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clickhere.ch: Soll «agent-provocateur.ch»
eine Provokation für die herkömmliche Öffentlichkeit sein?
Gewiss nicht im platten Sinne. Die Initiative ging vom Architekten Marcel
Meili aus und der Datuma AG. Meili und seine Brüder haben mit ihrem ererbten
Vermögen diese AG gegründet und ermöglichen damit – teilweise ohne Rendite-Erwartung
– spezifische Kulturprojekte. In unserem Fall waren sie daran interessiert,
mit Filmformaten eine andere Art, eine erweiterte Art von Öffentlichkeit
zu schaffen. Nicht so sehr im Sinne einer Gegenöffentlichkeit – natürlich
spielte eine Rolle, was während des US-amerikanischen Wahlkampfs auf dem
Netz herumgeisterte. Es war aber nie die Absicht, nur satirische, nur
überrissene oder eben provokante Spots zu produzieren – von Anfang an
sollte «agent-provocateur.ch» in möglichst vielen Idiomen sprechen.
Also keine Konkurrenz, sondern eine Erweiterung der Öffentlichkeit?
Ja. In Bezug auf Autoren, die sonst wenig Chancen haben, ihre Produkte
zu platzieren, auf Inhalte und auf Auftrittsorte jenseits des Fernsehens.
Sie haben Anfang des Jahres in einem Wettbewerb explizit
nach Spots zum Thema Schweiz gefragt. Haben Sie denn nun etwas erfahren
über die Schweiz, was Sie noch nicht gewusst hatten?
(Zögert.) Ja, in gewissem Sinne schon.
Zum Beispiel?
Nun, - wir haben natürlich erfahren, wie stark der Ballast der nationalen
Embleme wiegt, wenn über die Probleme der Schweiz nachgedacht wird. Da
wimmelt es von Schweizer Kreuzen und anderen Zeichen, von denen man das
Gefühl hat, sie können gar nichts mehr mitteilen. Doch da muss man durch,
muss den Ballast abwerfen. Die schliesslich prämierten Arbeiten verzichten
auf solch überholte Rhetorik und spielen mit den Klischees auf andere
Weise. Nach dem Motto: Je witziger und ungewohnter, desto interessanter
auch für das breite Publikum. Der Spot mit dem Affen von Erik Dettwiler
zum Beispiel ist sehr gut angekommen.

«Parenthese»
von Erik Dettwiler: Version PC, Version Mac
Kann denn dieser spezifische Kontext, die Befindlichkeit
der Schweiz, auf so kleinem Raum überhaupt zur Darstellung kommen? Wo
wird der Schweizbezug in «Paranthese» sichtbar, wo sich zunächst nur bergähnlich
eine braune Masse zeigt, unter der dann träge ein Affe hervorlugt?
Erst einmal dadurch, dass wir diese Jöh-Geschichte in den Rahmen von «agent-provocateur.ch
stellen. Das schafft einen bestimmten Kontext. Aber: Uns ist ein expliziter
Schweizbezug gar nicht so wichtig. Wir haben zum Beispiel den Pissoir-Spot
von Juri Steinhart und Nicole Schroeder lange diskutiert und uns gefragt,
ob das noch geht. Der Spot ist ziemlich scharf: Ein Typ kommt herein,
in ziemlichem Macho-Gehabe, steht vors Pissoir, taucht den Kopf hinein,
streicht sich die Haare zurecht, stellt sich vor den Spiegel, wirklich
so, als hätte er Haar-Gel auf dem Kopf. Dann geht er hinaus, und dann
kommt ein kurzer Claimer, der sagt: 88 Prozent der Schweizer Männer waschen
ihre Hände nicht.

«Piss off» von Juri Steinhart und Nicole Schroeder: Version
PC, Version
Mac
Solches erinnert manchmal stark an humoristische Aids-Aufklärung...
Klar, man kann die narrativen Prinzipien nicht immer neu erfinden. Zentral
bleibt jedoch das ambivalent ironische Moment - wie etwa auch bei Tabea
Guhl und Johannes Hedinger mit ihren Headlines. Es muss aber immer eine
ernsthafte Ironie sein – das haben wir nicht zuletzt an der Expo gelernt.
