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27.10.05
Bevor es zu spät ist...
Verena Kuni
Aktive Archive - das schweizerische Forschungsprogramm zur Erhaltung von Medienkunst

Nicht nur die digitalen Medien neigen dazu, ihnen anvertraute Daten zuweilen allzu zeitig in die Ewigen Jagdgründe zu schicken. Auch an Filmstreifen, Ton- und Videobändern nagt unaufhaltsam der Zahn des Verfalls. Zwar sind sie bei weitem nicht so anfällig wie Silberscheiben und, anders als bei diesen, bedeutet eine Beschädigung des Trägers nicht gleich den Totalverlust. Dennoch dürften einige den unschönen Moment kennen, in dem man entdeckt, dass ein bestens archiviert geglaubtes Tape auf einmal leiert, Bandsalat produziert oder die Bilder in seltsam abstrakten Konvulsionen kollabieren lässt. Bei einer Arbeitskopie ist das ärgerlich genug. Doch was, wenn es sich um das Mutterexemplar einer künstlerischen Arbeit oder um die einzige Aufzeichnung einer Performance handelte? Um derlei vorzubauen, hilft nur eins: Eine regelmäßige Pflege des Archivs – und die rechtzeitige Erstellung von Master-Kopien. Sowie, wenngleich auch dies aus nahe liegenden Gründen keine dauerhafte Sicherheit gewährt, die Digitalisierung.



Bei komplexeren Arbeiten, die sich möglicherweise gleich mehrerer, je auf ihre Weise alternder Medien bedienen, sieht die Sache noch wesentlich komplizierter aus: Schon für diejenigen, die ein Werk erstellen, ist in der Regel kaum abzuschätzen, wie für dessen dauerhafte Konservierung zu sorgen wäre. Noch um einiges schwerer haben es Museen, öffentliche und private Sammlungen, deren Bestände aus den unterschiedlichsten Quellen stammen. Wer zeitgenössische Kunst restauratorisch betreut, steht in der Regel vor vielfältigen Problemen – die auch dann keineswegs immer zu lösen sind, wenn Kenntnisse kontinuierlich erweitert werden. Vielerorts haben sich daher in den letzten Jahren Initiativen formiert, die sich systematisch mit Fragen der Archivierung und Sicherung von Kulturgut befassen, das aufgrund der Verfallserscheinungen so genannter instabiler Medien und bedingt durch den raschen technologischen Wandel, der Apparate immer schneller veralten lässt, unzugänglich zu werden oder verloren zu gehen droht.

In der Schweiz sind es die «Aktiven Archive», die sich dieser Aufgabe stellen. Angesiedelt ist das in Kooperation mit dem Schweizer Institut für Kunstwissenschaft (SIK) durchgeführte Projekt an der Hochschule der Künste in Bern, wo es mit dem Fachbereich Konservierung und Restaurierung, der 1999 um den Schwerpunkt Moderne erweitert wurde, auf ein entsprechend kompetentes Ausbildungsumfeld setzen kann. Nach mehrjährigem Vorlauf war zunächst eine «Arbeitsgruppe Aufbewahren» gegründet worden, deren Vorstand, der Kunsthistoriker Johannes Gfeller, heute als Projektleiter fungiert. Mit seinem Team, zu dem seitens der SIK Irene Müller und Joanna Phillips sowie seit vergangenem Oktober an der HKB die Video-Spezialistin Irene Schubiger zählen, hat er in den letzten Jahren schon mehrere Pilotprojekte bestritten; eine Umfrage zu den Beständen an Videoarbeiten, Videoinstallationen sowie auf den neueren Informations- und Kommunikationstechnologien basierender Kunst in der Schweiz durchgeführt und am Beispiel des von xcult.org realisierten Projekts «shrink to fit» die Möglichkeiten zur Sicherung von Netzkunst untersucht.

Insbesondere mit einem der Vorhaben, die aktuell im Mittelpunkt der Arbeit von «Aktive Archive» stehen, wird ein weiterer wichtiger Schritt nach vorn gemacht: Während zwar viele wissen, dass die Schweizer Videokunst schon seit einigen Jahren international in der Oberliga spielt, ist es bei der Frage nach Künstlerinnen meist nur ein Name, der allenthalben fällt: Pippilotti Rist. Ohne Zweifel hat sie wie keine andere Furore gemacht – allein auf weiter Flur steht sie deshalb jedoch nicht. Wenn die Schweizer Video-Kunstgeschichte künftig nicht zur Monokultur schrumpfen will, tut sie also gut daran, ihr Blickfeld weit zu halten, solange dies noch möglich ist. Deshalb hat sich Gfellers «A-Team» daran gemacht, auch jene Bestände dauerhaft zu sichern, die bislang noch keinen Eingang in Sammlungen gefunden haben – aber zu den Fundamenten zählen, auf die künftige KünstlerInnen-Generationen bauen können sollten. Genau dies ist es, was die Tätigkeit der «Aktiven Archive» auch insgesamt unverzichtbar macht: Wenn es nicht gelingt, die so genannte «Medienkunst» vor dem Verfall zu bewahren, hätten wir über den drohenden Verlust des kulturellen Gedächtnisses hinaus wohl eine Zukunft der Kunst zu gewärtigen, in der so manches Rad wieder und wieder neu erfunden werden muss.

Links:

»www.aktivearchive.ch

Neben ausführlichen Hintergrundinformationen, Projektdokumentationen und einem im Aufbau befindlichen Glossar enthält die Seite auch eine ausführliche Liste mit Links zu verwandten Initiativen weltweit.

 

Dieser Text erschien zuerst im «Kunstbulletin», Ausgabe 10/2005.