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Die junge Frau steht vor einem Fenster. Ihre Rüschenbluse
ist hochgeschlossen und das Gesicht blass. Ihre langen dunklen Haare wehen
senkrecht nach oben. Unablässig grollt das Gewitter und blaue Blitze
zucken durch den ansonsten schwarz-weißen Filmausschnitt. Es ist
der Blick ihrer hellen Augen, der beunruhigt. Dieser irritierend intensive
Blick lässt den Betrachter rätseln, ob das Unwetter ihr diese
unheimliche Erscheinung verleiht oder sie selbst vielmehr die Quelle von
Blitz und Donner ist.

Paulette Phillips, Homewreker 1 & 2, 2005. Videoprojektion.
«Homewrecker», so der Titel von Paulette Phillips Videoprojektion,
bezeichnet eine Person, die häusliche Ordnungen durcheinander bringt,
wenn nicht gar zerstört. So weckt die Videoprojektion einerseits
Assoziationen an die Schauer- und Gespenstergeschichten des 19. Jahrhunderts,
denn Frankensteins Monster wurde in einer Gewitternacht durch Elektrizität
zum Leben erweckt. Andererseits bezieht sie sich auf die Versuche in der
frühen Geschichte der Photographie, paranormale Phänomene und
Kräfte auf die Photoplatte zu bannen. Das leichte Unbehagen, nicht
genau zu wissen, ob die Kräfte natürlicher oder übernatürlicher
Art sind, Gutes bezwecken oder nicht, wird hier nicht zuletzt dadurch
verursacht, dass die unsichtbare Kraft spannungsgeladene Elektrizität
ist.
Zwischen wissenschaftlicher Demonstration und Schaueffekt
Im Kontext der Ausstellung «Resonanzen. Körper im elektromagnetischen
Feld» erinnern die fliegenden Haare aber auch an öffentliche
physikalische und elektrotechnische Vorführungen, bei denen Prinzipien
und Effekte der Elektrizität demonstriert und erklärt werden.
Menschen als Leiter des elektrischen Stromflusses einzubeziehen, bleibt
ein beliebtes Element dieser Vorführungen, deren Geschichte wie die
«Gothic Novel» mit den bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts
verbunden ist. Dabei wird das Spiel mit einer nahe gelegten Gefahr des
Stromschlags in eine Demonstration der elektrostatischen Aufladung überführt,
die den beteiligten Personen - obgleich unbeschadet - die Haare zu Berge
stehen lässt. Ein weiterer Höhepunkt solcher Vorführungen
war und ist die künstliche Herstellung von Blitzen mittels sogenannter
Tesla-Transformatoren.

Marie-Jeanne Musiol, Bodies of Light, 2003. Lichtskulpturen.
Wie ein Geist huscht der Namensgeber jener Anlagen zur Herstellung von
Hochfrequenz-Strom, der Physiker und Elektrotechniker Nikola Tesla (1856-1943),
durch die Ausstellung «Resonanzen», mit der das ZKM derzeit
in der Städtischen Galerie Karlsruhe zu Gast ist. Die Schau führt
jedoch dessem Erfindungen nicht vor, eher dienen seine Arbeit, sein Leben,
aber mehr noch der Mythos Nikola Tesla als Anlass für die Zusammenstellung
und Anfertigung der Kunstwerke. Im Vergleich zur ersten Station in Kanada
wurde die Präsentation in Karlsruhe um Sammlungsbestände des
ZKM und wissenschaftshistorische Experimentalaufbauten erweitert. Wie
in der dort zu sehenden Videoserie «Sparks» der Künstlergruppe
Ælab, bewegen sich die Berichte über Teslas Werk und Leben
unauflöslich zwischen Fakt und Fiktion. Er war Zeitgenosse, Angestellter
und schließlich Konkurrent von Thomas A. Edison. Unzählige
Erfindungen hat er Zeit seines Lebens patentieren lassen, doch nie wirklich
Geld mit ihnen verdient. Vieles, wie etwa die Entwicklung des Radios,
die Guglielmo Marconi offiziell zugeschrieben wurde, müsste eigentlich
ihm zugerechnet werden. Und um seine unrealisierten Projekte, wie dem
Bau einer Anlage, die freie Energie für alle erzeugen können
sollte, ranken sich wilde Gerüchte. Tesla ist einer der Figuren der
Wissenschaftsgeschichte, die alle modernen Verschwörungstheorien
an den Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Militär
wuchern lässt. Daher spielt Craig Baldwin in dem Videofilm «Spectres
of the Spectrum», der eine Collage von Horror-, Zeichentrick-, Werbefilmen,
Nachrichtensendungen und Bildungsprogrammen ist, mit diesen Spekulationen,
um seine Bedenken an aktuellen Entwicklungen, besonders der Idee einer
«freien Informationsgesellschaft» Ausdruck zu geben.
