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27.09.05
Passages to media art: Ulrich Fischers Videokunst
Villö Huszai

Der Genfer Ulrich Fischer ist Videokünstler und Filmemacher und macht im engeren Sinne noch wenig digitale Medienkunst. Aufgrund ihres experimentellen Charakters fordern seine Arbeiten jedoch die Kategorien des Filmes ebenso heraus, wie sie die interaktiven Strategien der Medienkunst für sich prüfen. Diese Nähe zur Medienkunst - und auch einige zentrale Differenzen - zeigen sich deutlich in Fischers jüngstem Projekt «Passages».

Ulrich Fischers Projekt «Passages» vereint Videoperformances und Videoinstallation. Die Performances bilden dabei das eigentliche Kernstück, sie liefern das Bild- und Tonmaterial für die Installation. Fischer, Mitglied des Künstlerkollektivs Perceuse Production Image (www.perdeuseprod.ch), begibt sich dafür mit einem Musiker an einen ausgewählten urbanen Ort. Abgesehen von der vorweg getroffenen Auswahl des Ortes soll sich die Performance in möglichst spontaner, freier Auseinandersetzung mit der vorgefundenen Wirklichkeit entwickeln.


Videostill aus Ulrich Fisches «Passages»

Der Musiker setzt seine Eindrücke simultan musikalisch um, während Fischer mit einer Videokamera filmend auf die konkrete Situation reagiert: auf die Stadt, auf allfällige Passanten, aber auch auf die Musik seines Begleiters. Dieser kann dank eines kleinen LCD-Displays wiederum simultan auf die filmische Umsetzung seines Performance-Partners antworten. Fischer hat schon mit mehreren Musikern gearbeitet, in Genf, in Lausanne und in Tokyo. Während von der Installation am Lausanner Musik-Festival Arsenik erst einmal und nur erst eine einfache Version zu sehen war, liegen schon zahlreiche Performance-Sequenzen mit einer Spielzeit von insgesamt 70 Minuten auf DVD vor.

Kein olympischer, sondern ein flanierender Autor
Die Lausanner Aufnahmen spielen sich in den zahlreichen und für Lausanne charakteristischen Fussgänger-Unterführungen ab. Der Projektname «Passages“ bezieht sich auf diese urbanen Aufnahmeorte, abstrakter aber auch auf Walter Benjamins Passagenwerk. Die Art und Weise, wie Fischer sich als Künstler der urbanen Wirklichkeit aussetzt, nähert sich Benjamins Auffassung von moderner Autorschaft an, wie sie durch die Flaneur-Figur verkörpert wird: Anstatt abgeschottet von der Wirklichkeit ein in sich geschlossenes Werk zu schaffen, geht Fischers Künstler wie Benjamins Flaneur auf die Strasse und möglichst nahe und ungeschützt an das «chaos of everyday life», so Fischer in einem Kommentar zu «Passages», heran. Dieses künstlerische Eintauchen in die Alltagswirklichkeit soll das Publikum nachvollziehen können, indem es ebenfalls einer komplexen Situation ausgesetzt wird: Die Videosequenzen werden in der Installation nicht linear nacheinander, sondern parallel und sich überlappend gezeigt. Ãhnlich wie die Performer soll auch der Zuschauer auf eine komplexe Situation reagieren, indem er aus der künstlichen Wirklichkeit, die ihm die vielsträngige Installation bietet, eine eigene Auswahl trifft.

Wider einige eiserne Regeln der Filmindustrie

Die Improvisationskunst von «Passages» ist ein Versuch, den Akt des Filmens von einigen eisernen Regeln des Films fernzuhalten. Die Linearität der Zeitkunst Film wird durch die Installation zumindest gemildert, indem mehrere Sequenzen zeitgleich zu sehen sind. Vor allem gibt es auch kein Script, das im Voraus alles minutiös festlegen würde: Die dem Zuschauer zugestandene - oder auferlegte - Freiheit findet sich schon auf Produktionsebene. Das Performance-Geschehen reagiert möglichst ungebunden auf die konkrete Situation: Fischer, so scheint es, möchte sich vom Filmen wie von einem Sog erfassen lassen, der ihn gleichsam physisch sich an die Wirklichkeit anschmiegen lässt.


