|
Clickhere.ch: Würden Sie sich als Kind der
90er Jahre und deren Medienhype betrachten?
Ingo Giezendanner alias GRRRR: Ich komme aus einem Do-it-yourself-Gedanken.
Begonnen habe ich mit Fanzines, die ich auf einer einfarbigen Offset-Maschinen
selber gedruckt habe, zum Beispiel
GRR1.
Respektive waren wir eine Gruppe, welche die Maschine betrieben hat.

Bildnachweis: Diese Zeichnung sowie alle weiteren aus der Arbeit
One (2005).
Heutzutage ist alles vierfarbig, darum haben wir die Druckmaschine damals
gratis bekommen.Sie war aber schwer in Stand zu halten. Und sie hatte ein
Riesengewicht und war mit 1000 Schräubchen versehen. Ein professioneller
Drucker hat uns anfangs etwas geholfen, dann haben wir aber selber gedruckt.
Doch das Problem sind die Einstellungen. Ein guter Drucker hat viel Übung,
die hat uns natürlich gefehlt.
Kann man diese Gruppe verorten?
Die Ursprünge liegen in der Wolgroth-Ecke (Wolgroth war eine
seit 1991 besetzte Liegenschaft gleich an den Bahngleisen vor dem Zürcher
Hauptbahnhof, wurde 1993 geräumt; Anmerkung der Red.).
Dahinter steht die Punk-Idee, dass man sich die Kultur selber aufbaut.

Dieses Prinzip gilt für mich bis heute einschliesslich der
Videos, die ich alleine produziere. So habe ich die Kontrolle darüber.
Nur beim Ton gebe ich ein bisschen ab, so zum Beispiel bei
GRR25,
ein wie GRR26 von «Sternstunden» koproduziertes Video,
hier hat Trixa Arnold den Ton komponiert.
Sie verwenden offensichtlich
verschiedene Medien, Papier, Netz, Video. Was interessiert Sie
gerade am meisten?
Das allgemein dominante Medium ist das Fernsehen, darum arbeite ich auch
gerne mit Videos. Zuerst habe ich nur auf Papier gedruckt. Vom Internet
hatte ich lange nur gehört, aber 1998 habe ich dann begonnen, online zu
publizieren, zuerst unter der Adresse www.grr1999.com, dann unter www.grrrr.net.
Das Internet ist ideal für meine Arbeit. Noch am selben Tag, an dem eine
Zeichnung entsteht, kann ich sie weltweit publizieren, ich behalte die
Kontrolle darüber und es kostet mich fast nichts. Ziemlich schnell bemerkte
ich, dass es ein anderes Medium ist als Papier, und begann, mit animierten
Gifs (Format für grafische Bilddaten, Anm. der Red.) zu arbeiten, und mit
grober Auflösung. Vor allem die ersten Arbeiten sind sehr grob gepixelt.
Das Medium Internet hat mich dann zum bewegten Bild und schliesslich
zum Video geführt. Am meisten interessiert mich schon das Medium Fernsehen.
Zugleich finde ich Fernsehen einen fertigen Mist und habe meinen verschenkt.
Sind wirklich alle Arbeiten abrufbar?
Das ist das Prinzip, dass ich keine Kunst produzieren will, die nur
in exklusive Hände gelangt. Es soll öffentlich und allgemein zugänglich
sein. Gerade am Anfang, als das Netz noch langsam war, habe ich möglichst
kleine Gifs herstellen wollen.

Da waren Bilder höchstens 50 Kilobytes
und beim Produzieren ging es immer ums Runterschrauben, Runterschrauben.
Unterdessen ist das Netz schneller, heute ist es mir egal, ob ein Bild
10 oder 100 Kilobyes hat.
Sie richten sich offenkundig nach dem Prinzip open access, dem
ungehinderten Zugang zu Wissen. Das ist vielleicht das wichtigste
Prinzip der Netzkunst der 90er Jahre. Sie sind 1975 geboren, sind
damit eher jünger als die Akteure der 90er Jahre.
