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27.04.05
Wer bestimmt, was die Medien schreiben?
Annina Zimmermann
Open News Network offeriert die Bauanleitung für Webmagazine.

Wie viele neue Medien ist das Internet einst mit dem Versprechen angetreten, sich breiten Kreisen nicht nur zum Konsum anzubieten, sondern auch zum Senden eigener Inhalte. Auch die Anliegen von Minderheiten könnten so breite Öffentlichkeit gewinnen. Erfreulicherweise haben nicht nur die Rechtsradikalen die Anonymität des Netzes für Ihre Propaganda entdeckt. Auch ungezählte MenschenrechtsaktivistInnen und Medienkunstinteressierte, Zwergziegenzüchter und Diana Ross-Fans tauschen hier kostengünstig Neuigkeiten und Meinungen aus. So entstehen mitunter lebendige Foren jenseits des Mainstreams, während die kommerziellen Pressehäuser und TV-Kanäle unter dem Druck der Werbewirtschaft einen immer grösseren Markt zu bedienen suchen.

Wer jedoch wenige erreicht, für den bleibt Deutungsmacht im Sinne einer Gegenöffentlichkeit ein Traum. Für diese Sehnsucht von Blog- und Websiteadepten haben Deivan Gore und Marc Lee nun eine Software entwickelt: das Open News Network. ONN offeriert Laien eine Software zum Formulieren, Gestalten und breitenwirksam Posten von Newsseiten im Internet.

Wie schon Marc Lees Diplomprojekt an der HGKZ, der virtuelle TV-Sender loogie.net, tarnt sich das hintersinnige Projekt mit dem Erscheinungsbild leicht reisserischer kommerzieller Angebote. Der Werbetext in O-Ton strotzt vor Versprechen: „Nur wenige Minuten reichen um vom ONN zu profitieren. Nutzen Sie Ihren Rechner als erstklassigen Informationsserver, indem Sie das ONN-Starterkit installieren und nach Ihren Wünschen anpassen... Die bequeme Eingabemaske hilft Ihnen auch bei Schreibstau mittels Textvorlagen und passender Bilder aus dem Internet. Auf Knopfdruck wird Ihre Mitteilung im Internet publiziert, auf allen Sites im ONN verteilt und dort nach dem persönlichen Profil automatisch redigiert.“


Marc Lee (links) und Deivan Gore präsentieren ihr Open News Network
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Bald soll das Programm von PCs mit schneller Leitung direkt von www.o-n-n.org herunter geladen werden können. Es bietet den Denkfaulen übertrieben dienstfertig Hilfe beim Formulieren. (Wer klaut sich heutzutage nicht auch schnell mal einen praktischen Textbaustein?) Die automatisierte Gestaltung kopiert den Look professioneller Newsmagazine so glaubhaft, dass selbst die fragwürdigsten Inhalte seriös wirken. Schliesslich hilft ONN – im Informationsmeer unabdingbar – bei der Optimierung der Seite nach den Kriterien der grossen Suchmaschinen. Dabei dient die eigene Festplatte, der Computer zu Hause, als Server: Macht den Hobby-Publizisten sozusagen autark wie den Kleinbauer neben den Giganten der Monokultur.

Das Projekt nimmt damit den hohen technischen Standard vieler Computerheimwerker – ja, deren Online-Sucht – zur Voraussetzung. Der eigene Beitrag zum Open News Network ist nämlich nur dann abrufbar, wenn der Computer mit dem Netz verbunden ist. Der eigentliche Clou von ONN ist aber, dass sich die Artikel des einen Netzwerk-Mitglieds automatisch auch bei den anderen ONN-Benutzern aufschalten. Sie passen sich dabei sozusagen in Camouflage ein ins jeweilige Design, das der jeweilige ONN-User für sich gewählt hat. Die Verbreitung erfolgt also von Kollege zu Kollege im Tauschhandel: Ein jeder publiziert seine Anliegen im Gegenrecht mit den andern Mitgleidern der Community. Ziel ist der gemeinsame Erwerb des raren Guts Aufmerksamkeit. Die Hoffnung ist, via Mitgliederzahl die Reichweite der eigenen Nachrichten zu steigern.

ONN unternimmt eine Gratwanderung und gleicht darin Marc Lees früheren Projekten loogie.net und seinem TV-Bot auf Reinhard Storz’ Netzfernsehen. Wo kippt eine Dienstleistung, durch die Übererfüllung gerade der fragwürdigen Aspekte, in deren Kritik? ONN bleibt mehrdeutig: Es ist zum einen durchaus funktionales, verblüffend leicht zu bedienendes Angebot zur Publikation von Anliegen auch für Laien. Dann wieder klickt man sich erzwungenermassen durch ellenlange Userprofile, die sich dann gänzlich absurd auf das Design auswirken – und lacht über das Pseudo-Interaktivitäts-Gebot des E-commerce.

Strategien, das Produkt auch tatsächlich zu vermarkten, fehlen. Das spricht dafür, ONN doch eher als Modell zu lesen, das verborgende Potenziale des Mediums sichtbar machen soll. Das Projekt stellt auch moralische Fragen, etwa nach der Bewertung von Bilder- und Texteklau zwischen Denkfaulheit und Open Source-Ideologie. Trägt gar keine Verantwortung für politisch gefährliche Inhalte, wer ihnen hübsche Vehikel bereitstellt? Am (verfrüht angesetzten) Launching-Event letzthin im [plug.in] hatten die leicht übernächtigten Programmierer auf solche Bedenken kaum Antworten: Sie legen einen Köder aus und sind selbst am meisten neugierig, wie ihr Projekt nun verstanden wird.

Information: Deivan Gore und Marc Lee
«Open News Network ONN»
Lanciert im Basler [plug.in] am 31. März 2005,
bald herunter zu laden auf www.o-n-n.org.
Links: »Open News Network von Deivan Gore und Marc Lee
»loogie.net von Marc Lee
»Der TV-Bot von Marc Lee läuft, je nach Tageszeit, auf 56kTV - bastard channel