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30.08.06 Kleine Philosophie des Austauschs*
Franziska Baetcke

Austauschprogramme sind angesagt. Kaum eine Künstlerin hierzulande, die nicht schon ein paar Monate in einem Atelier in Kairo oder Montreal, New York, London, Paris oder wenigstens Berlin verbracht hat. Und auch die Welt kommt zum Austausch zu uns. Einige öffentliche und private Einrichtungen bieten in der ganzen Schweiz Gästeateliers für Künstlerinnen und Künstler aus dem Ausland an. Die Fülle der Angebote schafft eine Betriebsamkeit, die vergessen lassen könnte, dass Austauschprogramm einen kommunikativen Modellfall darstellen.

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Wenn Künstler Gäste werden, sind sie in der Regel nicht damit beschäftigt, die Fotoalben ihrer Gastgeber anzuschauen und dabei tellerweise Kuchen zu essen. Künstler, die sich in eine Artist-in-residence-Situation begeben, tun das nicht in ihrer Freizeit, sondern aus beruflichem Interesse. Sie sind als Gast professionell. Weswegen von ihnen auch nicht erwartet wird, dass sie sich am fremden Ort wohl fühlen und möglichst viel Geld ausgeben. Die Erwartungen an den Gast, der ein Künstler ist, sind nicht immer präzis formuliert, aber sie sind in jedem Fall hoch. Ausgehend von der verbreiteten Übereinkunft, dass Kunst Übersetzungsarbeit ist, wird vom Künstler erwartet, dass er als Gast seine Situation in Reflexion übersetzt - und dass aus dieser Reflexion womöglich ein Werk entsteht.

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Die Künstlerin kommt von weit her. Zum Beispiel aus Palästina. Zum Beispiel aus Indien. Das sind Länder, von denen die meisten von uns nicht viel verstehen. Länder, deren überwältigend fremde Wirklichkeit uns, kaum haben wir die klimatisierten Flughafenhallen verlassen, wie ein heisser Atem entgegen strömt. Die Künstlerin im Austauschprogramm bringt etwas von dieser Fremdheit in ihrem Koffer mit. Wenn sie sich bei uns in der kargen Atelierkochnische einrichtet, stellt sie ein paar Gewürze aufs Regalbrett über den Herdplatten. Alle Künstlerinnen haben ein paar Gewürze im Gepäck. Mit diesen Gewürzen ist es wie mit ihren Gedanken. Sie sind in einem unablässigen Hin und Her zwischen dem Hier und dem Dort begriffen. Wie Curry und Kardamon zu Kartoffeln und Käse serviert werden, und so alte und neue, vertraute und fremde Geschmackswelten versuchsweise miteinander kombiniert werden, mischen sich am fremden Ort auch erprobte und noch nie gedachte Gedanken auf neue Art.

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Die Erwartung an den Künstler in der Fremde ist, dass er die Fremdheit lebt. Das macht seine Residency zum Werk, noch bevor aus ihr womöglich ein Werk entsteht. Seine Resideny wird zu einer eigentlichen Manifestation von Zeitgenossenschaft. Der Künstler tritt auf als Zeuge der wirtschaftlichen Globalisierung und belegt mit seiner Anwesenheit, dass die Welt – nicht nur die Kunst-Welt – ein Dorf geworden ist. Während paradoxerweise gleichzeitig die kulturell und religiös motivierten Differenzen zugenommen haben und wir von den Lebensbedingungen der Leute, zu denen uns täglich mehrere Flugverbindungen offeriert werden, eigentlich nichts wissen. Der Künstler lebt in und mit dieser Spannung und trotzt ihr seine Existenz ab. Er ist der Übersetzungsarbeiter, das Medium zwischen Welten, die sich trotz allem fremd geblieben sind. Der Künstler ist der Vermittler zwischen unserer Ignoranz und der Armut von denen, die nicht reisen können, um sich selbst ein Bild zu machen. Oder die, wenn sie reisen, das nur auf Schlepperrouten tun können, als blinde Passagiere der wirtschaftlichen Globalisierung. Und die, wenn sie es bis hierhin schaffen, nicht als Touristen begrüsst, sondern als Sans-Papiers kriminalisiert werden.

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Der Einsatz der Künstlerin ist sie selbst. Leben und Werk sind bei ihr, solange sie Gast ist, identisch. Denn noch bevor sie ein Werk hervorgebracht hat, ist ihre Anwesenheit allein schon Werk. Es ist, allerdings, eins dieser Werke, das ein Publikum braucht, um wirken zu können. Anders als das Bild, das auch Bild ist, wenn niemand es anschaut, ist die Residency nur dann Werk, wenn jemand von ihr Notiz nimmt. Das heisst, dass die Künstlerin, die ein Gast ist, einen Gastgeber braucht, der seine Rolle ebenso ernst nimmt. Das ist nicht immer gegeben, denn die Künstlerin aus der Fremde trägt ein doppeltes Stigma mit sich. Einerseits ist sie – eben – fremd. Und dann ist sie auch noch Künstlerin. Da man von Künstlerinnen nie genau weiss, was sie eigentlich TUN, begegnet man ihnen häufig mit Misstrauen. Selbst in kunstinteressierten Kreisen ist es gar nicht so leicht, Gastgeber zu finden. Viele denken, dass die Anderen es nötiger hätten, Gastgeber zu sein, denn wenn schon, dann sind die Anderen Rassisten und nicht man selbst, man selbst hält sich für frei von kulturellen Vorurteilen. Als Aussenstehende kann man über so viel Ignoranz nur lachen. Wirklich frei davon ist keine von uns.

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Der Künstler als Gast ist die kleinste vorstellbare Dosis Fremdheit, die im allgemeinen als gut verträglich gilt. Wenn er auf eine geneigte Gastgeberin trifft, kann der Austausch den Beweis dafür liefern, dass, was auf der Weltbühne vor unser aller Augen scheitert, am überschaubaren Ort gelingen kann. Dafür liefert die Begegnung zwischen Künstlern und Gastgeberinnen im Rahmen der Artist-in-residence-Programme den kommunikativen Modellfall. Das ist es – mehr als die Werke, die hier entstehen, und die Ausstellungen, die mit diesen Werken organisiert werden – was die Austauschprogramme für Künstler und Gastgeberinnen so wertvoll macht.

   
 

* Für Wenzel, der gesagt hat, dass in der Schweiz immer alle ins Ausland wollen, aber kaum jemand sich mit den AusländerInnen auseinander setzen will, die schon hier sind.

Links:

»zu Wenzel Hallers Netzwerk über Schweizer Residencies: www.a-i-r.ch