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31.10.06
Wie der Expo-Geist sich mit der gegenwärtigen Medienkultur verschränkt
Villö Huszai und Annina Zimmermann sprachen mit Martin Heller im Büro seiner Firma «Heller Enterprises» in Zürich.

Das Projekt «agent-provocateur.ch» besteht aus einer ständig anwachsenden Sammlung von um die 30 Sekunden dauernden Videospots. Das Hauptthema dieser «Kürzest-Filme» ist die Schweiz, aber durchaus mit Gewinn sprengen etliche Videos die redliche Enge dieses Themas. Produziert und distribuiert wird das Projekt von «Heller Enterprises». Kürzlich hat Juri Steiner die künstlerische Leitung an Plinio Bachmann übergeben; Martin Heller inspiriert und stellt im Hintergrund nach jeder Serie seine kritischen Fragen. «agent-provocateur.ch» ist stark geprägt von den Distributionsmitteln des Projektes, die da sind: Netz, E-Board, Kinowerbung oder gar die Heckscheibe eines Automobils. Auch die Finanzierung ist unüblich, ist sie doch rein privatwirtschaftlich und in mäzenatischem Stil betrieben.

clickhere.ch: Soll «agent-provocateur.ch» eine Provokation für die herkömmliche Öffentlichkeit sein?
Gewiss nicht im platten Sinne. Die Initiative ging vom Architekten Marcel Meili aus und der Datuma AG. Meili und seine Brüder haben mit ihrem ererbten Vermögen diese AG gegründet und ermöglichen damit – teilweise ohne Rendite-Erwartung – spezifische Kulturprojekte. In unserem Fall waren sie daran interessiert, mit Filmformaten eine andere Art, eine erweiterte Art von Öffentlichkeit zu schaffen. Nicht so sehr im Sinne einer Gegenöffentlichkeit – natürlich spielte eine Rolle, was während des US-amerikanischen Wahlkampfs auf dem Netz herumgeisterte. Es war aber nie die Absicht, nur satirische, nur überrissene oder eben provokante Spots zu produzieren – von Anfang an sollte «agent-provocateur.ch» in möglichst vielen Idiomen sprechen.

Also keine Konkurrenz, sondern eine Erweiterung der Öffentlichkeit?

Ja. In Bezug auf Autoren, die sonst wenig Chancen haben, ihre Produkte zu platzieren, auf Inhalte und auf Auftrittsorte jenseits des Fernsehens.

Sie haben Anfang des Jahres in einem Wettbewerb explizit nach Spots zum Thema Schweiz gefragt. Haben Sie denn nun etwas erfahren über die Schweiz, was Sie noch nicht gewusst hatten?
(Zögert.) Ja, in gewissem Sinne schon.

Zum Beispiel?
Nun, - wir haben natürlich erfahren, wie stark der Ballast der nationalen Embleme wiegt, wenn über die Probleme der Schweiz nachgedacht wird. Da wimmelt es von Schweizer Kreuzen und anderen Zeichen, von denen man das Gefühl hat, sie können gar nichts mehr mitteilen. Doch da muss man durch, muss den Ballast abwerfen. Die schliesslich prämierten Arbeiten verzichten auf solch überholte Rhetorik und spielen mit den Klischees auf andere Weise. Nach dem Motto: Je witziger und ungewohnter, desto interessanter auch für das breite Publikum. Der Spot mit dem Affen von Erik Dettwiler zum Beispiel ist sehr gut angekommen.


«Parenthese» von Erik Dettwiler: Version PC, Version Mac


Kann denn dieser spezifische Kontext, die Befindlichkeit der Schweiz, auf so kleinem Raum überhaupt zur Darstellung kommen? Wo wird der Schweizbezug in «Paranthese» sichtbar, wo sich zunächst nur bergähnlich eine braune Masse zeigt, unter der dann träge ein Affe hervorlugt?
Erst einmal dadurch, dass wir diese Jöh-Geschichte in den Rahmen von «agent-provocateur.ch stellen. Das schafft einen bestimmten Kontext. Aber: Uns ist ein expliziter Schweizbezug gar nicht so wichtig. Wir haben zum Beispiel den Pissoir-Spot von Juri Steinhart und Nicole Schroeder lange diskutiert und uns gefragt, ob das noch geht. Der Spot ist ziemlich scharf: Ein Typ kommt herein, in ziemlichem Macho-Gehabe, steht vors Pissoir, taucht den Kopf hinein, streicht sich die Haare zurecht, stellt sich vor den Spiegel, wirklich so, als hätte er Haar-Gel auf dem Kopf. Dann geht er hinaus, und dann kommt ein kurzer Claimer, der sagt: 88 Prozent der Schweizer Männer waschen ihre Hände nicht.


