Impressum

zimmermann@regioartline.org
&
27.09.05
Unbemerkt und doch präsent
Silke Bellanger

In der Städtischen Galerie Karlsruhe reflektieren neun kanadische KünstlerInnen den Körper als Quelle, Widerhall, Sender und Widerstand elektromagnetischer Wellen.

Die junge Frau steht vor einem Fenster. Ihre Rüschenbluse ist hochgeschlossen und das Gesicht blass. Ihre langen dunklen Haare wehen senkrecht nach oben. Unablässig grollt das Gewitter und blaue Blitze zucken durch den ansonsten schwarz-weißen Filmausschnitt. Es ist der Blick ihrer hellen Augen, der beunruhigt. Dieser irritierend intensive Blick lässt den Betrachter rätseln, ob das Unwetter ihr diese unheimliche Erscheinung verleiht oder sie selbst vielmehr die Quelle von Blitz und Donner ist.


Paulette Phillips, Homewreker 1 & 2, 2005. Videoprojektion.

«Homewrecker», so der Titel von Paulette Phillips Videoprojektion, bezeichnet eine Person, die häusliche Ordnungen durcheinander bringt, wenn nicht gar zerstört. So weckt die Videoprojektion einerseits Assoziationen an die Schauer- und Gespenstergeschichten des 19. Jahrhunderts, denn Frankensteins Monster wurde in einer Gewitternacht durch Elektrizität zum Leben erweckt. Andererseits bezieht sie sich auf die Versuche in der frühen Geschichte der Photographie, paranormale Phänomene und Kräfte auf die Photoplatte zu bannen. Das leichte Unbehagen, nicht genau zu wissen, ob die Kräfte natürlicher oder übernatürlicher Art sind, Gutes bezwecken oder nicht, wird hier nicht zuletzt dadurch verursacht, dass die unsichtbare Kraft spannungsgeladene Elektrizität ist.

Zwischen wissenschaftlicher Demonstration und Schaueffekt
Im Kontext der Ausstellung «Resonanzen. Körper im elektromagnetischen Feld» erinnern die fliegenden Haare aber auch an öffentliche physikalische und elektrotechnische Vorführungen, bei denen Prinzipien und Effekte der Elektrizität demonstriert und erklärt werden. Menschen als Leiter des elektrischen Stromflusses einzubeziehen, bleibt ein beliebtes Element dieser Vorführungen, deren Geschichte wie die «Gothic Novel» mit den bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts verbunden ist. Dabei wird das Spiel mit einer nahe gelegten Gefahr des Stromschlags in eine Demonstration der elektrostatischen Aufladung überführt, die den beteiligten Personen - obgleich unbeschadet - die Haare zu Berge stehen lässt. Ein weiterer Höhepunkt solcher Vorführungen war und ist die künstliche Herstellung von Blitzen mittels sogenannter Tesla-Transformatoren.


Marie-Jeanne Musiol, Bodies of Light, 2003. Lichtskulpturen.

Wie ein Geist huscht der Namensgeber jener Anlagen zur Herstellung von Hochfrequenz-Strom, der Physiker und Elektrotechniker Nikola Tesla (1856-1943), durch die Ausstellung «Resonanzen», mit der das ZKM derzeit in der Städtischen Galerie Karlsruhe zu Gast ist. Die Schau führt jedoch dessem Erfindungen nicht vor, eher dienen seine Arbeit, sein Leben, aber mehr noch der Mythos Nikola Tesla als Anlass für die Zusammenstellung und Anfertigung der Kunstwerke. Im Vergleich zur ersten Station in Kanada wurde die Präsentation in Karlsruhe um Sammlungsbestände des ZKM und wissenschaftshistorische Experimentalaufbauten erweitert. Wie in der dort zu sehenden Videoserie «Sparks» der Künstlergruppe Ælab, bewegen sich die Berichte über Teslas Werk und Leben unauflöslich zwischen Fakt und Fiktion. Er war Zeitgenosse, Angestellter und schließlich Konkurrent von Thomas A. Edison. Unzählige Erfindungen hat er Zeit seines Lebens patentieren lassen, doch nie wirklich Geld mit ihnen verdient. Vieles, wie etwa die Entwicklung des Radios, die Guglielmo Marconi offiziell zugeschrieben wurde, müsste eigentlich ihm zugerechnet werden. Und um seine unrealisierten Projekte, wie dem Bau einer Anlage, die freie Energie für alle erzeugen können sollte, ranken sich wilde Gerüchte. Tesla ist einer der Figuren der Wissenschaftsgeschichte, die alle modernen Verschwörungstheorien an den Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Militär wuchern lässt. Daher spielt Craig Baldwin in dem Videofilm «Spectres of the Spectrum», der eine Collage von Horror-, Zeichentrick-, Werbefilmen, Nachrichtensendungen und Bildungsprogrammen ist, mit diesen Spekulationen, um seine Bedenken an aktuellen Entwicklungen, besonders der Idee einer «freien Informationsgesellschaft» Ausdruck zu geben.

