserfrau.

Das Märchen von der Wasserfrau am Rhein ist nur eines von sechs lokalspezifischen Kapiteln, die das Künstlerteam fürs St. Alban-Tal entwickelt haben. Bald schreite ich entlang der alten Stadtmauer durch Hufgetrappel und Schmiedehämmern, ein virtuelles Mittelalter. Die Wiese dahinter infiltrieren stroboskopische Effekte und Beats, ein geisterhafter Rave, der allerdings die Umgebung mit bunt abstrakten Frames schier überblendet. Hier jucken die Füsse zum Tanzen, man erinnert sich der in die Schuhe eingelegten Sensoren... wenn das Gerät nur nicht so einsam machte! Dass wir mit unserer Wahrnehmung die Welt je verschieden konstruieren – im Grunde ist LifeClipper die Gerät gewordene Einsicht in die Willkür und den unüberbrückbaren Autismus der eigenen Subjektivität.

Meine Lieblingsstrecke führt dann ganz unspektakulär zum Brunnen der Nachbarschaft: ein gelber Punkt pulsiert vor meinen Augen. Wenn der Punkt sich in der Grösse dehnt, so verdrängt er an seinen Rändern das Bild, verzerrt es zum grotesken Strudel. Das klingt bedrohlicher als es ist. Der gelbe Ball schwebt zwar mit mir wie die Zielvorgabe eines martialischen Spiels, erinnert von Ferne an die schwer atmenden Bösewichte mit Nachtsichtkamera, die durch Hollywoods Thriller und Games streifen. Es ist aber auch sehr vergnüglich, wenn ein tumber Hydrant sich zum glubschäugigen Monster belebt, einem der Begleiter zyklopenhaft zuzwinkert. Mich zumindest packt eine kindliche Lust am Experiment und zugleich die intellektuelle Einsicht, dass diese Gerätschaft da über einen audiovisuellen Walkman entschieden hinausgeht, wo mein Verhalten auf die Bilder meiner Umgebung Einfluss nimmt.


LifeClipper führt vom Rheinufer in nostalgischem Sepia, vorbei an mittelalterlichen Soldaten, dem das Bild verzerrenden gelbenden Punkt zum impressionistsch-psychedelischen Kirchlein.

LifeClipper ist ein Prototyp und entsprechend noch störungsanfällig. Bei meinem Testlauf, zu dem auch Sie sich noch bis 14. November gerne anmelden können, klappt alles aber erstaunlich souverän. Meine Bewegungen führen Kopfkamera und Mikrofon durch die vertraute Umgebung, die aufgenommen Bilder und Töne werden in Echtzeit verarbeitet. Die Liste der Parameterverschiebungen ist lange: die Veränderung von Werten und Charakter in Ton und Bild, von Rhythmus und Ausschnitt. Fokussieren, verzögern, verzerren, wiederholen, nicht zuletzt auch hinzufügen von vorbereitetem Musik-, Foto- und Videomaterial, sei es von künstlerischem Anspruch oder lokalhistorischer Information. Erstaunlich ist jedoch nicht so sehr die Vielfalt der Möglichkeiten, welche die Künstler auszuloten suchen und als Vokabular bereitstellen für weitere Arbeiten. Erstaunlich ist mindestens ebenso, dass sich die Vielzahl der Effekte so bruchlos verschmelzen.
Am eindrücklichsten gelingt das, als ich mich, trittsicher geworden, der stillen Kirche des alten St. Albanklosters nähere. Musik kündigt einen Spuk an, der meine Sicht in blaues Licht taucht, die Konturen vielfach auffächert und die Welt zerlegt in einen Dunst von Pixeln, wie Monet die Kathedrale von Rouen. Solche synergetische Momente empfinde ich zumindest als beglückend, auch wenn mich, um den Rucksack erleichtert, dann doch etwas das Gruseln packt: Was wenn nicht länger kunstsinnige Tüftler, sondern ideologische Produzenten mit dieser Technik zum Brainwashing ansetzen?

Ausstellung:

LifeClipper geht aus von
[plug.in]
Kunst und Neue Medien
St. Alban Rheinweg 64, Basel (CH)
Verlängert bis 13. März 2005
Anmeldung erforderlich per Internet oder Tel. +41 61 283 60 50
Unkostenbeitrag CHF 20.00

Links: »Lifeclipper