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Sie sind Jurymitglied des namics Medienkunstpreis
seit dessen Anfängen. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Bundesamt
für Kultur?
Wir wollten den Preis möglichst effizient nutzen, d.h. die vorhandenen
Mittel möglichst vollumfänglich den ausgezeichneten Kunstschaffenden
zukommen lassen, und dockten deshalb an eine Plattform an, die bereits
existiert, um so den administrativen Aufwand gering zu halten. Die Hälfte
der zur Verfügung stehenden CHF 20'000 werden den Preisträgern
ausbezahlt, die andere dient einem Ankauf.

Konrad Bitterli, rechts, hier im Gespräch
mit Alex Hanimann an einer Vernissage der St. Galler Galerie roellin|duerr.
Bildnachweis: roellin|duerr galerie
Wen habt ihr bisher ausgezeichnet?
Das waren der Reihe nach Alexander Hahn, Shahryar Nashat, die Gruppe etoy,
Tatjana Marusic. Im letzten Jahr wurde mit Yan Duyvendak ein Performer
ausgezeichnet, der sich aber in seiner Performance explizit auf die Computer-Games
bezogen hat, indem er existierende «Kampfübungen» 1 :
1 im realen Raum nachgespielt hat. Es ging uns bei diesem Preis nie darum,
Medienkunst eng aufzufassen oder nur Digitales oder Interaktives zu sichten.
Was uns interessiert sind Arbeiten, die sich mit der Welt des Virtuellen
und mit der sich so manifestierenden Kultur beschäftigen. Das hätte
durchaus auch Malerei sein können, wenn sie durch diesen spezifischen
medialen Filter hindurch gegangen wäre. Wir huldigen da keinem Technologie-
und Innovationsglauben, sondern versuchen, den Preis inhaltlich zu verstehen.
Dieses Jahr haben Sie aber keinen Preisträger
gefunden unter der Vorauswahl der eidgenössischen Kunstkommission.
Wie in früheren Jahren waren wir auch heuer im Nachgang der Eidgenössischen
Kunstkommission mit unserer eigenen Jury durch die Ausstellung. Ein Mitglied
der Kommission ist ja auch in unserer Jury tätig, in diesem Jahr
Silvie Defraoui, die bekanntlich das Atelier „Media mixed“
an der Ecole Supérieure d'Art Visuel in Genf aufgebaut hat: einer
der ersten Orte in der Schweiz, an denen man sich nicht nur in klassischen
Kunstgattungen bewegt, sondern sich unterschiedlichsten Bereichen, u.a.
auch den sogenannten Neuen Medien öffnet.
Wir haben uns also die Ausstellung angeschaut, eine Shortlist erstellt
und dann bei der Diskussion, die sehr intensiv geführt wurde, festgestellt,
dass keine der ausgestellten Arbeiten unseren Ansprüchen an einen
Meidenkunstpreis entsprach. Diese Kriterien definieren sich zum einen
über die bereits angedeutete inhaltliche Ebene, zum andern auch über
Begriffe wie Innovation, Jugendlichkeit. Die Arbeiten sollen ein Ausdruck
unserer Gegenwart und der Medienkultur sein.
 
Blick in die Installationen von collectif
fact (links) und mobilem Kino. Foto: Serge Hasenböhler
Welche der Arbeiten wäre denn in Frage gekommen?
Ausgestellt war eine Reihe von Arbeiten aus dem Bereich Video/Foto. Es
gab allerdings nur wenige klassische digitale Arbeiten, eine zum Beispiel
von collectif fact, über die wir natürlich lange diskutiert
haben. collectif fact hat den eidgenössischen Preis für Kunst
gekriegt, das Kiefer Hablitzel-Stipendium und eine Auszeichnung der Nationalversicherung,
deren Jury aus Vorschlägen der Hochschulen unter aktuellen Diplomarbeiten
eine Auswahl trifft. Den namics-Medienkunstpreis haben sie nicht erhalten.
Aus verschiedenen Gründen: Wäre diese Arbeit vor zehn Jahren
entstanden, so hätte sie als durchaus innovativ gegolten. Heute ist
das eine Fleissarbeit: ein Anwendungsprogramm, das wenig innovatives Potenzial
aufweist. Die Geschichte – ein Travelling durch die verschiedenen
Etagen eines Bürogebäudes – ist zu dünn und wirkt
ein bisschen blutleer. Es mag unfein sein, diese Künstlergruppe als
Beispiel herauszugreifen, aber es zeigt eine Problemlage an, mit der wir
uns auseinander setzen mussten. In unserer Jury sind Leute mit dabei,
die tagtäglich mit dem Internet professionell arbeiten - da gibt
es gewisse Dinge, die einfach nicht mehr drin liegen.
Haben Sie sich auch das mobile Kino angeschaut, das
Spielkonsolen mit Karton und Diaprojektoren nachbaut und sich so, leicht
ironisch, dem technischen Fortschritt widersetzt?
Das haben wir angeschaut, konnten es aber nicht in Funktion setzen. Das
kann man dann eigentlich nicht jurieren. Es gab einige wenige sehr schöne
Videoarbeiten, zum Beispiel jene der Westschweizer Künstlerin Anne-Julie
Raccoursier. Sie filmt die Fabrikation von amerikanischen Fahnen - sehr
nüchtern, fast dokumentarisch. Die Arbeit ist natürlich eine
sehr heftige Kritik am Nationalismus, der in Amerika gerade vorherrscht
und nicht nur da. Denn all diese Näher und Näherinnen waren
ja Fremdarbeiter. Im Hintergrund spielte die Musik «We are the champions»,
die die Bildspurt untermalt. Auch diese Arbeit haben wir diskutiert und
festgestellt: Sie lebt von einer klassischen dokumentarischen Herangehensweise,
aber die Tonspur ist leider sehr unprofessionell gemacht und schränkt
die Wirkung der Arbeit massiv ein. Eigentlich schade, wenn die Bilder
nichts überdrehen wollen, die Tonspur genau das aber tut.
