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27.10.05
Viper: Die Zeit läuft --- davon?
Annina Zimmermann
Das Basler Festival für Film, Video und Neue Medien kämpft um die Durchführung diesen November.

In drei Wochen, am 17. November, soll die 25. Ausgabe von Viper an den Start gehen. Wer sich für das Festivalthema interessiert, dem sei das aktuelle Kunstbulletin empfohlen: „Gaming Society“ nennt sich der Festivaltitel, geplant ist eine Sonderschau von Schweizer Medienkunst «No Peak No View» und eine neue Serie «Critic’s Choice» speziell zur Kunstkritik in Bereich der Medienkunst. Auch in diesem Jahr ist die Kunsthalle Basel als Standort vorgesehen. Nur: das breitere und das internationale Publikum hat auch in diesem Jahr noch kaum etwas vom Festival gehört: Vipers Öffentlichkeitsarbeit ist drei Wochen vor den angekündigten Festivaltagen noch nicht sichtbar geworden. Der digitale Newsletter ist bisher nicht zum Einsatz gekommen; auf der Webseite der Viper wurde kürzlich zumindest die Seite des Vorstands aktualisiert: Dieser ist bis auf den Präsidenten Luigi Kurmann zurückgetreten.

Nun erreichte die Redaktion von verschiedener Seite die Nachricht, Viper sei abgesagt, Künstler ausgeladen, Inserate gecancelt. Die Viper-Leitung vertröstet für Informationen auf kommende Woche. Michael Koechlin, als Kulturverantwortlicher der Stadt Basel von Regioartline daraufhin angesprochen, kann das zur Zeit nicht bestätigen. Er traf die Direktorinnen Annika Blunck und Rebecca Picht anfangs Woche zum Gespräch, hat aber seither kein offizielles Gesuch für eine Verschiebung des Festivals erhalten. Denn das wäre, „milde formuliert“, eine Nichterfüllung des Subventionsvertrages, mit dem der Verein Viper sich zur Durchführung eines Festivals im qualitativen und quantitativen Umfang der letzten Jahre verpflichtet hat. Viper müsste deshalb in den kommenden Tagen nicht nur das Einverständnis der anderen Subventionsgeber vorlegen, sondern auch nachweisen, wohin die öffentlichen und Stiftungsgelder geflossen sind, noch fliessen werden. Vor allem aber müsste glaubhaft werden, woher zusätzliche Geldquellen bis zum ersten Quartal 2006 neu und zusätzlich erschlossen würden bzw. inwieweit der Zeitgewinn organisatorisch von Vorteil wäre. Ein solches Gesuch müsste der Regierungsrat noch rechtzeitig bewilligen können.
Mit den Geldern von 2005 alte Schulden abzubauen, wäre - so Koechlin - bis zu einem gewissen Ausmass legal und sicher sinnvoll. Doch selbst bei grosszügigen Schätzungen müsste da doch noch etwas übrig bleiben? Die letzten Abrechnungen hätten die staatlichen Experten für Finanzcontrolling nicht nachvollziehen können; man warte noch auf neue Unterlagen.

Was bleibt zu tun? Nicht nur Koechlin tut es leid um das Festival. Doch liegt die Schlussfolgerung nahe, dass der Entscheid von CMS und später auch der Stadt richtig war, der Viper unter ihrer aktuellen Leitung das Vertrauen und die Jahresbeiträge zu entziehen: zu passiv das Controlling des Vorstands, zu lamentabel die Öffentlichkeits- und Vernetzungs-Arbeit der aktuellen Direktion. Wer von Vorgängern ein finanzielles Schlamassel übernimmt, dem bleibt nur die Flucht nach vorne: Einfallsreiche Low-Budet-Lösungen, zu der sich die grosse Kunstszene und die vielfältigen Kulturinstitutionen auf dem Platz Basel hätten motivieren lassen. Hier rächte sich wohl die Sozialisation der Direktorinnen in einer grossen Institution: Was als internationales Netzwerk und intellektueller Anspruch für die Viper inhaltlich enorm fruchtbar hätte sein können, verführte zur Pflege einer bis zur Arroganz perfektionistischen Fassade - für die Kommunikation und Organisation vor Ort kontraproduktiv.

