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30.06.05

Auf der Suche nach Preiswürdigem
Annina Zimmermann

Bereits zum sechsten Mal hätte in diesem Jahr der mit CHF 10'000 dotierte namics.kunst.preis für Medienkunst verliehen werden sollen. Die Jury, neben Vertretern der Firma namics Konrad Bitterli, Kurator am Kunstmuseum St. Gallen, und die Medienkünstler Johannes Hedinger und Silvie Defraoui, schaute sich auch in diesem Jahr um in der vom Bundesamt für Kultur eingerichteten Basler Messehalle. Hier präsentierten sich die 96 KandidatInnen für den Eidgenössichen Kunstpreis – eine preiswürdige Arbeit im Bereich Medienkunst vermochte die namics-Jury heuer jedoch nicht zu entdecken.

Der namics-Kunstpreis ist der erste von einer privaten Firma vergebene Preis für Neue Medien in der Schweiz. Die 1995 in St. Gallen gegründete Firma ist mit über 100 MitarbeiterInnen einer der erfolgreichsten Internet-Dienstleister der Schweiz und engagiert sich, neben der Preisvergabe, auch für den «Best of Swiss Web Award». Zudem gehören regelmässige Ankäufe von Medienkunst zur «Firmenkultur», so zum Beispiel von Yves Netzhammer und Möslang/Guhl. Welche Überlegungen hat die diesjährige Juryierung ausgelöst?

Konrad Bitterli beantwortet die Fragen von Annina Zimmermann:

Sie sind Jurymitglied des namics Medienkunstpreis seit dessen Anfängen. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur?
Wir wollten den Preis möglichst effizient nutzen, d.h. die vorhandenen Mittel möglichst vollumfänglich den ausgezeichneten Kunstschaffenden zukommen lassen, und dockten deshalb an eine Plattform an, die bereits existiert, um so den administrativen Aufwand gering zu halten. Die Hälfte der zur Verfügung stehenden CHF 20'000 werden den Preisträgern ausbezahlt, die andere dient einem Ankauf.


Konrad Bitterli, rechts, hier im Gespräch mit Alex Hanimann an einer Vernissage der St. Galler Galerie roellin|duerr. Bildnachweis: roellin|duerr galerie

Wen habt ihr bisher ausgezeichnet?
Das waren der Reihe nach Alexander Hahn, Shahryar Nashat, die Gruppe etoy, Tatjana Marusic. Im letzten Jahr wurde mit Yan Duyvendak ein Performer ausgezeichnet, der sich aber in seiner Performance explizit auf die Computer-Games bezogen hat, indem er existierende «Kampfübungen» 1 : 1 im realen Raum nachgespielt hat. Es ging uns bei diesem Preis nie darum, Medienkunst eng aufzufassen oder nur Digitales oder Interaktives zu sichten. Was uns interessiert sind Arbeiten, die sich mit der Welt des Virtuellen und mit der sich so manifestierenden Kultur beschäftigen. Das hätte durchaus auch Malerei sein können, wenn sie durch diesen spezifischen medialen Filter hindurch gegangen wäre. Wir huldigen da keinem Technologie- und Innovationsglauben, sondern versuchen, den Preis inhaltlich zu verstehen.

Dieses Jahr haben Sie aber keinen Preisträger gefunden unter der Vorauswahl der eidgenössischen Kunstkommission.
Wie in früheren Jahren waren wir auch heuer im Nachgang der Eidgenössischen Kunstkommission mit unserer eigenen Jury durch die Ausstellung. Ein Mitglied der Kommission ist ja auch in unserer Jury tätig, in diesem Jahr Silvie Defraoui, die bekanntlich das Atelier „Media mixed“ an der Ecole Supérieure d'Art Visuel in Genf aufgebaut hat: einer der ersten Orte in der Schweiz, an denen man sich nicht nur in klassischen Kunstgattungen bewegt, sondern sich unterschiedlichsten Bereichen, u.a. auch den sogenannten Neuen Medien öffnet.

