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28.09.06
Die Geräteknackerbande
Dietrich Roeschmann

Im Christoph Merian Verlag erscheint das Handbuch für Homemade Sound Electronics.

In jedem Ding schlummern zahllose Sounds. Oft muss man nur etwas nachhelfen, um sie aus der Stille zu befreien. Zum Beispiel durch den Tritt gegen eine Bierdose. Lautstark scheppert das stumme Ding dann die Straße hinunter, deng! deng! deng!, ein Rest Flüssigkeit moduliert mit jedem Aufticken auf dem Asphalt das Klappern in verschiedenen Tonlagen, bis das Blech mit heiserem Kratzen im Rinnstein liegen bleibt. Zwei Dinge macht dieses simple Beispiel deutlich: 1. jeder Alltagsgegenstand hat einen eigenen Sound, und 2. ihn zum Klingen zu bringen, erfordert eine Strategie der Zweckentfremdung oder wenigstens: der Zwischennutzung. Das Ding wird Instrument.


Elixir, Flo Kaufmann (Fotos: Homemade Labor)

Dieser Strategie widmet sich in der Schweiz seit Jahren eine wachsende Szene an HeimwerkerInnen, die mit neugierigen Ohren und Lust am Experiment den Alltag nach verborgenen Klangquellen durchstöbern. Was Mitte der 80er-Jahre ein noch vor allem analoges Vergnügen war – wie etwa Norbert Möslangs von Unterwasserpressluftsounds begleitete Kanufahrt im St. Galler Volksbad zur rückwärts eingespielten Wassermusik von Händel – ist heute längst dem subversiven Spaß am Umcodieren elektronischer Spielzeuge oder anderer strombedürftiger Utensilien des täglichen Gebrauchs gewichen. Hardware Hacking nennen sie ihre Technik, und die Sounds, die sie mit einfachsten Mitteln aus ihren im Hobbykeller entwickelten Anarcho- Instrumenten holen, könnte man als eine Art elektroakustisches Esperanto beschreiben, das nicht von dieser Welt ist: Es pfeift und knistert, pluckert und brummt, und man freut sich diebisch, wie diese Geräusche am Ende tatsächlich Sinn ergeben, zu Pointen finden, Humor entwickeln oder als akustische Bausteine zu tragenden Fundamenten ganzer Installationen werden.


Publikation im CM Verlag

Anlässlich des Workshop-Projekts «Home Made», das mit dem Zürcher Soundtüftler Flo Kaufmann, den Draht- und Stahlfedermusikern von «Elixir» und Christoph Grabs «Toygroup» vom 14. bis 16. September 2006 im Basler [plug.in] Station machte, erschien jetzt eine Einführung ins GeräteknackerInnen-Handwerk, die in Text, Ton und Video (DVD) nicht nur einen breiten Überblick über die Szene bietet, sondern auch eine Reihe detaillierter Anleitungen zum Selbstbau einfacher Sound Electronics. Die Einkaufslisten für den Elektrosupermarkt liegen diesem tollen Klangkochbuch selbstverständlich bei.

Information:

«Home Made Sound Electronics. Hardware Hacking und andere Techniken»
Hg. Dominik Landwehr mit Nicolas Collins, Andres Bosshard, Bruno Spoerri und Norbert Möslang. Christoph Merian Verlag 2006, 144 S. und DVD-ROM, 12.00 Euro | CHF 19.00

Links: »www.homemade-labor.ch
»Christoph Merian Verlag