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29.05.06
«Wir sind dir treu»
Verena Kuni
Als Fan des Schweizer Films und Videos auf den Festivals im Mai: in Oberhausen, an der EMAF Osnabrück und der videoex in Zürich.

Medien-Festivalzeit ist mittlerweile das ganze Jahr über – aber der Mai zählt in dieser Hinsicht mit gleich drei traditionsreichen Anlässen im deutschsprachigen Raum zu den Wonnemonaten. Den Anfang machen stets die Kurzfilmtage in Oberhausen, zeitnah folgt das European Media Art Festival (EMAF) in Osnabrück und dann lädt noch das auf Kunst- und Experimentalformate fokussierte videoex nach Zürich ein.

Dass heimische Film- und Videoschaffende im videoex besonders gut vertreten sind, versteht sich fast von selbst – schliesslich hat es einen eigenes Schweizer Wettbewerbs-Programm, in dem nationale Produktionen um eine Auszeichnung konkurrieren. In Oberhausen und in Osnabrück dagegen musste man in diesem Jahr nach Schweizer Beiträgen regelrecht suchen. Auf die Kurzfilmtage hatten es nur zwei Arbeiten geschafft: «Tropical Modernism» (2005) des in Zürich lebenden Schweiz-Iraners Tirdad Zolghadr, eine eigenwillige Erzählung über die Geschichte des iranischen Sozialismus, sowie Michael Sasdis herrlich verschrobene Variation aufs Heimatfilmgenre, «Reigen der Ziegen» (2005). Immerhin gab es im «MuVi»- Spezialprogramm noch das Musikvideo «Cevapcici» (2005), für das der Luzerner HGK-Absolvent Jonas Meier zu Ellen Alliens suggestiven Elektro-Beats tote wie lebende Fleischberge in rhythmische Bewegungen versetzte; mit Corine Stübi konnte eine gebürtige Schweizerin sogar einen der Hauptpreise dieser Sektion entgegennehmen – entstanden ist ihr Clip für das Stück «Black Lead» (2006) der britischen Psychedelic-Electronica-Band «Death in Vegas» allerdings an der KHM Köln.


Still aus: «Death in Vegas» von Corine Stübi (2005)

In Osnabrück wiederum war Schweizer Präsenz in der Ausstellung denkbar prominent aufgeboten, wo COM & COM einen ganzen Raum mit ihrem legendären MOCMOC-Projekt bespielen durften. Die Merchandising-Produkte rund um die 2004 als «Wahrzeichen» für Romanshorn kreierte Pokémon-Figur passten bestens zum diesjährigen Thema «Smart Art». Im internationalen Film- und Videoprogramm liefen sonst aber nur zwei Produktionen von Schweizer Filmschaffenden – Arbeiten, die jedoch je auf ihre Weise Furore machten.
Fast schon absehbar war der Publikumserfolg von Peter Volkarts wunderbar skurriler Fiktion «Terra Incognita» (2005), die anhand von fingiertem Footage den (Pata)-Physiker Igor Leschenko auf eine geheimnisvolle Expedition zum «Antigravitätspunkt» begleitet – und sehr zu Recht bereits zahlreiche Preise im In- und Ausland eingestrichen hat.

Michael Kochs Kurzfilm «Wir sind dir treu» (2005) dagegen, der als KHM-Produktion in Oberhausen im NRW-Nachwuchsprogramm gelaufen war, konnte mit seiner ganz spezieller Perspektive auf die Schweizer Heimat durchaus zwiespältige Gefühle wecken. Keine Frage, dass die neun dichten Minuten, für die wir hier den sog. «Anstimmer» in der Fankurve des FC Basel bei seiner schweisstreibenden Arbeit beobachten dürfen, gerade im bereits vom WM-Fieber ergriffenen Deutschland sowohl bei FussballfreundInnen als auch bei SkeptikerInnen gleichermassen gut ankamen: Was die einen empathisch mitreisst, kann die anderen als Realsatire köstlich amüsieren. Der Film inszeniert einerseits den unermüdlichen Einsatz des Anstimmers und seine fast militärische Disziplin: Blick aufs Feld, zurück auf den Fanchor, der auf den Einsatz wartet, wieder zum Feld, wieder zurück, mit jeder ins Megaphon gebrüllten Parole dem Stimmverlust ein Stück näher kommend. Andererseits haben die Fans in der Kurve nie allein das Spiel, sondern eben auch immer den Anstimmer im Visier – auf dessen Zeichen zum Einsatz es selbst beim Torjubel noch brav zu warten heisst, während sich die Zuschauer in den hinteren Rängen längst in den Armen liegen. Kurzum: Michael Koch zeigt uns eine fremde und seltsame Choreographie, die – auf diese Art ins Bild gesetzt – zugleich durchaus als Hommage auf den Club und seine Fans funktioniert.


Still aus: «Wir sind dir treu» von Michael Koch (2005)

Just an dem Wochenende jedoch, als Kochs Film zunächst samstags im Programm «Home of the Brave» lief und anschliessend am Sonntag in der «Best of EMAF»-Auswahl wiederholt wurde, ging es im Basler Stadion St. Jakob weit weniger durchchoreographiert zu: Nach dem verlorenen Meisterspiel gegen Zürich hatten Hooligans den Rasen gestürmt und schwer randaliert – die Konsequenzen muss, nach Fussballrecht, nun der FC Basel tragen. Und sie treffen mittelbar natürlich auch die treuen Fans. Hätten wir das gewusst, als wir uns in der Osnabrücker Lagerhalle an der Filmschau freuten – das spontane «Hopp Schwiiz!» wäre uns im Halse stecken geblieben. Unter dem Strich liegt es uns allerdings seit je sehr viel näher, als Fan von Film- und Videokunst zu rufen: «Wir sind dir treu!»

   
Links:

»Kurzfilmtage Oberhausen
»EMAF Osnabrück
»videox Zürich
Tirdad Zolghadr: «Tropical Modernism» (CH/Iran 2005, DVD-Video, 22:00 Min.) über »PlanB Film GmbHk
Michael Sasdi: «Reigen der Ziegen» (CH 2005, Mini-DV, 6:00 Min.) über »Atelier 101
Jonas Meier: «Cevapcici» (CH 2005, Video, 4:30 Min., Musik: Ellen Allien) über »Zweihundfilm
Corine Stübi: »«Black Lead» (D 2006; 3-Kanal Videoprojektion / Videoclip von 16mm-Film, 7:00 Min., Musik: Death in Vegas)
com & com: »mocmoc (2004-2006)
Peter Volkart: «Terra Incognita» (CH 2005; 35 mm; 18 Min.) über »RECK FILM
Michael Koch: «Wir sind dir treu» (D/CH 2005, 35 mm, 9:05 Min.) über die »KHM Köln