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Nicht nur die digitalen Medien neigen dazu, ihnen anvertraute
Daten zuweilen allzu zeitig in die Ewigen Jagdgründe zu schicken.
Auch an Filmstreifen, Ton- und Videobändern nagt unaufhaltsam der
Zahn des Verfalls. Zwar sind sie bei weitem nicht so anfällig wie
Silberscheiben und, anders als bei diesen, bedeutet eine Beschädigung
des Trägers nicht gleich den Totalverlust. Dennoch dürften einige
den unschönen Moment kennen, in dem man entdeckt, dass ein bestens
archiviert geglaubtes Tape auf einmal leiert, Bandsalat produziert oder
die Bilder in seltsam abstrakten Konvulsionen kollabieren lässt.
Bei einer Arbeitskopie ist das ärgerlich genug. Doch was, wenn es
sich um das Mutterexemplar einer künstlerischen Arbeit oder um die
einzige Aufzeichnung einer Performance handelte? Um derlei vorzubauen,
hilft nur eins: Eine regelmäßige Pflege des Archivs –
und die rechtzeitige Erstellung von Master-Kopien. Sowie, wenngleich auch
dies aus nahe liegenden Gründen keine dauerhafte Sicherheit gewährt,
die Digitalisierung.

Bei komplexeren Arbeiten, die sich möglicherweise gleich mehrerer,
je auf ihre Weise alternder Medien bedienen, sieht die Sache noch wesentlich
komplizierter aus: Schon für diejenigen, die ein Werk erstellen,
ist in der Regel kaum abzuschätzen, wie für dessen dauerhafte
Konservierung zu sorgen wäre. Noch um einiges schwerer haben es Museen,
öffentliche und private Sammlungen, deren Bestände aus den unterschiedlichsten
Quellen stammen. Wer zeitgenössische Kunst restauratorisch betreut,
steht in der Regel vor vielfältigen Problemen – die auch dann
keineswegs immer zu lösen sind, wenn Kenntnisse kontinuierlich erweitert
werden. Vielerorts haben sich daher in den letzten Jahren Initiativen
formiert, die sich systematisch mit Fragen der Archivierung und Sicherung
von Kulturgut befassen, das aufgrund der Verfallserscheinungen so genannter
instabiler Medien und bedingt durch den raschen technologischen Wandel,
der Apparate immer schneller veralten lässt, unzugänglich zu
werden oder verloren zu gehen droht.
In der Schweiz sind es die «Aktiven Archive», die sich dieser
Aufgabe stellen. Angesiedelt ist das in Kooperation mit dem Schweizer
Institut für Kunstwissenschaft (SIK) durchgeführte Projekt an
der Hochschule der Künste in Bern, wo es mit dem Fachbereich Konservierung
und Restaurierung, der 1999 um den Schwerpunkt Moderne erweitert wurde,
auf ein entsprechend kompetentes Ausbildungsumfeld setzen kann. Nach mehrjährigem
Vorlauf war zunächst eine «Arbeitsgruppe Aufbewahren»
gegründet worden, deren Vorstand, der Kunsthistoriker Johannes Gfeller,
heute als Projektleiter fungiert. Mit seinem Team, zu dem seitens der
SIK Irene Müller und Joanna Phillips sowie seit vergangenem Oktober
an der HKB die Video-Spezialistin Irene Schubiger zählen, hat er
in den letzten Jahren schon mehrere Pilotprojekte bestritten; eine Umfrage
zu den Beständen an Videoarbeiten, Videoinstallationen sowie auf
den neueren Informations- und Kommunikationstechnologien basierender Kunst
in der Schweiz durchgeführt und am Beispiel des von xcult.org realisierten
Projekts «shrink to fit» die Möglichkeiten zur Sicherung
von Netzkunst untersucht.
Insbesondere mit einem der Vorhaben, die aktuell im Mittelpunkt der Arbeit
von «Aktive Archive» stehen, wird ein weiterer wichtiger Schritt
nach vorn gemacht: Während zwar viele wissen, dass die Schweizer
Videokunst schon seit einigen Jahren international in der Oberliga spielt,
ist es bei der Frage nach Künstlerinnen meist nur ein Name, der allenthalben
fällt: Pippilotti Rist. Ohne Zweifel hat sie wie keine andere Furore
gemacht – allein auf weiter Flur steht sie deshalb jedoch nicht.
Wenn die Schweizer Video-Kunstgeschichte künftig nicht zur Monokultur
schrumpfen will, tut sie also gut daran, ihr Blickfeld weit zu halten,
solange dies noch möglich ist. Deshalb hat sich Gfellers «A-Team»
daran gemacht, auch jene Bestände dauerhaft zu sichern, die bislang
noch keinen Eingang in Sammlungen gefunden haben – aber zu den Fundamenten
zählen, auf die künftige KünstlerInnen-Generationen bauen
können sollten. Genau dies ist es, was die Tätigkeit der «Aktiven
Archive» auch insgesamt unverzichtbar macht: Wenn es nicht gelingt,
die so genannte «Medienkunst» vor dem Verfall zu bewahren,
hätten wir über den drohenden Verlust des kulturellen Gedächtnisses
hinaus wohl eine Zukunft der Kunst zu gewärtigen, in der so manches
Rad wieder und wieder neu erfunden werden muss.
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