«Piss off» von Juri Steinhart und Nicole Schroeder: Version PC, Version Mac


Solches erinnert manchmal stark an humoristische Aids-Aufklärung...
Klar, man kann die narrativen Prinzipien nicht immer neu erfinden. Zentral bleibt jedoch das ambivalent ironische Moment - wie etwa auch bei Tabea Guhl und Johannes Hedinger mit ihren Headlines. Es muss aber immer eine ernsthafte Ironie sein – das haben wir nicht zuletzt an der Expo gelernt. Es darf nicht distanzierte, obercoole Ironie sein; das wäre vielleicht kurzweilig oder lustig, aber es gibt keine Verbindlichkeit darin.


«Claim to Greatness» von Tabea Guhl und Johannes Hedinger: Version PC, Version Mac


Auch die Videos, die das Schweizer-Fernsehen-Format «Sternstunden» zeigt, sind sehr kurz. Ist diese Kürze eine Art Gegenentwurf zu langatmigen Kunstvideos?
Die Kürze hat in erster Linie vertriebstechnische Vorteile, um etwa in die zunehmend digitalisierten Werbeblocks in den Kinos zu kommen. Unser Projekt ist jedoch kein Gegenentwurf zum Kunstvideo, es ist eher eine Erweiterung. Im übrigen ist das Kurzformat für viele Autoren ausgesprochen schwierig. In einem Spot kann es nicht um eine Geschichte gehen, - er muss eine Idee vermitteln. Der Zwang zur Kürze vermag die Klärung einer solchen Idee voranzutreiben. Ich habe schon am Museum immer die Meinung vertreten, dass ein Ausstellungsplot darin besteht, dass man ziemlich schnell erfassen kann, was die Ausstellung will, und dass er bereits eine bildhafte Vorstellung enthalten soll. Schafft er das nicht, so beginnt man letztlich Thesen zu illustrieren, und das ist uninteressant. 30 Sekunden sind eine gute Übung, um wie in einer guten Karikatur Stellung beziehen zu müssen. In der Schweiz ist das nicht einfach; man flüchtet sich gerne in Formalismen oder Beschreibungen, um Härten zu vermeiden.

Sie benützen die Technologie der Netzplattform, machen Podcasting. Man könnte das lesen als eine Art Ausverkauf der Kunst, alles wird immer schneller und auch verfügbarer... Was halten Sie von all diesen technologischen Möglichkeiten, die ja das Projekt enorm prägen?

Das kann man schon nochmals eine Verlängerung suchen zur Expo-Philosophie: breite Zugänglichkeit schreckt uns nicht. Und im Gegensatz zu einem Teil der Kunstwelt finden wir es ziemlich hinreissend, wenn viele Menschen unsere Spots sehen. Vorausgesetzt, die Qualität stimmt, wie wenn wir die Spots für uns selber machen würden... Vor diesem Hintergrund wäre es dumm, neue mediale Möglichkeiten nicht zu nutzen. Also nehmen wir eben in Kauf, dass das E-Board keinen Ton hat, und haben die Filme dort erst einmal stumm gezeigt. Jetzt gehen wir dazu über, den Künstlern zu sagen: Wenn ihr einen Spot auf dem E-Board sehen wollt, dann konzipiert ihn gleich ohne Ton. Das funktioniert: Wer sonst hat schon die Gelegenheit, auf dem E-Board gesehen zu werden?

Ist das freie Teilen, die freie Möglichkeit, herunterzuladen, auch ein Statement zum Urheberrecht?
Mich hat das Urheberrecht nie wirklich interessiert. Wenn es die Möglichkeiten einer wirklich wirksamen Verbreitung gibt, muss man alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen. Meistens geht dies nur bedingt, weil die nötigen Gelder fehlen. «agent-provocateur.ch» ist in dieser Perspektive eher ein Statement in Bezug auf das, was möglich ist mit privater Finanzierung. Das hat wesentlich zu tun mit Heller Enterprises: Meine kleine Firma ist wie ein Modell für eine riskante, aber unabhängige Kulturinstanz. Das war von Anfang an eine Bewegung in einen offenen Raum hinaus. Die Gebrüder Meili geben uns die Möglichkeit zu einem gezielten Experiment auf Zeit, mit ungewöhnlichen Spielregeln. Allein schon deshalb bringen wir die Autoren bei der Visionierung mit den Meilis zusammen. Ich glaube, das Engagement der Datuma ist eine wichtige Botschaft für die Schweizer Kulturszene: Da gibt es initiative Köpfe, die euch die Chance bieten, etwas zu wollen. Ihr habt bei «agent provocateur.ch» gute Partner, und das sollt ihr mit Ambition und Qualität rechtfertigen.

