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26.09.06
Die nicht-exklusive Kunst des Netzgeistes GRRRR
Ein Gespräch mit dem Zürcher Zeichner Ingo Giezendanner

Ingo Giezendanners neustes Buch «urban recordings» hält Stadtszenen von überall auf dieser Welt fest – respektive Sichtweisen auf solche Szenen. Denn dokumentarisch-neutral sind Giezendanners auf strenges Schwarzweiss reduzierten Zeichnungen nur bedingt. «Urban recordings», das diesen Frühling im Verlag «passenger books» erschien, ist schon vergriffen und soll im November in der zweiten Auflage erscheinen. Für das Video «Gib mer», das Giezendanner, mit Künstlernamen GRRRR, im Auftrag des Schweizer Fernsehens 2004 produzierte, bekam er von der Videoex 2005 den ersten Preis des Schweizer Wettbewerbs verliehen. Der beste Grund jedoch für clickhere.ch, Giezendanner für ein Interview anzufragen, datiert ins Jahr 1998 zurück: Damals begann Giezendanner, seine Arbeiten auch auf dem Netz zu veröffentlichen. Er numeriert die Arbeiten jeweils. «Gib mer» ist als «Grr26» , «urban recordings» als «Grr30» und bis jetzt vorletzte Nummer im Netz abrufbar; und zwar das ganze Buch, jede einzelne Zeichnung. Nicht zuletzt diese konsequente Umsetzung des Prinzips open access gibt Anlass zur Frage, in welchem Verhältnis Giezendanner zu der in den 90er Jahren begründeten Netzkunst-Tradition steht.

Clickhere.ch: Würden Sie sich als Kind der 90er Jahre und deren Medienhype betrachten?
Ingo Giezendanner alias GRRRR: Ich komme aus einem Do-it-yourself-Gedanken. Begonnen habe ich mit Fanzines, die ich auf einer einfarbigen Offset-Maschinen selber gedruckt habe, zum Beispiel GRR1. Respektive waren wir eine Gruppe, welche die Maschine betrieben hat.



Bildnachweis: Diese Zeichnung sowie alle weiteren aus der Arbeit One (2005).


Heutzutage ist alles vierfarbig, darum haben wir die Druckmaschine damals gratis bekommen.Sie war aber schwer in Stand zu halten. Und sie hatte ein Riesengewicht und war mit 1000 Schräubchen versehen. Ein professioneller Drucker hat uns anfangs etwas geholfen, dann haben wir aber selber gedruckt. Doch das Problem sind die Einstellungen. Ein guter Drucker hat viel Übung, die hat uns natürlich gefehlt.

Kann man diese Gruppe verorten?
Die Ursprünge liegen in der Wolgroth-Ecke (Wolgroth war eine seit 1991 besetzte Liegenschaft gleich an den Bahngleisen vor dem Zürcher Hauptbahnhof, wurde 1993 geräumt; Anmerkung der Red.). Dahinter steht die Punk-Idee, dass man sich die Kultur selber aufbaut.





Dieses Prinzip gilt für mich bis heute einschliesslich der Videos, die ich alleine produziere. So habe ich die Kontrolle darüber. Nur beim Ton gebe ich ein bisschen ab, so zum Beispiel bei GRR25, ein wie GRR26 von «Sternstunden» koproduziertes Video, hier hat Trixa Arnold den Ton komponiert.

Sie verwenden offensichtlich verschiedene Medien, Papier, Netz, Video. Was interessiert Sie gerade am meisten?
Das allgemein dominante Medium ist das Fernsehen, darum arbeite ich auch gerne mit Videos. Zuerst habe ich nur auf Papier gedruckt. Vom Internet hatte ich lange nur gehört, aber 1998 habe ich dann begonnen, online zu publizieren, zuerst unter der Adresse www.grr1999.com, dann unter www.grrrr.net. Das Internet ist ideal für meine Arbeit. Noch am selben Tag, an dem eine Zeichnung entsteht, kann ich sie weltweit publizieren, ich behalte die Kontrolle darüber und es kostet mich fast nichts. Ziemlich schnell bemerkte ich, dass es ein anderes Medium ist als Papier, und begann, mit animierten Gifs (Format für grafische Bilddaten, Anm. der Red.) zu arbeiten, und mit grober Auflösung. Vor allem die ersten Arbeiten sind sehr grob gepixelt. Das Medium Internet hat mich dann zum bewegten Bild und schliesslich zum Video geführt. Am meisten interessiert mich schon das Medium Fernsehen. Zugleich finde ich Fernsehen einen fertigen Mist und habe meinen verschenkt.