Es darf nicht distanzierte, obercoole Ironie sein; das wäre vielleicht
kurzweilig oder lustig, aber es gibt keine Verbindlichkeit darin.

«Claim to Greatness» von Tabea Guhl und Johannes Hedinger: Version
PC, Version
Mac
Auch die Videos, die das Schweizer-Fernsehen-Format
«Sternstunden» zeigt, sind sehr kurz. Ist diese Kürze eine Art Gegenentwurf
zu langatmigen Kunstvideos?
Die Kürze hat in erster Linie vertriebstechnische Vorteile, um etwa in
die zunehmend digitalisierten Werbeblocks in den Kinos zu kommen. Unser
Projekt ist jedoch kein Gegenentwurf zum Kunstvideo, es ist eher eine
Erweiterung. Im übrigen ist das Kurzformat für viele Autoren ausgesprochen
schwierig. In einem Spot kann es nicht um eine Geschichte gehen, - er
muss eine Idee vermitteln. Der Zwang zur Kürze vermag die Klärung einer
solchen Idee voranzutreiben. Ich habe schon am Museum immer die Meinung
vertreten, dass ein Ausstellungsplot darin besteht, dass man ziemlich
schnell erfassen kann, was die Ausstellung will, und dass er bereits eine
bildhafte Vorstellung enthalten soll. Schafft er das nicht, so beginnt
man letztlich Thesen zu illustrieren, und das ist uninteressant. 30 Sekunden
sind eine gute Übung, um wie in einer guten Karikatur Stellung beziehen
zu müssen. In der Schweiz ist das nicht einfach; man flüchtet sich gerne
in Formalismen oder Beschreibungen, um Härten zu vermeiden.
Sie benützen die Technologie der Netzplattform, machen Podcasting. Man
könnte das lesen als eine Art Ausverkauf der Kunst, alles wird immer schneller
und auch verfügbarer... Was halten Sie von all diesen technologischen
Möglichkeiten, die ja das Projekt enorm prägen?
Das kann man schon nochmals eine Verlängerung suchen zur Expo-Philosophie:
breite Zugänglichkeit schreckt uns nicht. Und im Gegensatz zu einem Teil
der Kunstwelt finden wir es ziemlich hinreissend, wenn viele Menschen
unsere Spots sehen. Vorausgesetzt, die Qualität stimmt, wie wenn wir die
Spots für uns selber machen würden... Vor diesem Hintergrund wäre es dumm,
neue mediale Möglichkeiten nicht zu nutzen. Also nehmen wir eben in Kauf,
dass das E-Board keinen Ton hat, und haben die Filme dort erst einmal
stumm gezeigt. Jetzt gehen wir dazu über, den Künstlern zu sagen: Wenn
ihr einen Spot auf dem E-Board sehen wollt, dann konzipiert ihn gleich
ohne Ton. Das funktioniert: Wer sonst hat schon die Gelegenheit, auf dem
E-Board gesehen zu werden?
Ist das freie Teilen, die freie Möglichkeit, herunterzuladen,
auch ein Statement zum Urheberrecht?
Mich hat das Urheberrecht nie wirklich interessiert. Wenn es die Möglichkeiten
einer wirklich wirksamen Verbreitung gibt, muss man alle zur Verfügung
stehenden Mittel nutzen. Meistens geht dies nur bedingt, weil die nötigen
Gelder fehlen. «agent-provocateur.ch» ist in dieser Perspektive eher ein
Statement in Bezug auf das, was möglich ist mit privater Finanzierung.
