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Ulrich Fischers Projekt «Passages» vereint
Videoperformances und Videoinstallation. Die Performances bilden dabei
das eigentliche Kernstück, sie liefern das Bild- und Tonmaterial
für die Installation. Fischer, Mitglied des Künstlerkollektivs
Perceuse Production Image (www.perdeuseprod.ch),
begibt sich dafür mit einem Musiker an einen ausgewählten urbanen
Ort. Abgesehen von der vorweg getroffenen Auswahl des Ortes soll sich
die Performance in möglichst spontaner, freier Auseinandersetzung
mit der vorgefundenen Wirklichkeit entwickeln.
Videostill aus Ulrich Fisches «Passages»
Der Musiker setzt seine Eindrücke simultan musikalisch um, während
Fischer mit einer Videokamera filmend auf die konkrete Situation reagiert:
auf die Stadt, auf allfällige Passanten, aber auch auf die Musik
seines Begleiters. Dieser kann dank eines kleinen LCD-Displays wiederum
simultan auf die filmische Umsetzung seines Performance-Partners antworten.
Fischer hat schon mit mehreren Musikern gearbeitet, in Genf, in Lausanne
und in Tokyo. Während von der Installation am Lausanner Musik-Festival
Arsenik erst einmal und nur erst eine einfache Version zu sehen war, liegen
schon zahlreiche Performance-Sequenzen mit einer Spielzeit von insgesamt
70 Minuten auf DVD vor.
Kein olympischer, sondern ein flanierender Autor
Die Lausanner Aufnahmen spielen sich in den zahlreichen und für Lausanne
charakteristischen Fussgänger-Unterführungen ab. Der Projektname
«Passages“ bezieht sich auf diese urbanen Aufnahmeorte, abstrakter
aber auch auf Walter Benjamins Passagenwerk. Die Art und Weise, wie Fischer
sich als Künstler der urbanen Wirklichkeit aussetzt, nähert
sich Benjamins Auffassung von moderner Autorschaft an, wie sie durch die
Flaneur-Figur verkörpert wird: Anstatt abgeschottet von der Wirklichkeit
ein in sich geschlossenes Werk zu schaffen, geht Fischers Künstler
wie Benjamins Flaneur auf die Strasse und möglichst nahe und ungeschützt
an das «chaos of everyday life», so Fischer in einem Kommentar
zu «Passages», heran. Dieses künstlerische Eintauchen
in die Alltagswirklichkeit soll das Publikum nachvollziehen können,
indem es ebenfalls einer komplexen Situation ausgesetzt wird: Die Videosequenzen
werden in der Installation nicht linear nacheinander, sondern parallel
und sich überlappend gezeigt. Ãhnlich wie die Performer soll
auch der Zuschauer auf eine komplexe Situation reagieren, indem er aus
der künstlichen Wirklichkeit, die ihm die vielsträngige Installation
bietet, eine eigene Auswahl trifft.
Wider einige eiserne Regeln der Filmindustrie
Die Improvisationskunst von «Passages» ist ein Versuch, den
Akt des Filmens von einigen eisernen Regeln des Films fernzuhalten. Die
Linearität der Zeitkunst Film wird durch die Installation zumindest
gemildert, indem mehrere Sequenzen zeitgleich zu sehen sind. Vor allem
gibt es auch kein Script, das im Voraus alles minutiös festlegen
würde: Die dem Zuschauer zugestandene - oder auferlegte - Freiheit
findet sich schon auf Produktionsebene. Das Performance-Geschehen reagiert
möglichst ungebunden auf die konkrete Situation: Fischer, so scheint
es, möchte sich vom Filmen wie von einem Sog erfassen lassen, der
ihn gleichsam physisch sich an die Wirklichkeit anschmiegen lässt.
Videostill aus Ulrich Fisches «Passages»
Aufgrund dieser experimentellen Haltung lässt sich Ulrich Fischers
Projekt nicht in ein gängiges Filmverständnis einreihen. Diese
Aussenseiter-Rolle teilt das Projekt mit vielen Formen der digitalen Kunst.
Gemeinsam ist ihnen vor allem das Prinzip der Interaktion, das sich mit
der herkömmlichen Auffassung eines geschlossenen Werkes nicht verträgt.
Fischer beruft sich darauf, wenn er das Konzept von «Passages»
erläutert. Er versteht unter Interaktion dabei mehr als das technisch-konkrete
Anklicken eines Buttons durch die Rezipientin. Interaktion bedeutet für
ihn viel grundsätzlicher, dass kein vorgängiges Konzept die
Reaktion auf Wirklichkeit verhindert: «Interaktion auf der Stufe
Null» nennt das Fischer.
Die Medienkunst riskiere mitunter, das Digitale und damit den medialen
Faktor zu stark in den Vordergrund zu rücken und sich im Abstrakten
und Selbstbezüglichen zu verlieren. Aber auch bei einem traditionellen
Film mit seinem Anspruch auf Perfektion und totale Kontrolliertheit, exemplarisch
verkörpert in einem Script, droht diese Gefahr. Sich einer konkreten
Situation auszusetzen während einer «Passages»-Performance,
ist für Fischer gerade ein Mittel, «mit beiden Füssen
in der Wirklichkeit zu stehen» und nicht zu «rosten».
Spagat zwischen Video und digitalen Medien als Möglichkeitsraum
Digitale Medienkunst ist grundsätzlich eher interaktiv, nicht-linear
und oft ohne in sich geschlossenes Werk, Video- und Filmkunst ist grundsätzlich
eher nicht interaktiv, eher linear und lässt sich daher in der Regel
auf herkömmliche Weise «ansehen». Fischers «Passages»
gehört aufgrund der verwendeten Medien zwar eindeutig zum Bereich
der Videokunst, doch zugleich zeugt die Arbeit von einem ästhetischen
Experimentiergeist, wie er in den Neuen Medien in Folge der spezifischen
technischen Bedingungen und Möglichkeiten fast selbstverständlich
ist.
Videostill aus Ulrich Fisches «Passages»
Damit erfüllt «Passages» eine wertvolle Brückenfunktion
zwischen den zwei Bereichen, die zwar laut 90er-Jahre-Vision immer schon
kurz davor standen, unaufhaltsam zu verschmelzen, die in der Realität
der Festivals und Institutionen dann aber doch weiterhin getrennte Wege
gingen und gehen. Und dies durchaus mit gutem Recht: Dass die stetige
Digitalisierung der Film-Technologie zugleich auch den Grundcharakter
des Films dem Computer als Prinzip annähere (siehe dazu zum Beispiel
die früheren Ansichten des russischen Medientheoretikers Lev Manovich),
hat sich als übereilte Annahme erwiesen. Vielleicht gerade weil die
zwei Bereiche im Grundcharakter so verschieden, in der Technologie aber
in einem ständigen Austausch sind, verspricht ihre historische und
systematische Nachbarschaft einen interessanten Möglichkeitsraum.
Arbeiten wie Fischers «Passages» loten ihn aus.
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