Sind wirklich alle Arbeiten abrufbar?
Das ist das Prinzip, dass ich keine Kunst produzieren will, die nur in exklusive Hände gelangt. Es soll öffentlich und allgemein zugänglich sein. Gerade am Anfang, als das Netz noch langsam war, habe ich möglichst kleine Gifs herstellen wollen.





Da waren Bilder höchstens 50 Kilobytes und beim Produzieren ging es immer ums Runterschrauben, Runterschrauben. Unterdessen ist das Netz schneller, heute ist es mir egal, ob ein Bild 10 oder 100 Kilobyes hat.

Sie richten sich offenkundig nach dem Prinzip open access, dem ungehinderten Zugang zu Wissen. Das ist vielleicht das wichtigste Prinzip der Netzkunst der 90er Jahre. Sie sind 1975 geboren, sind damit eher jünger als die Akteure der 90er Jahre.
Ich bin kein typisches Beispiel, für keine Richtung. Man kann meine Arbeit als Netzkunst, Dokumentation oder als Comic titulieren. Meine Arbeiten sind das alles, sie sind es aber auch alles nicht. Ich will nicht in einer Schublade arbeiten. Aber wenn man ein Zentrum meiner Kunst ausmachen will, so ist das wohl die Zeichnung, sie ist die Wurzel.

Ein Charakteristikum dieser Netzkunst war, dass sie, ganz im Gegensatz zu den Erwartungen, die man an sie herantrug, der Technologie- und Konsumeuphorie kritisch gegenüberstand. Das Video «Gib mer» scheint ein geistiger Verwandter: Die Konsumverfallenheit der heutigen Jugendkultur, unter anderem auch in Sachen Handy, wird darin unverblümt inszeniert.
Ich bin ein klassisches Opfer neuer Medien. Einer von denen, die jeweils glauben, dass es mit einem neuen Medium besser gehe. Dabei reichen Papier und Stift aus. Diese Einsicht spielt in dem Video, das ich zusammen mit der Rapperin Big Zis gemacht habe, eine Rolle.





Die Vorgaben des Fernsehens lauteten: vier Clips zu vier verschiedenen Begriffspaaren. «Gib mer» entstand unter dem Themenpaar Geben/Nehmen. Die Anfangssequenz handelt davon, dass jemand ein weisses Stück Papier und einen Stift gibt. Ich habe diese erste Sequenz gemacht und Big Zis übergeben. Sie hat es genommen und dazu ein Lied geschrieben.

In der Medienkunst-Szene, die eng mit Wirtschaft und Wissenschaft zusammenarbeitet, ist Konsumkritik und die Hinterfragung des Nutzens von technologischen Weiterentwicklungen nicht immer gern gehört. Selbst dann, wenn wie beim iPod, dem MP3-Player von Apple, die Kommerzialisierung augenfällig exzessiv betrieben wird.
Was den iPod betrifft, habe ich meinen verschenkt. Bezüglich Internet entschied ich mich damals bewusst gegen das kommerzielle Animationsprogramm «Flash». Mir hat die HTML-Struktur viel besser gefallen, sie ist viel weniger vorgedacht. Man kann simpel anfangen und dann ganz raffiniertes Zeug basteln. Ich arbeite eigentlich immer noch mit ähnlichen HTML-Strukturen wie am Anfang.

Auch das erinnert an die Lowtech-Netzkunst der 90er Jahre. Der Server www.irational.org, 1996 vom Briten Heath Bunting gegründet, sieht heute noch fast gleich aus wie vor zehn Jahren. Gemeinsam ist auch das Anliegen, Kunst auf eigenen, vom Kunstbetrieb unabhängigen Kanälen zu vertreiben. So findet sich auf allen Ihren Arbeiten eine Postadresse, auf den meisten auch noch die Angabe, wo man die Publikationen zu welchem Preis (in der Regel ein oder zwei Franken plus Briefporto) beziehen kann.
In «urban recordings» findet sich hinten eine Auflistung der Publikationen, die in Verlagen herausgekommen sind, mit richtigen ISBN-Nummern, das sind gerade mal drei Bücher (neben GRR30 noch GRR5, GRR8 und eine Zeitung (GRR20). Alle anderen habe ich selbst veröffentlicht. Die Sachen sind viel zu billig für den Buchhandel, der Direktverkauf läuft aber auch nicht so. Ab und zu verschicke ich zwar immer noch ein paar GRR-Publikationen, aber ich erhalte nicht viele Bestellungen. Zudem sind die Arbeiten ja alle im Internet verfügbar. Ich habe den Postversand noch nicht abgeschafft, aber er ist eher am Auslaufen.

2004 haben Sie für das Kunsthaus Zürich den Umbau zeichnerisch festgehalten. Hat Sie die Anfrage durch diese Zentrale des etablierten Kunstbetriebs überrascht?

