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Als einer der letzten Gäste des Wintersemesters spricht
am kommenden Mittwoch im «Guestcorner» der HGK Susanne Hofer.
Die Luzernerin stellt ihr Projekt «Die Stellvertreterin» vor,
das sie als Preisträgerin des Verein Wirtschaft und Kultur in Willisau
realisieren konnte. Sie nutzte die Kleinstadt, wie sie sagt, für
eine Sozialstudie mit «Full Body Contact».
 
Susanne Hofer vertritt Iris Würgler und Maria
Geisseler.
«Einen ganzen Tag lang nichts tun müssen? Das Wochenende verlängern?
Das Büro Büro sein lassen?“ Mit einer breit gestreuten
Ausschreibung forderte sie die Willisauer Frauen zum Mitmachen auf. Und
fand acht aus der Umgebung, die ihr für einen Tag Haus und Hof, Mann
und Kind anvertrauten. So schlüpfte die Künstlerin - die weder
Gärtnerin ist, noch sich im Bioladen auskennt, die keine Kinder hat
und selten kocht - acht Mal für acht Stunden in eine andere Haut.
Dominique Margot hat sie dabei betont zurückhaltend gefilmt; nun
liegen acht auf je eine Stunde kondensierte Bänder vor, die Hofer
z.B. im Willisauer Rathaus in einem «Stadtmodell» präsentierte,
das sie aus der Erinnerung mit Klebband auf den Boden skizzierte. Monitore
ersetzen die Schule, den Kinderhort oder das Einfamilienhaus; jeder Monitor
erzählt einen der Tage, wo Susanne Maria, Lia, Theres, Monika, Verena,
Iris, Marietta oder Ruth ersetzte.
Auf den häuslichen Alltag scheint sie als Künstlerin nicht besonders
gut vorbereitet: Einem simplen Wäscheständer zum Beispiel begegnet
sie offenbar das erste Mal und man gönnt ihr, dass ein freundlicher
Ehemann für sie den Liegestuhl aufklappt. Kommentiert sie damit,
wie lebensfern, wie verantwortungsfrei die Kunst manchmal agiert? Besonders
die kleinen Kinder entpuppen sich da als Experten für Haushalt und
Verkehrssicherheit, als Wächter der häuslichen Rituale.
 
Susanne Hofer vertritt Monika Wyss und Marietta
Kneubühler.
Mit linken Händen und Selbstironie macht die Künstlerin deutlich,
wie viel und wie Verschiedenes die abwesenden Frauen in ihrem Alltag leisten.
Anders als im Reality TV, das Emotionen schürt und Extreme auskostet,
ist Susanne Hofers Erfahrung bewusst nicht spektakulär. Denn die
weiblichen Arbeitswelten, die wir durch sie kennenlernen, sind es auch
nicht. Deren Herausforderung liegt nicht im Abenteuer, sondern darin,
täglich tausend kleine und kluge Entscheidungen zu treffen, tausenderlei
Wissen zu sammeln und dabei unermüdlich zu rüsten, zu schneiden,
zu falten, zu spülen. Was tun die Frauen den ganzen Tag? Oft ist
es Logistik im Kleinen; sie verlagern Material: Konfitüre in Gestelle,
Staub in Kehrichtsäcke, Essen in Mägen und Wissen in Köpfe.
Und nicht selten folgt hinterher die Anstrengung, die Spuren der eigenen
Arbeit zu tilgen. Vor allem aber jonglieren die meisten in ausgeklügeltem
Zeitplan die unterschiedlichen Ansprüche von Beruf und Familie. Diesen
Kraftakt führt Susanne Hofer in ihrer Rolle als Stellvertreterin
vor Augen.
 
Susanne Hofer vertritt Verena Kleeb und Ruth Kohler.
Ohne die Privatsphäre ihrer Gastgeberinnen zu gefährden, gelingt
Susanne Hofer dabei ein intimer Einblick in verschiedene Lebensentwürfe.
Wie richtet man sich ein? An welchen Weichen ist man – mal wissend,
mal ahnungslos – vorbeispaziert? Auf welche Aspekte unserer Leben
nehmen wir Einfluss und was ist durch die Gesellschaft vorgespurt?
Statistiken zeigen, dass die Ökonomie von Schweizer Frauen, besonders
von Familienfrauen, sehr stabil ist: Sie sind für den Haushalt plusminus
alleine verantwortlich. Selbst wenn eine Familie von einem eigenen Geschäft
lebt, so ist es der Mann, der es führt. Wer ein anderes Modell entwickelt,
versucht mit Meisterschaft Haushalt und Lohnarbeit in Balance zu halten.
In ihren Berufen haben die Frauen – da sind die Willisauerinnen
keine Ausnahme – bis heute in der Mehrzahl diejenigen Fertigkeiten
professionalisiert, die ihnen traditionell zugeschrieben werden: Haushalt
und Essen, Kinderbetreuung und -ausbildung, Beratung und die Organisation
von Sozialem. Wenn Susanne Hofer achtfach durch Willisau radelt, acht
Haustüren aufschliesst und sich in acht Küchen die Schrankordnung
einprägt, so zeigt sich, wie sehr die Lebensmuster ganz unterschiedlicher
Charaktere sozialen Stereotypen folgen, auch wenn sie sich jeweils ganz
anders anfühlen.
«Lebt ihr noch?» fragt eine der Mütter, wie sie abends
nach Hause kommt. Natürlich tun sie das. Man kann sich vorstellen,
dass die Einsicht in die eigene Ersetzbarkeit entlastet. Und doch rührt
das Erlebnis auch an weniger freundliche Gefühle: Was, wenn ich eines
Tages nach Hause käme und eine andere hätte sich da eingenistet?
Lebenssinn gewinnen wir oft da, wo wir uns unverwechselbar ausdrücken:
Natürlich sind es nicht mehr Ruths Bilder, wenn Susanne sie malt
– und auch die Wachskerzen hätten, so die Engelsexpertin, in
Susannes Händen keinen spirituellen Mehrwert gewonnen. Doch selbst
Kunst und Esoterik garantieren in Hofers Anlage keine Unverwechselbarkeit.
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