Der unsichtbare Elektromagnetismus wird visuell wahrnehmbar
Doch die Mehrzahl der Objekte und Kunstwerke befasst sich weniger mit
Tesla an sich als mit Elektromagnetismus, Elektrizität, bzw. Funktechnik
im weiteren Sinne. So lässt die Installation «Bodies of Light»
von Marie-Janne Musiol, die elektrische Aktivität des Organischen
derart sichtbar werden, dass Laubblätter zauberhaft in der Dunkelheit
leuchten. Wie hier wird die unsichtbare elektromagnetische Präsenz
in der Ausstellung wiederholt visuell und akustisch in etwas Wahrnehmbares
umgewandelt. Und das Motiv der Störung kehrt wieder. Kristin Lucas
fiktionale Dokumentation «Involuntary Reception» wendet den
Gedanken, dass unsere Umwelt aufgrund der zunehmenden Dichte elektromagnetischer
Felder belastet ist, derart, dass sie diese Umwelt zu einem Schutzraum
für eine Figur werden lässt, die mit ihrem eigenen elektromagnetischen
Feld auf Elektrizität beruhenden Funktionsabläufe stört.
Ein hohes Mass an elektromagnetischer Dichte, wie sie in Bürohäusern
zu vermuten ist, bietet ihr die Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben.
Kirstin Lucas, Involuntary Reception, 2000, Videoinstallation.
Die Kunstwerke der ursprünglichen Ausstellung verfolgen vorrangig
eine thematische Annäherung an das Phänomen Elektromagnetismus.
Die in der Karlsruher Schau hinzugefügten Arbeiten und Laborobjekte
legen zudem eine kunst- und wissenschafts-historische Einbettung und damit
fast zu viele verschiedene Betrachtungsweisen an. Eher Form statt Inhalt
fokussierend, werden mit Medienkunstwerken der 1970er Jahre, unter anderem
von Woody Vasulka, Möglichkeiten der Bilderzeugung und -verfremdung
mittels elektrotechnischer Verfahren angesprochen.
Anhand der Biographien einiger Schlüsselfiguren der Physikgeschichte
und weniger Laborobjekte, mittels derer der in Karlsruhe tätig gewesene
Physiker Heinrich Hertz die Existenz elektromagnetischer Wellen beweisen
konnte, wird zusätzlich ein grober wissenschaftshistorischer Orientierungsrahmen
angeboten. Doch leider werden weder durch die Gestaltung noch die Beschriftung,
die Zusammenhänge zwischen wissenschafts-historischen Entwicklungen
und den gezeigten Kunstwerken weiterverfolgt. Die Faszination und die
Spekulationen, die die physikalische Forschung, die Entwicklung und Etablierung
der Elektrizität einst hervorgerufen haben mögen, legt dieser
kleine wissenschaftshistorische Vorspann nicht nahe. Dagegen lassen die
so geisterhaft wirkenden Kunstwerke erahnen, welche Bedeutung und Irritation
Elektrizität gerade aufgrund dessen hatte und immer noch haben kann,
wirksam und zugleich nicht wahrnehmbar zu sein.
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