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Wenn Künstler Gäste werden, sind sie in der Regel nicht damit
beschäftigt, die Fotoalben ihrer Gastgeber anzuschauen und dabei
tellerweise Kuchen zu essen. Künstler, die sich in eine Artist-in-residence-Situation
begeben, tun das nicht in ihrer Freizeit, sondern aus beruflichem Interesse.
Sie sind als Gast professionell. Weswegen von ihnen auch nicht erwartet
wird, dass sie sich am fremden Ort wohl fühlen und möglichst
viel Geld ausgeben. Die Erwartungen an den Gast, der ein Künstler
ist, sind nicht immer präzis formuliert, aber sie sind in jedem Fall
hoch. Ausgehend von der verbreiteten Übereinkunft, dass Kunst Übersetzungsarbeit
ist, wird vom Künstler erwartet, dass er als Gast seine Situation
in Reflexion übersetzt - und dass aus dieser Reflexion womöglich
ein Werk entsteht.
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Die Künstlerin kommt von weit her. Zum Beispiel aus Palästina.
Zum Beispiel aus Indien. Das sind Länder, von denen die meisten von
uns nicht viel verstehen. Länder, deren überwältigend fremde
Wirklichkeit uns, kaum haben wir die klimatisierten Flughafenhallen verlassen,
wie ein heisser Atem entgegen strömt. Die Künstlerin im Austauschprogramm
bringt etwas von dieser Fremdheit in ihrem Koffer mit. Wenn sie sich bei
uns in der kargen Atelierkochnische einrichtet, stellt sie ein paar Gewürze
aufs Regalbrett über den Herdplatten. Alle Künstlerinnen haben
ein paar Gewürze im Gepäck. Mit diesen Gewürzen ist es
wie mit ihren Gedanken. Sie sind in einem unablässigen Hin und Her
zwischen dem Hier und dem Dort begriffen. Wie Curry und Kardamon zu Kartoffeln
und Käse serviert werden, und so alte und neue, vertraute und fremde
Geschmackswelten versuchsweise miteinander kombiniert werden, mischen
sich am fremden Ort auch erprobte und noch nie gedachte Gedanken auf neue
Art.
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Die Erwartung an den Künstler in der Fremde ist, dass er die Fremdheit
lebt. Das macht seine Residency zum Werk, noch bevor aus ihr womöglich
ein Werk entsteht. Seine Resideny wird zu einer eigentlichen Manifestation
von Zeitgenossenschaft. Der Künstler tritt auf als Zeuge der wirtschaftlichen
Globalisierung und belegt mit seiner Anwesenheit, dass die Welt –
nicht nur die Kunst-Welt – ein Dorf geworden ist. Während paradoxerweise
gleichzeitig die kulturell und religiös motivierten Differenzen zugenommen
haben und wir von den Lebensbedingungen der Leute, zu denen uns täglich
mehrere Flugverbindungen offeriert werden, eigentlich nichts wissen. Der
Künstler lebt in und mit dieser Spannung und trotzt ihr seine Existenz
ab. Er ist der Übersetzungsarbeiter, das Medium zwischen Welten,
die sich trotz allem fremd geblieben sind. Der Künstler ist der Vermittler
zwischen unserer Ignoranz und der Armut von denen, die nicht reisen können,
um sich selbst ein Bild zu machen. Oder die, wenn sie reisen, das nur
auf Schlepperrouten tun können, als blinde Passagiere der wirtschaftlichen
Globalisierung. Und die, wenn sie es bis hierhin schaffen, nicht als Touristen
begrüsst, sondern als Sans-Papiers kriminalisiert werden.
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Der Einsatz der Künstlerin ist sie selbst. Leben und Werk sind bei
ihr, solange sie Gast ist, identisch. Denn noch bevor sie ein Werk hervorgebracht
hat, ist ihre Anwesenheit allein schon Werk. Es ist, allerdings, eins
dieser Werke, das ein Publikum braucht, um wirken zu können. Anders
als das Bild, das auch Bild ist, wenn niemand es anschaut, ist die Residency
nur dann Werk, wenn jemand von ihr Notiz nimmt. Das heisst, dass die Künstlerin,
die ein Gast ist, einen Gastgeber braucht, der seine Rolle ebenso ernst
nimmt. Das ist nicht immer gegeben, denn die Künstlerin aus der Fremde
trägt ein doppeltes Stigma mit sich. Einerseits ist sie – eben
– fremd. Und dann ist sie auch noch Künstlerin. Da man von
Künstlerinnen nie genau weiss, was sie eigentlich TUN, begegnet man
ihnen häufig mit Misstrauen. Selbst in kunstinteressierten Kreisen
ist es gar nicht so leicht, Gastgeber zu finden. Viele denken, dass die
Anderen es nötiger hätten, Gastgeber zu sein, denn wenn schon,
dann sind die Anderen Rassisten und nicht man selbst, man selbst hält
sich für frei von kulturellen Vorurteilen. Als Aussenstehende kann
man über so viel Ignoranz nur lachen. Wirklich frei davon ist keine
von uns.
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Der Künstler als Gast ist die kleinste vorstellbare Dosis Fremdheit,
die im allgemeinen als gut verträglich gilt. Wenn er auf eine geneigte
Gastgeberin trifft, kann der Austausch den Beweis dafür liefern,
dass, was auf der Weltbühne vor unser aller Augen scheitert, am überschaubaren
Ort gelingen kann. Dafür liefert die Begegnung zwischen Künstlern
und Gastgeberinnen im Rahmen der Artist-in-residence-Programme den kommunikativen
Modellfall. Das ist es – mehr als die Werke, die hier entstehen,
und die Ausstellungen, die mit diesen Werken organisiert werden –
was die Austauschprogramme für Künstler und Gastgeberinnen so
wertvoll macht. |