Die Beschreibung von Heller als «Heller Enterprises» im Kontrast zum einstigen Museumsmann beginnt, der Beschreibung eines Agent provocateur zu ähneln. Die Rolle des schneller, freier Handelnden. Ist der Agent provocateur ihre Rolle?
Nur bedingt. Ich selber habe ja ganz unterschiedliche Rollen. Ich bin mit keinem Label versehen. Zum ersten Mal in meinem Leben steht auf meinem Rücken nicht «Museum für Gestaltung» oder «Expo» oder sonst etwas, sondern einfach: Heller. Ich. Und so lange ich es schaffe, Heller Enterprises zu finanzieren, kann ich so tun und den Mund aufreissen, wie ich will - oder auch nicht. Oder sagen, ich gehe jetzt nach Linz (Heller ist als Intendant künstlerischer Leiter der Kulturhauptstadt Linz 2009, Anm. der Red.) und ob das hier jemand mitbekommt oder nicht, spielt vorerst keine Rolle. Wir alle, die hier arbeiten, akzeptieren diese Art kultureller Diversifikation. Mehr noch, wir lieben sie, weil sie andere Sichten auf die Wirklichkeit eröffnet. Daran glaube ich zutiefst.

Seit ich mich selbständig gemacht habe, sitze ich innert Monatsfrist an allen Plätzen rund um den Tisch: Einmal bin ich der, der das Geld in der Tasche hat und entscheiden kann, mit dir möchte ich arbeiten und mit dir nicht. Ein andermal gehe ich zu einem Kunden und bewerbe mich um einen Auftrag. Dann muss ich eventuell damit leben, dass der andere sagt, Ihre Nase gefällt mir nicht oder Ihre Performance war schlechter als die Ihrer Konkurrenten. Oder ich bin Autor und schreibe. Oder gehe unterrichten. Oder halte als Kommentator Vorträge zu allen möglichen Themen oder sitze als Verwaltungsrat bei Vitra in der obersten strategischen Ebene eines Unternehmens, das wie kein anderes Kultur und Design und Wirtschaft zusammenbringt. Dieser ständige Rollenwechsel ist interessant und generiert ungeheuer viel an Einsicht, Verständnis und Kompetenz. Das macht irgendwie bescheidener, aber auch wagemutiger, letztlich einfach beweglicher.

Das ist auch ein anderes Modell als das Self-Branding eines Harry Szeemann.

Ja, das ist nochmals etwas anderes. Ich glaube, es muss auch kein Gegensatz sein, die Institution und der freie Raum. Es braucht beides. Wieviel Museumskultur wir brauchen, muss jeder selber entscheiden. Auch in der Medienkunst, das erlebe ich gerade wieder in Linz mit der Ars Electronica, besteht erheblicher Veränderungsbedarf – und es bewegt sich in der Tat auch einiges.

Sie haben gesagt, es gäbe Aspekte in der Medienkunst, die interessant seien und andere weniger. Welches sind denn die interessanten?

Ein Phänomen, das einmal Medienkunst geheissen hat... Mich interessiert es als Label so nicht mehr, und das geht vielen anderen ähnlich. Medienkunst: Was soll die Sache, was der Begriff? Wenig ergiebig ist Medienkunst da, wo sie sich immer noch kapriziert auf die Erklärung technologischen Fortschritts. Im Ars Electronica Center gibt es zum Beispiel viele Installationen, die mir zeigen, dass eine Echtzeit-Kommunikation möglich ist, und dann wird die Technik visuell eingekleidet. Wenn ich aber nicht schon im ersten Augenblick von dieser Echtzeit-Geschichte fasziniert bin, ist dieses Kleid meist nur mässig interessant. Ich verstehe auch nicht, weshalb die Medienkunst-Bilder zu 90% derart technoid auftreten - Fotos oder Bilder müssen mich auch emotional packen.