Projektion von Anne-Julie Raccoursier
Zusammengefasst ergaben sich bei allen diskutierten Arbeiten in kürzester
Zeit massive Einwände, die man nicht entkräften konnte. Da fragte
man sich in der Jury irgendwann: Müssen wir diesen Preis eigentlich
hier und heute vergeben? Es entsprach einfach nichts unseren Ansprüchen,
die wir in den letzten Jahren formuliert und mit den Preisvergaben auch
entsprechend präzisiert haben.
Woran liegt das Eurer Ansicht nach: Sucht Ihr am falschen
Ort oder gibt es derzeit keine interessante Medienkunst bei den jüngeren
Schweizern?
Der Überblick über diese Ausstellung hat deutlich gemacht, dass
zumindest im eidgenössischen Wettbewerb für freie Kunst die
so genannte Medienkunst ein marginales Dasein fristet. Es gilt, wie überhaupt
in der aktuellen Kunstszene: Zeichnung bzw. Malerei sind angesagt, unmittelbare
Bildwelten sind gefragt. Der Umgang mit neuen Medien, zum Beispiel mit
Video bzw. Videoinstallationen, hatte eine ganze Generation von Kunstschaffenden
stark beschäftigt. Das ist im Moment nicht der Fall und insofern
ist die Auswahl für die Eidgenössischen Kunstpreise auch nur
ein Spiegel des internationalen Kunstbetriebs. Man müsste das allerdings
genauer analysieren: Es gibt ja inzwischen auch andere Förderplattformen
in der Schweiz, speziell für Medienkunst, beim Bund etwa die Projektförderung
von «Sitemapping». Vielleicht orientieren sich Medienkünstler
eher dorthin? Diese Frage konnten wir vor Ort nicht beantworten.
So stehen jetzt Recherechen an, bei den interessanteren Kandidaten, ob
sie sich beim BAK überhaupt beworben haben? Und wenn ja, weshalb
sie nicht in die letzte Runde kamen?
In den letzten Jahren war schon zu beobachten, dass die Auswahl dünner
wurde, dass sich für die Vergabe eines Medienkunstpreises immer weniger
Kunstschaffende aufdrängten. Insofern ist die Beobachtung schon richtig,
dass die neuen Medien nicht mehr so im Trend sind, dass vielleicht auch
nicht mehr auf breiter Front gearbeitet wird. Interessant ist allerdings
schon, dass zur selben Zeit gleich gegenüber in der Kunstmesse Basel
hervorragende Medienarbeiten zu sehen waren, auch von jungen Künstlern.
Im Rahmen der Statements gab es zum Beispiel eine Arbeit von Ryan Gander,
einem Abgänger der Amsterdamer Rijksacademie, die mich sehr beeindruckt
hat.
Ein kleiner Loop, ein Wagen im Schneefeld, von einer Achtjährigen
kommentiert. Also keine überwältigende superteure superinteraktive
Mehrkanal-Installation. Nein, eine ganz einfache Arbeit, die vor allem
eine Geschichte zu erzählen hat. Sie erzählt sie in einer intelligenten
Art und Weise, indem sie darüber nachdenkt, wie Geschichten erzählt
werden: also eine Metastruktur mit einbaut und das Ganze doch so weit
bricht, dass es nie akademisch daherkommt. Es ist eben eine Kinderstimme,
die vom Geschichten-Erzählen erzählt.
Wie werdet ihr denn nun weiter vorgehen: Werdet ihr
diese Recherche leisten, werdet ihr ausharren, euch nach andern Plattformen
umsehen?
Vielleicht darf ich noch etwas anfügen: Es lag uns fern, die eidgenössische
Kunstkommission mit unserer Nicht-Vergabe zu kritisieren. Es ist ein Unterschied,
ob man Breitenförderung betreibt, und an die 25 Stipendien vergibt,
die heute Preise heissen. Eigentlich ist das ja ein grundlegendes Missverständnis:
Das sind Stipendien, Förderbeiträge. Die eidgenössische
Kunstkommission kann und muss ihre Ansprüche daher anders formulieren,
weil sie ja breiter fördern und eben fördern. Wir dagegen zeichnen
eine einzelne Arbeit aus.
Wir wollen natürlich den Preis weiter vergeben und in einer Klausur
überlegen, welches die angemessenen Plattformen dafür sind.
Es ist nach einigen Jahren immer auch gut, die eigenen Mechanismen zu
überprüfen und die Perspektiven neu zu diskutieren.
Sie sprachen Sitemapping kurz an, eine medienspezifische
Fördermassnahme des Bundes, die ja auf Ende 2005 ausläuft und
unter dem gegenwärtigen Spardruck akut bedroht ist. So möchte
ich abschliessend fragen: Ist es notwendig, Medienkunst als Medienkunst
zu fördern?
Die Frage ist natürlich berechtigt: Hat man einmal eine Schublade,
ist es sehr bequem, seine Nicht-Zuständigkeit für bestimmte
Bereiche zu erklären bzw. die Verantwortung an eine andere Stelle
zu delegieren. Ich persönlich tu’ mich schwer mit diesem kategoriellen
Denken. Man könnte mit Fug und Recht dann auch eine Förderung
nur für Zeichner einrichten oder eine für Bildhauer... Nur das
tut man aus guten Gründen ja nicht. Und so müsste man Medienkunst
eigentlich nicht ausgliedern, sondern stärker integrieren.
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