Der unsichtbare Elektromagnetismus wird visuell wahrnehmbar
Doch die Mehrzahl der Objekte und Kunstwerke befasst sich weniger mit Tesla an sich als mit Elektromagnetismus, Elektrizität, bzw. Funktechnik im weiteren Sinne. So lässt die Installation «Bodies of Light» von Marie-Janne Musiol, die elektrische Aktivität des Organischen derart sichtbar werden, dass Laubblätter zauberhaft in der Dunkelheit leuchten. Wie hier wird die unsichtbare elektromagnetische Präsenz in der Ausstellung wiederholt visuell und akustisch in etwas Wahrnehmbares umgewandelt. Und das Motiv der Störung kehrt wieder. Kristin Lucas fiktionale Dokumentation «Involuntary Reception» wendet den Gedanken, dass unsere Umwelt aufgrund der zunehmenden Dichte elektromagnetischer Felder belastet ist, derart, dass sie diese Umwelt zu einem Schutzraum für eine Figur werden lässt, die mit ihrem eigenen elektromagnetischen Feld auf Elektrizität beruhenden Funktionsabläufe stört. Ein hohes Mass an elektromagnetischer Dichte, wie sie in Bürohäusern zu vermuten ist, bietet ihr die Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben.


Kirstin Lucas, Involuntary Reception, 2000, Videoinstallation.

Die Kunstwerke der ursprünglichen Ausstellung verfolgen vorrangig eine thematische Annäherung an das Phänomen Elektromagnetismus. Die in der Karlsruher Schau hinzugefügten Arbeiten und Laborobjekte legen zudem eine kunst- und wissenschafts-historische Einbettung und damit fast zu viele verschiedene Betrachtungsweisen an. Eher Form statt Inhalt fokussierend, werden mit Medienkunstwerken der 1970er Jahre, unter anderem von Woody Vasulka, Möglichkeiten der Bilderzeugung und -verfremdung mittels elektrotechnischer Verfahren angesprochen.

Anhand der Biographien einiger Schlüsselfiguren der Physikgeschichte und weniger Laborobjekte, mittels derer der in Karlsruhe tätig gewesene Physiker Heinrich Hertz die Existenz elektromagnetischer Wellen beweisen konnte, wird zusätzlich ein grober wissenschaftshistorischer Orientierungsrahmen angeboten. Doch leider werden weder durch die Gestaltung noch die Beschriftung, die Zusammenhänge zwischen wissenschafts-historischen Entwicklungen und den gezeigten Kunstwerken weiterverfolgt. Die Faszination und die Spekulationen, die die physikalische Forschung, die Entwicklung und Etablierung der Elektrizität einst hervorgerufen haben mögen, legt dieser kleine wissenschaftshistorische Vorspann nicht nahe. Dagegen lassen die so geisterhaft wirkenden Kunstwerke erahnen, welche Bedeutung und Irritation Elektrizität gerade aufgrund dessen hatte und immer noch haben kann, wirksam und zugleich nicht wahrnehmbar zu sein.

Ausstellung:

«Resonanzen. Körper im elektromagnetischen Feld»
Das ZKM zu Gast in der Städtischen Galerie Karlsruhe
Städtische Galerie Karlsruhe, Lorenzstraße 10, Karlsruhe (D).

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 8. Oktober 2005

Links: »Städtische Galerie Karlsruhe