Als Fan des Schweizer Films und Videos auf den
Festivals im Mai: in Oberhausen, an der EMAF Osnabrück und der videoex
in Zürich.
Medien-Festivalzeit ist mittlerweile das ganze Jahr über
– aber der Mai zählt in dieser Hinsicht mit gleich drei traditionsreichen
Anlässen im deutschsprachigen Raum zu den Wonnemonaten. Den Anfang
machen stets die Kurzfilmtage in Oberhausen, zeitnah folgt das European
Media Art Festival (EMAF) in Osnabrück und dann lädt noch das
auf Kunst- und Experimentalformate fokussierte videoex nach Zürich
ein.
Dass heimische Film- und Videoschaffende im videoex besonders gut vertreten
sind, versteht sich fast von selbst – schliesslich hat es einen
eigenes Schweizer Wettbewerbs-Programm, in dem nationale Produktionen
um eine Auszeichnung konkurrieren. In Oberhausen und in Osnabrück
dagegen musste man in diesem Jahr nach Schweizer Beiträgen regelrecht
suchen. Auf die Kurzfilmtage hatten es nur zwei Arbeiten geschafft: «Tropical
Modernism» (2005) des in Zürich lebenden Schweiz-Iraners Tirdad
Zolghadr, eine eigenwillige Erzählung über die Geschichte des
iranischen Sozialismus, sowie Michael Sasdis herrlich verschrobene Variation
aufs Heimatfilmgenre, «Reigen der Ziegen» (2005). Immerhin
gab es im «MuVi»- Spezialprogramm noch das Musikvideo «Cevapcici»
(2005), für das der Luzerner HGK-Absolvent Jonas Meier zu Ellen Alliens
suggestiven Elektro-Beats tote wie lebende Fleischberge in rhythmische
Bewegungen versetzte; mit Corine Stübi konnte eine gebürtige
Schweizerin sogar einen der Hauptpreise dieser Sektion entgegennehmen
– entstanden ist ihr Clip für das Stück «Black Lead»
(2006) der britischen Psychedelic-Electronica-Band «Death in Vegas»
allerdings an der KHM Köln.
Still aus: «Death in Vegas» von Corine
Stübi (2005)
In Osnabrück wiederum war Schweizer Präsenz in der Ausstellung
denkbar prominent aufgeboten, wo COM & COM einen ganzen Raum mit ihrem
legendären MOCMOC-Projekt bespielen durften. Die Merchandising-Produkte
rund um die 2004 als «Wahrzeichen» für Romanshorn kreierte
Pokémon-Figur passten bestens zum diesjährigen Thema «Smart
Art». Im internationalen Film- und Videoprogramm liefen sonst aber
nur zwei Produktionen von Schweizer Filmschaffenden – Arbeiten,
die jedoch je auf ihre Weise Furore machten.
Fast schon absehbar war der Publikumserfolg von Peter Volkarts wunderbar
skurriler Fiktion «Terra Incognita» (2005), die anhand von
fingiertem Footage den (Pata)-Physiker Igor Leschenko auf eine geheimnisvolle
Expedition zum «Antigravitätspunkt» begleitet –
und sehr zu Recht bereits zahlreiche Preise im In- und Ausland eingestrichen
hat.
Michael Kochs Kurzfilm «Wir sind dir treu» (2005) dagegen,
der als KHM-Produktion in Oberhausen im NRW-Nachwuchsprogramm gelaufen
war, konnte mit seiner ganz spezieller Perspektive auf die Schweizer Heimat
durchaus zwiespältige Gefühle wecken. Keine Frage, dass die
neun dichten Minuten, für die wir hier den sog. «Anstimmer»
in der Fankurve des FC Basel bei seiner schweisstreibenden Arbeit beobachten
dürfen, gerade im bereits vom WM-Fieber ergriffenen Deutschland sowohl
bei FussballfreundInnen als auch bei SkeptikerInnen gleichermassen gut
ankamen: Was die einen empathisch mitreisst, kann die anderen als Realsatire
köstlich amüsieren. Der Film inszeniert einerseits den unermüdlichen
Einsatz des Anstimmers und seine fast militärische Disziplin: Blick
aufs Feld, zurück auf den Fanchor, der auf den Einsatz wartet, wieder
zum Feld, wieder zurück, mit jeder ins Megaphon gebrüllten Parole
dem Stimmverlust ein Stück näher kommend. Andererseits haben
die Fans in der Kurve nie allein das Spiel, sondern eben auch immer den
Anstimmer im Visier – auf dessen Zeichen zum Einsatz es selbst beim
Torjubel noch brav zu warten heisst, während sich die Zuschauer in
den hinteren Rängen längst in den Armen liegen. Kurzum: Michael
Koch zeigt uns eine fremde und seltsame Choreographie, die – auf
diese Art ins Bild gesetzt – zugleich durchaus als Hommage auf den
Club und seine Fans funktioniert.
Still aus: «Wir sind dir treu» von Michael
Koch (2005)
Just an dem Wochenende jedoch, als Kochs Film zunächst samstags im
Programm «Home of the Brave» lief und anschliessend am Sonntag
in der «Best of EMAF»-Auswahl wiederholt wurde, ging es im
Basler Stadion St. Jakob weit weniger durchchoreographiert zu: Nach dem
verlorenen Meisterspiel gegen Zürich hatten Hooligans den Rasen gestürmt
und schwer randaliert – die Konsequenzen muss, nach Fussballrecht,
nun der FC Basel tragen. Und sie treffen mittelbar natürlich auch
die treuen Fans. Hätten wir das gewusst, als wir uns in der Osnabrücker
Lagerhalle an der Filmschau freuten – das spontane «Hopp Schwiiz!»
wäre uns im Halse stecken geblieben. Unter dem Strich liegt es uns
allerdings seit je sehr viel näher, als Fan von Film- und Videokunst
zu rufen: «Wir sind dir treu!»
Links:
»Kurzfilmtage
Oberhausen »EMAF Osnabrück »videox Zürich
Tirdad Zolghadr: «Tropical Modernism» (CH/Iran 2005, DVD-Video,
22:00 Min.) über »PlanB
Film GmbHk
Michael Sasdi: «Reigen der Ziegen» (CH 2005, Mini-DV, 6:00
Min.) über »Atelier
101
Jonas Meier: «Cevapcici» (CH 2005, Video, 4:30 Min., Musik:
Ellen Allien) über »Zweihundfilm
Corine Stübi: »«Black
Lead» (D 2006; 3-Kanal Videoprojektion / Videoclip von 16mm-Film,
7:00 Min., Musik: Death in Vegas)
com & com: »mocmoc
(2004-2006)
Peter Volkart: «Terra Incognita» (CH 2005; 35 mm; 18 Min.)
über »RECK FILM
Michael Koch: «Wir sind dir treu» (D/CH 2005, 35 mm, 9:05
Min.) über die »KHM Köln