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31.08.06 Zwischen Produktionschance und Selbstzweifel
Aktuelle Gastateliers für MedienkünstlerInnen
Annina Zimmermann

Kunstschaffende mit Horizont erwägen immer mal wieder, dem eigenen Atelier den Rücken zu kehren. Der «Versand» junger Talente, lange Zeit vor allem nach Paris oder München, hat in der Schweiz, die bis weit ins 20. Jahrhundert über keine Kunstakademien verfügte, zum Glück eine starke Tradition. Auch für Künstler/innen, die eine Auseinandersetzung mit den neuen Medien suchen, birgt ein Gastaufenthalt mitunter besondere Chancen, an technische Produktionsmittel, Finanzierung und Know-how heranzukommen.

So schreibt etwa Montevideo, das Niederländische Institut für die sog. «zeitbasierten Medien», regelmässig und jeweils recht kurzfristig die Möglichkeit aus, während dreier Monate im Studio an der Amsterdamer Prinzengracht zu arbeiten. Montevideo organisiert dazu den freien Zugang zum umfassenden Video-Archiv, zu Geräten, technischem Support und eine öffentliche Präsentation, flexibel je nach Produkt des Aufenthalts als Veranstaltung, Online-Auftritt, Ausstellung etc. In diesem Monat wird zum Beispiel gezielt nach Vorschlägen für interaktive Opensource-Installationen gesucht.

Geradezu überschwemmt mit Eingaben wurde dieses Jahr auch das Edith-Ruß-Haus. Gemeinsam mit der Stiftung Niedersachsen vergibt es drei mit gerade mal 10.000 Euro dotierte Arbeitsstipendien – und erhielt auf die internationale Ausschreibung hin über 320 Kandidaturen. Annina Rüst – die ihr Überwachungstechnologie-kritisches Netzwerk «Track the Trackers» noch als HGKZ-Studentin z.B. an der Viper 2003 vorstellte – ist dafür bereit, aus Kalifornien für sechs Monate ins schöne Oldenburg zu ziehen. Hier wird sie (neben den beiden andern Stipendiaten Corinna Schnitt und ubermorgen) an ihrem neusten Projekt arbeiten: einer Software für spontane Musikevents via Wireless.

Nicht allein, aber wohl prädisponiert auf technologieinteressierte Autor/innen zielt die Ausschreibung «Artists in Labs» der HGK Zürich. Noch bis zum 9. Oktober sind Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich ab 1. März für neun Monate für einen Platz in einem schweizerischen Wissenschaftslabor zu bewerben. Dem hartnäckigen Idealismus von Jill Scott und ihren Projektpartnern ist zu verdanken, dass das spannende Experiment in einer neuen Runde fortgeführt wird, da durch das Bundesamt für Kultur finanziert neu nur noch für Schweizer/innen ausgeschrieben. Der Clash der unterschiedlichen Kommunikations- und Bildkulturen von Kunst und Wissenschaft war in den im letzten Jahr vorgestellten Pilotprojekten nicht nur produktiv verlaufen. Er sorgte aber insgesamt für eine heilsame Befragung von Wert- und Wissenssystemen und für künstlerische Arbeitsansätze, die sich nicht freiwillig in die Prestige- und Schutzzone des musealen Raums zurückziehen, sondern sich den ungleich finanzstärkeren, einflussreicheren und manchmal haarsträubend naiv verhandelten Themen z.B. der Naturwissenschaft stellen.

Denn Gastaufenthalte dienen ja nie nur dazu, die eigene gezielt Arbeit voranzutreiben. Manch eine/r kann sie vielleicht nutzen für störungsfreie und fremdfinanzierte Konzentration. Die meisten aber erwartet in der Fremde eine nicht zu unterschätzende Erschütterung künstlerischer Selbstgewissheit ... welche erst das Erlebnis echter Gastfreundschaft und zähes Durchhalten in produktive Zweifel umzusetzen vermag. Einen Inbegriff solcher Gastkultur praktiziert Wenzel Haller in Aarau. Der herzliche Lobbyist prägt zum einen seit Jahren das Arbeitsklima im dortigen Gastatelier Krone und pflegt da ein immer reicheres Netzwerk von Kunstschaffenden in Indien und Palästina. Darüber hinaus regt Haller mit wachsendem Erfolg das Nachdenken über Artist-in-Residence-Programme an, über ihre kulturpolitische Notwendigkeit und die von ihnen in Gang gesetzten subtilen Austauschprozesse ­ so z.B. aktuell an einer Tagung zum Thema in der Uni Neuenburg am 5. September.

   
Information:

Wer sich über aktuelle Gäste in der Schweiz bzw. eigene Möglichkeiten zum Gastaufenthalt orientieren will, besucht Wenzel Hallers Plattform im Netz: »www.a-i-r.ch.
Wer über die subtilen Mechanismen des künstlerischen Austauschs nachdenken will, dem sei »der aktuelle Text von Franziska Baetcke auf unserer Webseite empfohlen.

Links:

»www.montevideo.nl
»www.edith-russ-haus.de
»Annina Rüst at trash.net
»www.artistsinlabs.ch (Einsendeschluss der neuen Ausschreibung: 9. Oktober 2006)

Interessengemeinschaft artists in residence ch
c/o Wenzel A. Haller, Kirchgasse 6, CH-5000 Aarau

Tagung zu «internationalem Austausch in Forschung und Bildung» und «artists in residence che: zentrale Grossprojekte – dezentrale Kleinprojekte» an der Uni Neuenburg am 5. September 2006 Anmeldung via: »www.a-i-r.ch.