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30.07.05
Digitales Bilderspiel mit Roadmovie-Elementen
Villö Huszai
Die Genfer Künstlergruppe collectiv_fact gewinnt einen Preis und zwei Stipendien.

Seit 2004 richtet die National Versicherung einen Kunstpreis aus für Diplomandinnen und Diplomanden der Schweizer Fachhochschulen im Bereich Bildende Kunst und Medienkunst. Der diesjährige Preisträger ist Swann Thommen, der für «Bubblecars», seine Diplomarbeit an der Genfer école des beaux arts, ausgezeichnet wird. Thommen hat die Arbeit zwar als seine Abschlussarbeit eingegeben, es handelt sich aber um eine gemeinschaftliche Produktion der Künstlergruppe collectif_fact, die seit 2001 besteht und in Genf beheimatet ist. Annelore Schneider und Claude Piguet, die zwei anderen Mitglieder der dreiköpfigen Gruppe, haben ihre Ausbildung schon vor zwei Jahren abgeschlossen.


Die Animation «Bublecars» wurde kürzlich mit dem Förderpreis der National Versicherung ausgezeichnet.

«Bubblecars», eine digitale Animation, spielt mit Versatzstücken des amerikanischen Roadmovie: Zu Beginn ist nur eine leere Strasse zu sehen, die durch die Lichtkegel von Laternen ausgeleuchtet wird. Zu hören ist eine Art Sirren, das mit dem Flackern der Laternen gekoppelt ist, sowie ein feines Geläute, als wäre Sankt Niklaus unterwegs. Aus der Ferne tauchen Autos auf. Anstatt auf dem Highway zu fahren, wirbeln sie lautlos durch die Luft. Es sind Unmengen von Autos, die gemächlich und doch zielstrebig über die Landstrasse heran- und am immobilen Kamera-Standpunkt vorbeifliegen. Dann ist die Strasse wieder leer, eine der Strassenlaternen sirrt und flackert und verlöscht. Ein dramaturgisch kompaktes Video, dessen synthetische Bildersprache durch starke Abstraktion geprägt ist, aber trotzdem eindrückliche Räumlichkeit und Atmosphäre aufbaut.

Ungewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte von «Bubblecars». Sie steht in denkbar grossem Kontrast zu dem Schulstüblerischen, das einer Diplomarbeit notgedrungen anhaftet. Bubblecar ist nämlich aus einer Auftragsarbeit des Schweizer Fernsehens, genauer der Kultursendung Sternstunden entstanden. Sternstunden hat eine ganze Reihe Schweizer Künstlerinnen und Künstler, darunter collectif_fact, mit der Produktion kurzer Videos beauftragt, die im Rahmen der Sendung ausgestrahlt werden. In dieser „ursprünglichen“ Version ist «Bubblecars» nur 40 Sekunden lang. In der prämierten Version hingegen dauert das geisterhafte Vorüberziehen der Autos sechs Minuten.


An der Liste 2005 zeigte collectif_fact die neue Arbeit «Reliefs».

Zum Förderpreis der Nationalen Versicherung gehört neben dem Preisgeld von 15'000 Franken die Möglichkeit, die eigene Arbeit an der «Liste», der alternativen Kunstmesse der Basler Art, zu zeigen. Collectiv_fact hat dort Mitte Juni die neue Arbeit «Reliefs» präsentiert. Darin spinnt die Gruppe das Motiv des Roadmovie weiter zu einer Abfolge von Sequenzen: Es handelt sich um eine Autofahrt durch verschiedene Szenerien respektive, so Annelore Schneider im Gespräch, vielmehr um die Erinnerung an eine solche Fahrt. Der narrative Kern bildet ein Autowrack am Strassenrand, dessen Vorgeschichte nicht erzählt und doch für den Charakter der restlichen Fahrtsequenzen bestimmend wird. Diese jüngste Arbeit ist weit entfernt von der dramaturgischen Stringenz, die «Bubblecars» auszeichnet und vertrüge eventuell noch Straffung. Doch mit dem Titel, der im Französischen auch die Überreste einer Mahlzeit bedeutet, erhebt collectif_fact gerade diese Beschaffenheit zum Programm. Auf jeden Fall gelingt es der Arbeit, durch thematischen Reichtum und Experimentierfreude die Neugierde auf zukünftige Entwicklungen des Kollektivs zu schüren.

Information: Derzeit sind Arbeiten von collectif_fact in Shanghai zu sehen. In der Schweiz beteiligen sie sich an der Ausstellung «unter 30 III» im Bieler Centre Pasqu'art (bis 18. September 2005).
Links: »www.collectif-fact.ch
»Ausstellung «unter 30», Kiefer-Hablützel-Stipendium im Centre Pasqu'art Biel