Videostill aus Ulrich Fisches «Passages»

Aufgrund dieser experimentellen Haltung lässt sich Ulrich Fischers Projekt nicht in ein gängiges Filmverständnis einreihen. Diese Aussenseiter-Rolle teilt das Projekt mit vielen Formen der digitalen Kunst. Gemeinsam ist ihnen vor allem das Prinzip der Interaktion, das sich mit der herkömmlichen Auffassung eines geschlossenen Werkes nicht verträgt. Fischer beruft sich darauf, wenn er das Konzept von «Passages» erläutert. Er versteht unter Interaktion dabei mehr als das technisch-konkrete Anklicken eines Buttons durch die Rezipientin. Interaktion bedeutet für ihn viel grundsätzlicher, dass kein vorgängiges Konzept die Reaktion auf Wirklichkeit verhindert: «Interaktion auf der Stufe Null» nennt das Fischer.

Die Medienkunst riskiere mitunter, das Digitale und damit den medialen Faktor zu stark in den Vordergrund zu rücken und sich im Abstrakten und Selbstbezüglichen zu verlieren. Aber auch bei einem traditionellen Film mit seinem Anspruch auf Perfektion und totale Kontrolliertheit, exemplarisch verkörpert in einem Script, droht diese Gefahr. Sich einer konkreten Situation auszusetzen während einer «Passages»-Performance, ist für Fischer gerade ein Mittel, «mit beiden Füssen in der Wirklichkeit zu stehen» und nicht zu «rosten».

Spagat zwischen Video und digitalen Medien als Möglichkeitsraum
Digitale Medienkunst ist grundsätzlich eher interaktiv, nicht-linear und oft ohne in sich geschlossenes Werk, Video- und Filmkunst ist grundsätzlich eher nicht interaktiv, eher linear und lässt sich daher in der Regel auf herkömmliche Weise «ansehen». Fischers «Passages» gehört aufgrund der verwendeten Medien zwar eindeutig zum Bereich der Videokunst, doch zugleich zeugt die Arbeit von einem ästhetischen Experimentiergeist, wie er in den Neuen Medien in Folge der spezifischen technischen Bedingungen und Möglichkeiten fast selbstverständlich ist.

Videostill aus Ulrich Fisches «Passages»

Damit erfüllt «Passages» eine wertvolle Brückenfunktion zwischen den zwei Bereichen, die zwar laut 90er-Jahre-Vision immer schon kurz davor standen, unaufhaltsam zu verschmelzen, die in der Realität der Festivals und Institutionen dann aber doch weiterhin getrennte Wege gingen und gehen. Und dies durchaus mit gutem Recht: Dass die stetige Digitalisierung der Film-Technologie zugleich auch den Grundcharakter des Films dem Computer als Prinzip annähere (siehe dazu zum Beispiel die früheren Ansichten des russischen Medientheoretikers Lev Manovich), hat sich als übereilte Annahme erwiesen. Vielleicht gerade weil die zwei Bereiche im Grundcharakter so verschieden, in der Technologie aber in einem ständigen Austausch sind, verspricht ihre historische und systematische Nachbarschaft einen interessanten Möglichkeitsraum. Arbeiten wie Fischers «Passages» loten ihn aus.

Information:

Ulrich Fischer: «Passages»
Musik- und Videoperformance in verschiedenen Städten. Installative Version in Vorbereitung.

Links: »Info zu Ulrich Fischer auf der Webseite des Künstlerkollektivs Perceuse Production Image
»Unsere Besprechung der Ausstellung von «Passages» vom 21. Juni 2006