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27.01.06
Alpenmalerei und Rechnerkunst
Villö Huszai
Das monumentale Bilderlebnis der Alpenmalerei, gekreuzt mit Computerkultur: Das ist der kühne mediengeschichtliche Kern der Ausstellung «Somewhere else is the same place», die noch bis im Februar im Kunstmuseum Solothurn zu sehen ist. Es handelt sich um die bisher grösste Einzelausstellung des Basler Künstlerpaares Monica Studer und Christoph van den Berg.

Wenn Studer/van den Berg die Präsentation mit zwei grossformatigen Bildern von Alpenansichten in einem ansonsten leeren Saal beginnen, dann zitieren sie eine Bildtradition, wie sie exemplarisch Caspar David Friedrichs «Der Wanderer über dem Nebelmeer» von 1818 veranschaulichen kann. Friedrichs Wanderer blickt als kleines Figürchen versunken und einsam auf die monumentale Natur zu seinen Füssen. Im neuklassizistischen Kunstmuseum Solothurn, das unter anderem über eine grosse Hodler-Sammlung verfügt, scheint der Verweis auf die Tradition des erhabenen Kunstbildes nahe zu liegen. Spätestens auf den zweiten Blick zeigt sich aber die Kühnheit des Auftakts: Studer/van den Bergs prachtvollen Grossbilder sind keine herkömmlichen Oelbilder, sondern bestehen aus jeweils vier aneinandergefügten Inkjet-Prints – Tintenstrahl-Ausdrucken also, wie man sie vom alltäglichen Computer-Gebrauch her kennt.


Auf Flachbildschirm ist per Trackball «Wiese» (2005) zu erforschen.

Welch’ weitgespannten kunst- und medienhistorischen Brückenschlag Studer/van den Berg vollziehen, zeigt sich am deutlichsten in der Hälfte des Ausstellungs-Durchganges, wo man auf die Internet-Arbeit www.vuedesalpes.com stösst. Das bereits 2001aufgeschaltete virtuelle Hotel in voralpiner Landschaft ist Keimzelle der ganzen Ausstellung. Denn so virtuos die medialen Zugänge in der Ausstellung auch variiert werden, so beharrlich umkreisen Studer/van den Berg thematisch das Alpenmotiv und die Frage, wie persönliche Erinnerung und mediale Bilder bei der Wahrnehmung einer Landschaft zusammenwirken.

Das Projekt dokumentiert aber auch Studer/van den Bergs Verbindung zur Netzkultur. Das in Malerei ausgebildete Paar ist schon 1990 gemeinsam auf das Medium Computer umgestiegen und hat sich in enger Zusammenarbeit mit dem Kulturserver www.xcult.org auch auf dieses vielleicht schwierigste Gebiet innerhalb der Computerkunst gewagt.
In Solothurn zeigen Studer/van den Berg www.vuedesalpes.com offline. Auch via Internet lässt sich die virtuelle Landschaft rund um das Hotel und die Lobby erkunden – ins Hotelzimmer selbst darf nur, wer sich online eine Zimmerreservation verschaffen konnte.


Orientierungsloses Wandern und Verirren im felsigen 3D-Gelände: die interaktive Installation mit PC und Projektion mit Namen «Nebel» (2005).

Was Geduld erfordert, denn momentan ist das Hotel bis 2007 ausgebucht – listiger kann man die weltweite Zugänglichkeit des Netzes nicht konterkarieren. Obwohl sich solche konzeptionell-medientheoretischen Überlegungen im Parcours durch die Ausstellung zu Hauf ergeben, sind Studer/van den Berg bildende Künstler und dem Primat des Ästhetischen treu geblieben. An der diesjährigen Weltausstellung in Japan haben sie die Oberfläche des Berges gestaltet, welcher im Schweizer Pavillon gezeigt wurde. Selbst für diese umfangreiche Arbeit haben sie keinen einzigen Grashalm extern machen lassen, denn dann würden sie ja ihr «Kerngeschäft, die ästhetische Gestaltung», so die zwei Künstler im Gespräch, delegieren. Studer/van den Berg verbinden autonomen Technologie-Gebrauch mit einer ebenso eigenständigen Bildverständnis, eine höchst seltene Kombination.


Im Kunstmuseum Solothurn wurde ein Teil des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung 2005 im japanischen Aichi im Massstab 1 zu 1 rekonstruiert: der «Berg» aus bedruckter Plane, Wabenkarton und Holz.

Der Brückenschlag zur Alpenmalerei kann durchaus mit Witz gepaart sein, wie man ihn in der interaktiven Installation «LivecamGleissenhorn» erkennen mag. Sie bietet eine 360-Grad-Ansicht von einem fiktiven Aussichtspunkt aus, der sich in der Nähe des Hotels Vue des Alpes befindet. Als Teil der Netzplattform ist die Livekamera-Simulation ursprünglich fürs kleine und auch intime Bildschirm-Format gemacht. Dies entspricht dem üblichen Einsatz solcher Panorama-Kameraschwenks, die via Fernsehen oder Internet das jeweils aktuelle Wetter, zum Beispiel eines Ferienortes, übertragen und dokumentieren. Studer/van den Berg projizieren das vorübergleitende Bild in Solothurn auf eine ganze Saalwand und kehren damit zur ursprünglichen Grossflächigkeit historischer Panoramen zurück. Nun kann man aber auf einer Leiste am unteren Rand des Bildes via Tastatur das (fiktive) Wetter jedes einzelnen Tages abfragen – wer kann da dem Impuls widerstehen, das Wetter des eigenen Geburtstages – oder zumindest das des Liebsten einzutippen? Effekt ist, dass sich der Betrachter mit dieser auskunftsträchtigen Abfrage selbst ins Bild setzt. Am privaten Bildschirm wäre vielleicht nichts dabei, doch als grossflächige Projektion in einer Museums-Halle? Caspar David Friedrichs stummer Betrachter der Nebellandschaft hat sich unter den Händen Studer/van den Bergs unversehens in eine Plaudertasche verwandelt.

Im letzten Saal ist ein Teil des japanischen Modell-Berges, der fast an die Saaldecke reicht, wieder aufgebaut. Der künstliche Hang versperrt bis auf einen schmalen Durchgang den Ausgang ins Foyer - als wollten Studer/van den Berg ihr Publikum nochmals mit einem ironischen Augenzwinkern dazu anhalten, vor der erhabenen Natur innezuhalten.

   
Ausstellung:

«Somewhere else is the same place»
Monica Studer / Christoph van den Berg: Werke 2000-2005
Kunstmuseum Solothurn, Werkhofstrasse 30, Solothurn (CH)

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 10 bis 12, 14 bis 17 Uhr, Samstag/Sonntag 10 bis 17 Uhr
26. November 2005 bis 12. Februar 2006

Im Kunstverlag Edition Fink, Zürich ist ein prächtiger Katalog erschienen, dessen Einbände aus der Oberfläche des in Japan gestalteten Modell-Berges stammen. Jedes Motiv ist nur jeweils in zehnfacher Ausführung gedruckt, so dass jedes Katalog-Exemplar eine Art Original darstellt. Christoph Vögele (Hg.): «Monica Studer, Christoph van den Berg. Somewhere else is the same place», Zürich 2005. (D/E, CHF 42).

Links:

»www.vuedesalpes.com
»Atelierbesuch bei Monica Studer und Christoph vd Berg im Vorfeld der Ausstellung
»unser Text zu Travelogue von Studer/vd Berg
»Kunstmuseum Solothurn