Es hat mich überrascht und erfreut. Von diesem Zeitpunkt fühlte ich mich nicht mehr als Aussenseiter und erhielt einen Marktwert





Die auf der Baustelle entstandenen Zeichnungen habe ich mittels Pinsel und Farbe auf die Bauwand vor dem Kunsthaus reproduziert. Erstaunlicherweise gab es keine negative Kritik ausser einer Bemerkung in der Wochenzeitung WOZ. Und anfangs kam mir ein notorischer Zürcher Plakatbekritzler in die Wege, nach einmaligem Übermalen liess er dann aber ab. Die Sprayer haben mich ebenfalls alle respektiert.

Die Liste der Orte, die in «urban recordings» als Ihre Reisedestinationen dokumentiert sind, weist Sie als exzessiven Globetrotter aus.

Ich will mich nicht reduzieren lassen auf einen Ort. Ich betrachte die Welt als Einheit, die Menschheit bildet eine Einheit.

Welchen Stellenwert hat die Stadt Zürich, die doch des öfteren im Buch auftaucht?

In Zürich bin ich aufgewachsen. Dort, wo ich bin, dort zeichne ich. Zur Zeit versuche ich weniger in Zürich zu sein. Es tut mir nicht gut, Zürich ist zu bequem.

Viele Zeichnungen des Buches stammen aus früheren Arbeiten. So bildet die Darstellung des Zürcher Greulich-Hotels (S. 132-140 ) mit seiner Hausbesetzungs-Vorgeschichte einen Auszug aus dem Sternstunden-Video «Vorher & Nachher» (Grr23). Auch die sechsteilige Darstellung des Ground-Zero, die im Buch zu finden ist (S. 162-166), bildet Teil eines Sternstunden-Video («Eins und Alles», (Grr25). Stand also die Videoproduktion am Anfang und stellt das Buch nun eine sekundäre Publikation, ein Recycling dieser Videos dar?

Ich erschaffe mir einen Fundus an Bildern. Ich möchte eigentlich nicht einzelne Werke machen, sondern ein Welt von Werken, eine Bilder-Welt. Ein organisches Gebilde. Auch die Sternstunden-Videos habe ich aus diesem Fundus geschöpft.

Ist «urban recordings» eine Art Krönung Ihrer bisherigen Arbeiten?

Es gibt keine Krone, es handelt sich eher um einen weiteren Ast am Baum. Und jedes Medium hat seine eigenen Vor- und Nachteile. Das Medium Buch ist super; zum Lesen braucht es nur etwas Licht, keinen Strom, keine weiteren Geräte und kein Internet. Und den Anfang und Schluss des Lesens kann man selbst bestimmen, frei darin blättern. Ich wollte keine feste Abfolge machen, man kann das Buch sowieso nicht auf einmal durchschauen, dazu sind es zu viele Bilder.

In den Videos hingegen hat man den Eindruck einer Dynamik, einer festen Dramaturgie.

Die habe ich fürs Fernsehen produziert. Ich wusste, man zappt rein und sieht es gerade ein einziges Mal. Darum habe ich stärker an die klassische Dramaturgie gehalten. Ansonsten arbeite ich lieber in Loops, da kann man viel mehr in eine Minute packen.

Betrachtet man die gegenwärtige Videokunst oder auch Phänomene wie «Soundscapes» in der elektronischen Musik, dann hat man den Eindruck, die jüngste Kunst hat gerade wieder eine starke Tendenz zum Offenen, Vagen.

Mit klassischer Dramaturgie bevormundet man die Leute und beschränkt deren Fantasie. Unkonventionelle und offene Strukturen sind deshalb viel interessanter. In einer Sequenz von «urban recordings» (S. 254–259) geht es um «the piers». Eine Ecke in New York, wo sich Menschen auch ohne Geld vergnügen oder einfach auch nur sich selbst sein konnten. Im Jahr 2002, als ich in New York lebte, war der Ort vergittert und heutzutage ist er steril, renoviert und gut kontrolliert. Die Gitter-Zeichnung habe ich dann auch für das Titelbild verwendet, einfach mit einem anderem Hintergrund, dem Busbahnhof in Kampala (S.8–12). Ich hoffe einige Leute erkennen Geschichten und spinnen sie weiter. Andere sehen nur Gitter und Hochhäuser, das ist mir auch recht. Man soll den Leuten den Freiraum lassen.

Das Buch:

Ingo Giezendanner: Urban recordings (Grr30). www.passengerbooks.com 2006
Bestellung direkt beim Verlag www.passengerbooks.com möglich.

Links:

»Passenger Books
»GRRR-Website
»Rapperin Big Zis
»Clickhere vom 15.09.06 über die aktuelle Ausstellung «The wonderful world of Irational.org»