Ich bin kein typisches Beispiel, für keine Richtung. Man kann meine Arbeit
als Netzkunst, Dokumentation oder als Comic titulieren. Meine Arbeiten
sind das alles, sie sind es aber auch alles nicht. Ich will nicht in
einer Schublade arbeiten. Aber wenn man ein Zentrum meiner Kunst ausmachen
will, so ist das wohl die Zeichnung, sie ist die Wurzel.
Ein Charakteristikum dieser Netzkunst war, dass sie, ganz im Gegensatz
zu den Erwartungen, die man an sie herantrug, der Technologie- und
Konsumeuphorie kritisch gegenüberstand. Das Video «Gib mer» scheint
ein geistiger Verwandter: Die Konsumverfallenheit der heutigen Jugendkultur,
unter anderem auch in Sachen Handy, wird darin unverblümt inszeniert.
Ich bin ein klassisches Opfer neuer Medien. Einer von denen, die jeweils
glauben, dass es mit einem neuen Medium besser gehe. Dabei reichen Papier
und Stift aus. Diese Einsicht spielt in dem Video, das ich zusammen mit
der Rapperin Big Zis gemacht habe, eine Rolle.

Die Vorgaben des Fernsehens
lauteten: vier Clips zu vier verschiedenen Begriffspaaren. «Gib mer»
entstand unter dem Themenpaar Geben/Nehmen. Die Anfangssequenz handelt
davon, dass jemand ein weisses Stück Papier und einen Stift gibt. Ich
habe diese erste Sequenz gemacht und Big Zis übergeben. Sie hat es genommen
und dazu ein Lied geschrieben.
In der Medienkunst-Szene, die eng mit Wirtschaft und Wissenschaft
zusammenarbeitet, ist Konsumkritik und die Hinterfragung des Nutzens von
technologischen Weiterentwicklungen nicht immer gern gehört. Selbst
dann, wenn wie beim iPod, dem MP3-Player von Apple,
die Kommerzialisierung augenfällig exzessiv betrieben wird.
Was den iPod betrifft, habe ich meinen verschenkt. Bezüglich Internet
entschied ich mich damals bewusst gegen das kommerzielle
Animationsprogramm «Flash». Mir hat die HTML-Struktur viel besser
gefallen, sie ist viel weniger vorgedacht. Man kann simpel anfangen
und dann ganz raffiniertes Zeug basteln. Ich arbeite eigentlich immer
noch mit ähnlichen HTML-Strukturen wie am Anfang.
Auch das erinnert an die Lowtech-Netzkunst der 90er Jahre. Der
Server
www.irational.org,
1996 vom Briten Heath Bunting gegründet,
sieht heute noch fast gleich aus wie vor zehn Jahren. Gemeinsam ist auch
das Anliegen, Kunst auf eigenen, vom Kunstbetrieb unabhängigen Kanälen
zu vertreiben. So findet sich auf allen Ihren Arbeiten eine Postadresse,
auf den meisten auch noch die Angabe, wo man die Publikationen zu welchem
Preis (in der Regel ein oder zwei Franken plus Briefporto) beziehen kann.
In «urban recordings» findet sich hinten eine Auflistung der Publikationen, die
in Verlagen herausgekommen sind, mit richtigen ISBN-Nummern, das sind gerade mal
drei Bücher (neben GRR30 noch
GRR5,
GRR8
und eine Zeitung
(GRR20).
Alle anderen habe ich selbst veröffentlicht. Die Sachen sind viel zu billig für
den Buchhandel, der Direktverkauf läuft aber auch nicht so. Ab und zu verschicke
ich zwar immer noch ein paar GRR-Publikationen, aber ich erhalte nicht viele
Bestellungen. Zudem sind die Arbeiten ja alle im Internet verfügbar. Ich habe
den Postversand noch nicht abgeschafft, aber er ist eher am Auslaufen.
2004 haben Sie für das Kunsthaus Zürich den Umbau zeichnerisch festgehalten.
Hat Sie die Anfrage durch diese Zentrale des etablierten Kunstbetriebs überrascht?
Es hat mich überrascht und erfreut. Von diesem Zeitpunkt fühlte ich mich
nicht mehr als Aussenseiter und erhielt einen Marktwert
Die auf der
Baustelle entstandenen Zeichnungen habe ich mittels Pinsel und Farbe auf
die Bauwand vor dem Kunsthaus reproduziert. Erstaunlicherweise gab es
keine negative Kritik ausser einer Bemerkung in der Wochenzeitung WOZ.