Ich gehe aber zugleich davon aus, dass wir in jedem normalen Kunsthaus die Folgen davon erleben, was in den 90er Jahren mit den «neuen Realitäten» angefangen hat - So hiess die erste Ausstellungsreihe von Alois Martin Müller dazu am Museum für Gestaltung. Dort hat etwas angefangen, was unsere Wahrnehmung in der Zwischenzeit so verändert hat, dass wir jetzt langsam merken, welches die Folgen sind. Da ist heute zum Beispiel die immer grössere Ungeduld gegenüber dem Gegenstand: Wir bringen nicht mehr die Musse und Sorgfalt auf, das einzelne Ding anzusehen und darüber zu staunen, dass das nun eine karolingische Glasscherbe sei... Unsere Wahrnehmung ist nicht mehr dieselbe wie vor 15 Jahren, auch im körperlichen Sinne. Die Tatsache, dass ich per Mausklick ständig irgendwelche Parameter verändere, ergibt eine andere Einstellung gegenüber dem, was modellierbar und was stetig ist. Es ist schwierig, diese komplexen Wechselwirkungen in Worte zu fassen, aber es resultiert daraus ein anderes Verhalten und eine andere Lust an Infiltrationen.

Sie streben eine bildkompetente Medienkunst an, es gibt daneben die technoide Auffassung von Medienkunst, wo es in Richtung Wissenschaft geht, und dann gibt es eine weitere Spielart, welche die Medienkunst eher versteht als Freiraum für gesellschaftskritische Interventionen. Mit dieser teilen Sie die Arbeit an den Aussenrändern des Kunstbereichs: Sie sprechen eher von Kultur als von Kunst.
Ich spreche mehr von Kultur, weil wir andere Systeme der Distribution nutzen. Bereits die Expo hat gezeigt, dass man künstlerische Strategien und Autorschaften auch in populären Feldern verwenden kann. Das setzt jedoch das Einverständnis und die Mitwirkung der Künstler voraus. Die Erfahrung bei «agent-provocateur.ch» ist, dass die Künstler solche Auswirkungen äusserst attraktiv finden. Weil: Gesehen zu werden ist scharf. Mit uns zusammenzuarbeiten ist überdies deshalb interessant, weil wir uns ja nicht als stummes Gegenüber verstehen: Wir sprechen als Redaktion mit den Künstlern, nehmen Teil an der Endfassung. Dort beginnt sich etwas von unserer Bildkompetenz und unserer Erfahrung umzusetzen.

Ich selbst bin jetzt keineswegs technikaffin. Ich nehme zur Kenntnis, was es gibt, kann Programme teilweise bedienen und teilweise nicht - was mir auch egal ist. Aber die Anwendung in meiner Biografie war immer die Anwendung eines Bildverständnisses, bei dem ich jederzeit einer Fotografie von Nan Goldin in einer bestimmten Phase mehr abgewinnen konnte als dem avanciertesten Medienkunstwerk. Zugleich hätte es auch andersrum sein können. Für mich hat es nie die fixe Zuordnung gegeben. Ein Stück weit profitiert ein Unterfangen wie «agent-provocateur.ch» von dieser Offenheit, indem wir sagen: Chris Niemeyer macht einen Werbefilm, und Andres Lutz ist halt ein Künstler. Punkt. So what? Positionen sind individuelle Entscheidungen. Wir sind die Eigner dieses Projektes in Stellvertretung der Initianten, und versuchen, es unter die Leute zu bringen.

Transkription: Isabel Zürcher, Basel

   
Projekt:

An den vom 8.-12. November stattfindenden »10. Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur ist agent-provocateur.ch in dreifacher Hinsicht präsent.

Zum ersten feiern zwölf neue Spots von Hanspeter Ammann, Katia Bassanini, Max Küng, Anna Luif, Marie Lusa, Rolf Lyssy, Léo Maillard (le flair), Körnerunion, Tobias Nölle, Kerim Seiler, Carmen Stadler und Andrea Staka Premiere.

Zum zweiten wird der 2. agent-provocateur.ch öffentliche Wettbewerb für Videospots lanciert.

Und zum dritten präsentiert agent-provocateur im Casinotheater Winterthur zwei Videoinstallationen mit einer exklusiven Auswahl von Spots, die 2006 produziert wurden.

Präsentation und Vernissage agent-provocateur.ch
Donnerstag, 9. November 2006l, 18.30 Uhr im Casinotheater Winterthur

Links:

»www.agent-provocateur.ch
»www.hellerenter.ch
»unsere Rezension von «agent provocateur»