Das hat wesentlich zu tun mit Heller Enterprises: Meine kleine Firma ist
wie ein Modell für eine riskante, aber unabhängige Kulturinstanz. Das
war von Anfang an eine Bewegung in einen offenen Raum hinaus. Die Gebrüder
Meili geben uns die Möglichkeit zu einem gezielten Experiment auf Zeit,
mit ungewöhnlichen Spielregeln. Allein schon deshalb bringen wir die Autoren
bei der Visionierung mit den Meilis zusammen. Ich glaube, das Engagement
der Datuma ist eine wichtige Botschaft für die Schweizer Kulturszene:
Da gibt es initiative Köpfe, die euch die Chance bieten, etwas zu wollen.
Ihr habt bei «agent provocateur.ch» gute Partner, und das sollt ihr mit
Ambition und Qualität rechtfertigen.
Die Beschreibung von Heller als «Heller Enterprises»
im Kontrast zum einstigen Museumsmann beginnt, der Beschreibung eines
Agent provocateur zu ähneln. Die Rolle des schneller, freier Handelnden.
Ist der Agent provocateur ihre Rolle?
Nur bedingt. Ich selber habe ja ganz unterschiedliche Rollen. Ich bin
mit keinem Label versehen. Zum ersten Mal in meinem Leben steht auf meinem
Rücken nicht «Museum für Gestaltung» oder «Expo» oder sonst etwas, sondern
einfach: Heller. Ich. Und so lange ich es schaffe, Heller Enterprises
zu finanzieren, kann ich so tun und den Mund aufreissen, wie ich will
- oder auch nicht. Oder sagen, ich gehe jetzt nach Linz (Heller ist als
Intendant künstlerischer Leiter der Kulturhauptstadt Linz 2009, Anm. der
Red.) und ob das hier jemand mitbekommt oder nicht, spielt vorerst keine
Rolle. Wir alle, die hier arbeiten, akzeptieren diese Art kultureller
Diversifikation. Mehr noch, wir lieben sie, weil sie andere Sichten auf
die Wirklichkeit eröffnet. Daran glaube ich zutiefst.
Seit ich mich selbständig gemacht habe, sitze ich innert Monatsfrist an
allen Plätzen rund um den Tisch: Einmal bin ich der, der das Geld in der
Tasche hat und entscheiden kann, mit dir möchte ich arbeiten und mit dir
nicht. Ein andermal gehe ich zu einem Kunden und bewerbe mich um einen
Auftrag. Dann muss ich eventuell damit leben, dass der andere sagt, Ihre
Nase gefällt mir nicht oder Ihre Performance war schlechter als die Ihrer
Konkurrenten. Oder ich bin Autor und schreibe. Oder gehe unterrichten.
Oder halte als Kommentator Vorträge zu allen möglichen Themen oder sitze
als Verwaltungsrat bei Vitra in der obersten strategischen Ebene eines
Unternehmens, das wie kein anderes Kultur und Design und Wirtschaft zusammenbringt.
Dieser ständige Rollenwechsel ist interessant und generiert ungeheuer
viel an Einsicht, Verständnis und Kompetenz. Das macht irgendwie bescheidener,
aber auch wagemutiger, letztlich einfach beweglicher.
Das ist auch ein anderes Modell als das Self-Branding eines Harry Szeemann.
Ja, das ist nochmals etwas anderes. Ich glaube, es muss auch kein Gegensatz
sein, die Institution und der freie Raum. Es braucht beides. Wieviel Museumskultur
wir brauchen, muss jeder selber entscheiden. Auch in der Medienkunst,
das erlebe ich gerade wieder in Linz mit der Ars Electronica, besteht
erheblicher Veränderungsbedarf – und es bewegt sich in der Tat auch einiges.
Sie haben gesagt, es gäbe Aspekte in der Medienkunst, die interessant
seien und andere weniger. Welches sind denn die interessanten?
Ein Phänomen, das einmal Medienkunst geheissen hat... Mich interessiert
es als Label so nicht mehr, und das geht vielen anderen ähnlich. Medienkunst:
Was soll die Sache, was der Begriff? Wenig ergiebig ist Medienkunst da,
wo sie sich immer noch kapriziert auf die Erklärung technologischen Fortschritts.