Und anfangs kam mir ein notorischer Zürcher Plakatbekritzler in die
Wege, nach einmaligem Übermalen liess er dann aber ab. Die Sprayer haben
mich ebenfalls alle respektiert.
Die Liste der Orte, die in «urban recordings» als Ihre Reisedestinationen
dokumentiert sind, weist Sie als exzessiven Globetrotter aus.
Ich will mich nicht reduzieren lassen auf einen Ort. Ich betrachte die
Welt als Einheit, die Menschheit bildet eine Einheit.
Welchen Stellenwert hat die Stadt Zürich, die doch des öfteren im Buch
auftaucht?
In Zürich bin ich aufgewachsen. Dort, wo ich bin, dort zeichne ich.
Zur Zeit versuche ich weniger in Zürich zu sein. Es tut mir nicht gut,
Zürich ist zu bequem.
Viele Zeichnungen des Buches stammen aus früheren Arbeiten. So bildet
die Darstellung des Zürcher Greulich-Hotels
(S. 132-140
) mit seiner
Hausbesetzungs-Vorgeschichte einen Auszug aus dem Sternstunden-Video
«Vorher & Nachher»
(Grr23).
Auch die sechsteilige Darstellung des Ground-Zero, die im Buch zu finden ist
(S. 162-166),
bildet Teil eines Sternstunden-Video («Eins und Alles»,
(Grr25).
Stand also die Videoproduktion am Anfang und stellt das Buch nun eine
sekundäre Publikation, ein Recycling dieser Videos dar?
Ich erschaffe mir einen Fundus an Bildern. Ich möchte eigentlich nicht
einzelne Werke machen, sondern ein Welt von Werken, eine Bilder-Welt.
Ein organisches Gebilde. Auch die Sternstunden-Videos habe ich aus diesem
Fundus geschöpft.
Ist «urban recordings» eine Art Krönung Ihrer bisherigen Arbeiten?
Es gibt keine Krone, es handelt sich eher um einen weiteren Ast am Baum.
Und jedes Medium hat seine eigenen Vor- und Nachteile. Das Medium Buch ist
super; zum Lesen braucht es nur etwas Licht, keinen Strom, keine weiteren
Geräte und kein Internet. Und den Anfang und Schluss des Lesens kann man
selbst bestimmen, frei darin blättern. Ich wollte keine feste Abfolge
machen, man kann das Buch sowieso nicht auf einmal durchschauen, dazu sind
es zu viele Bilder.
In den Videos hingegen hat man den Eindruck einer Dynamik, einer festen
Dramaturgie.
Die habe ich fürs Fernsehen produziert. Ich wusste, man zappt rein und
sieht es gerade ein einziges Mal. Darum habe ich stärker an die klassische
Dramaturgie gehalten. Ansonsten arbeite ich lieber in Loops, da kann
man viel mehr in eine Minute packen.
Betrachtet man die gegenwärtige Videokunst oder auch Phänomene wie
«Soundscapes» in der elektronischen Musik, dann hat man den Eindruck,
die jüngste Kunst hat gerade wieder eine starke Tendenz zum Offenen, Vagen.
Mit klassischer Dramaturgie bevormundet man die Leute und beschränkt deren
Fantasie. Unkonventionelle und offene Strukturen sind deshalb viel
interessanter. In einer Sequenz von «urban recordings»
(S. 254–259)
geht es um «the piers». Eine Ecke in New York, wo sich Menschen auch ohne
Geld vergnügen oder einfach auch nur sich selbst sein konnten. Im Jahr
2002, als ich in New York lebte, war der Ort vergittert und heutzutage
ist er steril, renoviert und gut kontrolliert. Die Gitter-Zeichnung habe ich
dann auch für das Titelbild verwendet, einfach mit einem anderem Hintergrund,
dem Busbahnhof in Kampala
(S.8–12).
Ich hoffe einige Leute erkennen Geschichten und spinnen sie weiter. Andere sehen nur Gitter und Hochhäuser,
das ist mir auch recht. Man soll den Leuten den Freiraum lassen.
|