Wir haben uns also die Ausstellung angeschaut, eine Shortlist erstellt und dann bei der Diskussion, die sehr intensiv geführt wurde, festgestellt, dass keine der ausgestellten Arbeiten unseren Ansprüchen an einen Meidenkunstpreis entsprach. Diese Kriterien definieren sich zum einen über die bereits angedeutete inhaltliche Ebene, zum andern auch über Begriffe wie Innovation, Jugendlichkeit. Die Arbeiten sollen ein Ausdruck unserer Gegenwart und der Medienkultur sein.


Blick in die Installationen von collectif fact (links) und mobilem Kino. Foto: Serge Hasenböhler

Welche der Arbeiten wäre denn in Frage gekommen?

Ausgestellt war eine Reihe von Arbeiten aus dem Bereich Video/Foto. Es gab allerdings nur wenige klassische digitale Arbeiten, eine zum Beispiel von collectif fact, über die wir natürlich lange diskutiert haben. collectif fact hat den eidgenössischen Preis für Kunst gekriegt, das Kiefer Hablitzel-Stipendium und eine Auszeichnung der Nationalversicherung, deren Jury aus Vorschlägen der Hochschulen unter aktuellen Diplomarbeiten eine Auswahl trifft. Den namics-Medienkunstpreis haben sie nicht erhalten. Aus verschiedenen Gründen: Wäre diese Arbeit vor zehn Jahren entstanden, so hätte sie als durchaus innovativ gegolten. Heute ist das eine Fleissarbeit: ein Anwendungsprogramm, das wenig innovatives Potenzial aufweist. Die Geschichte – ein Travelling durch die verschiedenen Etagen eines Bürogebäudes – ist zu dünn und wirkt ein bisschen blutleer. Es mag unfein sein, diese Künstlergruppe als Beispiel herauszugreifen, aber es zeigt eine Problemlage an, mit der wir uns auseinander setzen mussten. In unserer Jury sind Leute mit dabei, die tagtäglich mit dem Internet professionell arbeiten - da gibt es gewisse Dinge, die einfach nicht mehr drin liegen.

Haben Sie sich auch das mobile Kino angeschaut, das Spielkonsolen mit Karton und Diaprojektoren nachbaut und sich so, leicht ironisch, dem technischen Fortschritt widersetzt?
Das haben wir angeschaut, konnten es aber nicht in Funktion setzen. Das kann man dann eigentlich nicht jurieren. Es gab einige wenige sehr schöne Videoarbeiten, zum Beispiel jene der Westschweizer Künstlerin Anne-Julie Raccoursier. Sie filmt die Fabrikation von amerikanischen Fahnen - sehr nüchtern, fast dokumentarisch. Die Arbeit ist natürlich eine sehr heftige Kritik am Nationalismus, der in Amerika gerade vorherrscht und nicht nur da. Denn all diese Näher und Näherinnen waren ja Fremdarbeiter. Im Hintergrund spielte die Musik «We are the champions», die die Bildspurt untermalt. Auch diese Arbeit haben wir diskutiert und festgestellt: Sie lebt von einer klassischen dokumentarischen Herangehensweise, aber die Tonspur ist leider sehr unprofessionell gemacht und schränkt die Wirkung der Arbeit massiv ein. Eigentlich schade, wenn die Bilder nichts überdrehen wollen, die Tonspur genau das aber tut.


Projektion von Anne-Julie Raccoursier

Zusammengefasst ergaben sich bei allen diskutierten Arbeiten in kürzester Zeit massive Einwände, die man nicht entkräften konnte. Da fragte man sich in der Jury irgendwann: Müssen wir diesen Preis eigentlich hier und heute vergeben? Es entsprach einfach nichts unseren Ansprüchen, die wir in den letzten Jahren formuliert und mit den Preisvergaben auch entsprechend präzisiert haben.

Woran liegt das Eurer Ansicht nach: Sucht Ihr am falschen Ort oder gibt es derzeit keine interessante Medienkunst bei den jüngeren Schweizern?
Der Überblick über diese Ausstellung hat deutlich gemacht, dass zumindest im eidgenössischen Wettbewerb für freie Kunst die so genannte Medienkunst ein marginales Dasein fristet. Es gilt, wie überhaupt in der aktuellen Kunstszene: Zeichnung bzw. Malerei sind angesagt, unmittelbare Bildwelten sind gefragt. Der Umgang mit neuen Medien, zum Beispiel mit Video bzw. Videoinstallationen, hatte eine ganze Generation von Kunstschaffenden stark beschäftigt. Das ist im Moment nicht der Fall und insofern ist die Auswahl für die Eidgenössischen Kunstpreise auch nur ein Spiegel des internationalen Kunstbetriebs. Man müsste das allerdings genauer analysieren: Es gibt ja inzwischen auch andere Förderplattformen in der Schweiz, speziell für Medienkunst, beim Bund etwa die Projektförderung von «Sitemapping». Vielleicht orientieren sich Medienkünstler eher dorthin? Diese Frage konnten wir vor Ort nicht beantworten.