Im Budget des Ressort Kultur sind für das erste Halbjahr 2006 Gelder reserviert für weitere Roundtable-Gespräche von [plug.in], HGK, Institut für Medienwissenschaft, Hyperwerk etc. Zudem sollen die städtischen Subventionen für den Ganzjahresbetrieb [plug.in] leicht erhöht werden; die CMS hat für 2006 bereits CHF 50'000 mehr zugesagt. Koechlin schwebt darüber hinaus längerfristig ein als Biennale durchgeführtes Festival vor, falls sich dies finanzieren liesse, wohl unter Federführung von [plug.in], eventuell in Kooperation mit anderen Partnern nach dem Vorbild des Musikfestivals «Stimmen». Ob Viper sich daran noch beteiligen könnte, hängt davon ab, ob ihr die Erfüllung des Subventionsvertrages 2005 gelingt und ob sie nicht zu viel Defizit als Mitgift einbrächte.

Was bedeutet das für ein an Medienkunst interessiertes Publikum und für die KünstlerInnen? 2’600 Vorschläge aus 71 Ländern wurden zum internationalen Wettbewerb 2005 eingereicht, verkündet die Viper-Webseite. Über CHF 600’000 erhält die Viper von der Stadt Basel, der Christoph Merian Stiftung, Baselland und dem Bundesamt für Kultur für die Durchführung ihrer 25. Ausgabe. Das verpflichtet: Künstlerinnen und Künstler möchten auftreten, ihre Arbeiten zeigen und diskutieren, Partner möchten wissen, woran sie sind; die Fachleute halten sich den Termin frei. Viper-Bashing ist schädlich: der Wettbewerb um öffentliche Gelder ist gross und so sollte möglichst bald nicht mehr das Scheitern der Viper, sondern kreative Lobbyarbeit im Vordergrund stehen. Doch dafür muss die Viper sich zuerst, das zeigt die Entwicklung bis zur Gegenwart, ganz grundsätzlich besinnen.

In der Schweiz initiieren und verantworten zumeist inhaltlich und juristisch unabhängige Institutionen die Kunstvermittlung. Zu wünschen wäre, dass sich dafür auch für die Medienkunst juristische Formen fänden, die sich durch offene Mitgliedschaft ähnlich einem Kunstverein auch einer demokratischen Kontrolle unterziehen. Denn wie wenig der Staat ausrichten kann, wenn die Veranstalter keine Einsicht zeigen, wird am Beispiel Viper deutlich. Da verliert ein 25jähriges Festival seine Gelder, bloss weil ein Vorstand offenbar nicht den Mut bzw. Zeit und Geld aufbrachte, die von ihm angestellten Direktorinnen rechtzeitig professionell zu unterstützen oder dann eben auszutauschen. Der Fusionsauftrag diesen Sommer hatte die Chance für einen Neuanfang geboten. Denn seit 1999 plagt sich die Basler Medienkunst mit der noch unter Kulturchef Andreas Spielmann entwickelten Fehlkonstruktion: zwei Institutionen mit den gleichen Anliegen und den gleichen Geldgebern, die, schuldenbeladen bzw. krass unterfinanziert, sich gegenseitig aufreiben, Geld und Deutungsmacht streitig machen. Es ist längst an der Zeit, für die Vermittlung von Medienkunst eine sinnvollere Struktur zu finden.

Links:

»www.viper.ch

Viper 2005 ist geplant für den 17. bis 21. November unter dem Titel „Gaming Society“. Sonderschau „Swiss Media Art I No Peak No View“ mit renommierten schweizerischen Positionen. Serie Critic’s choice speziell zur Kunstkritik in Bereich der Medienkunst. Workshops, Panels und Werkpräsentationen u.a. von Syl Betulius, Alexander Hahn, Annelies Strba, Peter Aerschmann, Ursula Biemann, Co Gründler, Tatjana Marusic, Nicolas Party, Christoph Oertli. Standort: Kunsthalle Basel
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