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26.09.06
Ingo Giezendanners Netz- und Filzstiftkunst
Villö Huszai
Obwohl im jungen, (noch) wenig bekannten Verlag Passenger Books erschienen, ist die neuste Publikation des Zürcher Zeichners Ingo Giezendanner alias GRRRR schon vergriffen, soll aber im November in der zweiten Auflage wieder erhältlich sein. Lesen Sie in der Zwischenzeit unsere Rezension des Buches und mehr noch: unser Interview mit GRRRR über seine Nähe und Ferne zur Netzkunst-Tradition. Das Interview stellt übrigens auch eine Art Mini-Führung durch die Netzplattform www.grrrr.net dar, Giezendanners virtuelle Variante seines (bisherigen) Gesamtwerkes. Dort lässt sich das vergriffene Buch in einer netztauglichen Auflösung online ansehen.

Man steht irgendwo, schaut egal wohin und der Atem stockt, weil man plötzlich in einen unabsehbaren Taumel des Entdeckens gerät. Es ist das Rätsel des Zürcher Zeichners Ingo Giezendanner, wie er diesen Moment der überbordenden Wahrnehmung so wirkungsvoll ins lakonische Schwarzweiss seiner Filzstift-Zeichnungen bannen kann. Dafür braucht Giezendanner keine ausgewählten Aussichtspunkte, wie er in seiner neusten Publikation «urban recordings» in globalem Massstab beweist: Das gedrungene und doch so handliche Buch des Verlags Passenger Books versammelt ganz alltägliche Stadt-Szenen aus allen Erdteilen, in denen Giezendanner schon gereist ist. Nie geht es ums Spektakuläre, immer um den begrenzten Blick des reisenden Privatiers.


Bildnachweis: Bilder aus der Publikation «urban recordings»..

Die Sicht auf den Ground Zero (S. 162) ist vielleicht das einzige Zugeständnis, das Giezendanner an das Erzählprinzip der grossen Taten, Männer und Ereignisse macht. Das Bild gehört in den Kontext eines Trickfilm-Videos über die New Yorker Skyline. Giezendanner hatte das Video 2005 für die Sendung «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens produziert: In der Trickfilm-Sequenz von GRR25 fehlt aber genau die Ground Zero-Zeichnung, die man nun in der Buch-Version entdecken kann. Der opulente Mix aus alten und neuen Zeichnungen macht anschaulich, dass Giezendanner weniger an einzelnen abgeschlossenen Kunstwerken arbeitet denn an einer «Welt aus Bildern», wie Giezendanner sich ausdrückt. Seit 1998 publiziert er alle seine Zeichnungen auch auf dem Netz. Mit «urban recordings» ist er bei «Grr30» angelangt.



Dem Lowtech-Utensil Filzstift entspricht im Internet Giezendanners konsequente Beschränkung auf die offen zugängliche Programmiersprache Html. Giezendanner bleibt mit Netzkunst-Mitteln der Punk- und Do-it-yourself-Kultur der Zürcher Wolgroth-Zeiten treu. Seit er 2004 den Umbau des Kunsthauses zeichnerisch begleitete, fühlt der einstige Hausbesetzer sich im etablierten Kunstbetrieb nicht mehr als Aussenseiter. Mit «urban recordings» spricht Giezendanner ein breites Publikum an und vermittelt zugleich eine subkulturelle Perspektive – ein faszinierender Brückenschlag über gesellschaftliche Gräben hinweg.

 
Information:

Ingo Giezendanner: Urban recordings (Grr30). www.passengerbooks.com 2006
Bestellung direkt beim Verlag www.passengerbooks.com möglich.

Links:

»Interview mit Ingo Giezendanner