So stehen jetzt Recherechen an, bei den interessanteren Kandidaten, ob sie sich beim BAK überhaupt beworben haben? Und wenn ja, weshalb sie nicht in die letzte Runde kamen?

In den letzten Jahren war schon zu beobachten, dass die Auswahl dünner wurde, dass sich für die Vergabe eines Medienkunstpreises immer weniger Kunstschaffende aufdrängten. Insofern ist die Beobachtung schon richtig, dass die neuen Medien nicht mehr so im Trend sind, dass vielleicht auch nicht mehr auf breiter Front gearbeitet wird. Interessant ist allerdings schon, dass zur selben Zeit gleich gegenüber in der Kunstmesse Basel hervorragende Medienarbeiten zu sehen waren, auch von jungen Künstlern. Im Rahmen der Statements gab es zum Beispiel eine Arbeit von Ryan Gander, einem Abgänger der Amsterdamer Rijksacademie, die mich sehr beeindruckt hat.

Ein kleiner Loop, ein Wagen im Schneefeld, von einer Achtjährigen kommentiert. Also keine überwältigende superteure superinteraktive Mehrkanal-Installation. Nein, eine ganz einfache Arbeit, die vor allem eine Geschichte zu erzählen hat. Sie erzählt sie in einer intelligenten Art und Weise, indem sie darüber nachdenkt, wie Geschichten erzählt werden: also eine Metastruktur mit einbaut und das Ganze doch so weit bricht, dass es nie akademisch daherkommt. Es ist eben eine Kinderstimme, die vom Geschichten-Erzählen erzählt.

Wie werdet ihr denn nun weiter vorgehen: Werdet ihr diese Recherche leisten, werdet ihr ausharren, euch nach andern Plattformen umsehen?
Vielleicht darf ich noch etwas anfügen: Es lag uns fern, die eidgenössische Kunstkommission mit unserer Nicht-Vergabe zu kritisieren. Es ist ein Unterschied, ob man Breitenförderung betreibt, und an die 25 Stipendien vergibt, die heute Preise heissen. Eigentlich ist das ja ein grundlegendes Missverständnis: Das sind Stipendien, Förderbeiträge. Die eidgenössische Kunstkommission kann und muss ihre Ansprüche daher anders formulieren, weil sie ja breiter fördern und eben fördern. Wir dagegen zeichnen eine einzelne Arbeit aus.
Wir wollen natürlich den Preis weiter vergeben und in einer Klausur überlegen, welches die angemessenen Plattformen dafür sind. Es ist nach einigen Jahren immer auch gut, die eigenen Mechanismen zu überprüfen und die Perspektiven neu zu diskutieren.

Sie sprachen Sitemapping kurz an, eine medienspezifische Fördermassnahme des Bundes, die ja auf Ende 2005 ausläuft und unter dem gegenwärtigen Spardruck akut bedroht ist. So möchte ich abschliessend fragen: Ist es notwendig, Medienkunst als Medienkunst zu fördern?
Die Frage ist natürlich berechtigt: Hat man einmal eine Schublade, ist es sehr bequem, seine Nicht-Zuständigkeit für bestimmte Bereiche zu erklären bzw. die Verantwortung an eine andere Stelle zu delegieren. Ich persönlich tu’ mich schwer mit diesem kategoriellen Denken. Man könnte mit Fug und Recht dann auch eine Förderung nur für Zeichner einrichten oder eine für Bildhauer... Nur das tut man aus guten Gründen ja nicht. Und so müsste man Medienkunst eigentlich nicht ausgliedern, sondern stärker integrieren.

Links: »namics
»Bundesamt für Kultur, eidgenössischer Wettbewerb für Kunst