Im Ars Electronica Center gibt es zum Beispiel viele Installationen, die
mir zeigen, dass eine Echtzeit-Kommunikation möglich ist, und dann wird
die Technik visuell eingekleidet. Wenn ich aber nicht schon im ersten
Augenblick von dieser Echtzeit-Geschichte fasziniert bin, ist dieses Kleid
meist nur mässig interessant. Ich verstehe auch nicht, weshalb die Medienkunst-Bilder
zu 90% derart technoid auftreten - Fotos oder Bilder müssen mich auch
emotional packen.
Ich gehe aber zugleich davon aus, dass wir in jedem normalen Kunsthaus
die Folgen davon erleben, was in den 90er Jahren mit den «neuen Realitäten»
angefangen hat - So hiess die erste Ausstellungsreihe von Alois Martin
Müller dazu am Museum für Gestaltung. Dort hat etwas angefangen, was unsere
Wahrnehmung in der Zwischenzeit so verändert hat, dass wir jetzt langsam
merken, welches die Folgen sind. Da ist heute zum Beispiel die immer grössere
Ungeduld gegenüber dem Gegenstand: Wir bringen nicht mehr die Musse und
Sorgfalt auf, das einzelne Ding anzusehen und darüber zu staunen, dass
das nun eine karolingische Glasscherbe sei... Unsere Wahrnehmung ist nicht
mehr dieselbe wie vor 15 Jahren, auch im körperlichen Sinne. Die Tatsache,
dass ich per Mausklick ständig irgendwelche Parameter verändere, ergibt
eine andere Einstellung gegenüber dem, was modellierbar und was stetig
ist. Es ist schwierig, diese komplexen Wechselwirkungen in Worte zu fassen,
aber es resultiert daraus ein anderes Verhalten und eine andere Lust an
Infiltrationen.
Sie streben eine bildkompetente Medienkunst an, es
gibt daneben die technoide Auffassung von Medienkunst, wo es in Richtung
Wissenschaft geht, und dann gibt es eine weitere Spielart, welche die
Medienkunst eher versteht als Freiraum für gesellschaftskritische Interventionen.
Mit dieser teilen Sie die Arbeit an den Aussenrändern des Kunstbereichs:
Sie sprechen eher von Kultur als von Kunst.
Ich spreche mehr von Kultur, weil wir andere Systeme der Distribution
nutzen. Bereits die Expo hat gezeigt, dass man künstlerische Strategien
und Autorschaften auch in populären Feldern verwenden kann. Das setzt
jedoch das Einverständnis und die Mitwirkung der Künstler voraus. Die
Erfahrung bei «agent-provocateur.ch» ist, dass die Künstler solche Auswirkungen
äusserst attraktiv finden. Weil: Gesehen zu werden ist scharf. Mit uns
zusammenzuarbeiten ist überdies deshalb interessant, weil wir uns ja nicht
als stummes Gegenüber verstehen: Wir sprechen als Redaktion mit den Künstlern,
nehmen Teil an der Endfassung. Dort beginnt sich etwas von unserer Bildkompetenz
und unserer Erfahrung umzusetzen.
Ich selbst bin jetzt keineswegs technikaffin. Ich nehme zur Kenntnis,
was es gibt, kann Programme teilweise bedienen und teilweise nicht - was
mir auch egal ist. Aber die Anwendung in meiner Biografie war immer die
Anwendung eines Bildverständnisses, bei dem ich jederzeit einer Fotografie
von Nan Goldin in einer bestimmten Phase mehr abgewinnen konnte als dem
avanciertesten Medienkunstwerk. Zugleich hätte es auch andersrum sein
können. Für mich hat es nie die fixe Zuordnung gegeben. Ein Stück weit
profitiert ein Unterfangen wie «agent-provocateur.ch» von dieser Offenheit,
indem wir sagen: Chris Niemeyer macht einen Werbefilm, und Andres Lutz
ist halt ein Künstler. Punkt. So what? Positionen sind individuelle Entscheidungen.
Wir sind die Eigner dieses Projektes in Stellvertretung der Initianten,
und versuchen, es unter die Leute zu bringen.
Transkription: Isabel Zürcher, Basel
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