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31.10.06
Kurzfilme einer alternativen «Volkskultur»
Villö Huszai

Das Film-Projekt «agent-provocateur.ch» besteht aus einer ständig anwachsenden Sammlung von um die 30 Sekunden dauernden Mini-Filmen. Das Hauptthema dieser «Kürzest-Filme» ist die Schweiz, aber durchaus mit Gewinn sprengen etliche Videos die redliche Enge dieses Themas. Produziert und distribuiert wird das Projekt von «Heller Enterprises». Villö Huszai stellt im folgenden das Projekt vor, im ebenfalls heute geladenen »Gespräch gibt Martin Heller nähere Auskunft.

Eine Band in einer Schweizer Bahnhofshalle. Die Frontmänner nicht mehr ganz jung, beleibt bis bullig; sie spielen brav, bedächtig bei der Sache. Doch trotz (oder gerade wegen?) dieser Biederkeit steckt Gefühl in ihrem Spiel, das Herz beginnt unmerklich zu schwingen, während die Kamera von der Frontalansicht langsam nach hinten gleitet, zum brilletragenden Keyboarder. Dort angekommen schwenkt die Kamera langsam nach vorne und dann auf einen Schlag weiss man, was man am halb zugekehrten Rücken eines der Männer im Grunde schon ein paar Sekunden vorher hätte ablesen können: eine Polizei-Band. Auf jedem Rücken steht das Wort in grossen Lettern!


«Europa» von Gianni Motti: Version PC, Version Mac

Nun gleitet die Kamera, noch einmal liebevoll von unten an den Männer-Massiven hinauffilmend, durch die Gruppe, dann, nach 45 Sekunden ist das Video «Europa» aus. Grosses Kino, grosse Gefühle, unvergessliche Enthüllung als Peripetie, schöner Ausklang und das alles auf kleinstem Raum. Und mit schwingt die Erinnerung an die kurze Zeit, als «the Police» die heisseste Rockband der Welt war, und in heftigen Arranements sehnsüchtige Regae-Rhythmen mit frischer, ja punkiger Wut aufmischte.

Gianni Mottis Film ist der Rezensentin zugegebenermassen noch immer der liebste, doch es ist bei insgesamt 152 Spots mittlerweile schwierig geworden, alle weiteren Lieblinge noch in einem Atemzug zu nennen. Das Video «Misswahl» von Caroline Breitenmoser, Mareike Porschberger, Isabel Huaman versteht es eindrücklich in Kombination mit Musik von Elvis Costello, Stimmung aufkommen zu lassen: Wenn die als Missen auftretenden Hühner-Damen dann am Schluss brutal verwandelt sind, ist es auch hier erreicht en miniature die Gefühle durchzuschütteln. Das Video «30 Sekunden Schweiz» von Chris Niemeyer & HC Vogel ist lakonisch, doch inszeniert präzise die bedrängende Frage, woher die Leute bloss das Geld für all das Blech haben, das unsere Strassen verstopft.


«Grossregionen im kleinen Massstab» von Mike Müller: Version PC, Version Mac

Als «Kürzest-Filme oder virale Videos, die mit einfachen Mitteln in kurzer Zeit produziert werden» stellt «Agent-provocateur» die Mini-Filmsammlung vor. Die Lizenz zur Einfachheit nimmt Mike Müller mit seinem Mini-Kabarett «Grossregionen im kleinen Massstab» ostentativ in Anspruch: Seine Inspektionsreise durch die Schweizer Grossregionen Wallis, Aargau oder Zürich beginnt beim Nordpol, als der ein Kühlschrank-Gefrierfach fungiert. Die Tour wird mittels einer Landkarte absolviert und endet bei demselben Gefrierfach, nun kurzerhand zum Südpol erklärt. Mittlerweile findet man auf der Website www.agent-provocateur.ch, die von Martin Heller, Juri Steiner und einem Team der Firma Heller Enterprises betrieben wird, über 150 Mini-Videos.

Natürlich überzeugen nicht alle jeden. Die Kürze kann auch ermüden: Das Standard-Timing der einzelnen Filme ist 30 Sekunden, womit Agent-provocateur sogar noch die im Rahmen der Schweizer Sendung «Sternstunden» ausgestrahlten Videos unterbietet. Und doch ist es immer wieder überraschend, wie viel Witz oder Engagement mit so wenig bewegtem Bild ausgedrückt werden kann. Heller und sein Team scheinen es darauf angelegt zu haben, mit Agent-provocateur systematisch neue Distributionsmöglichkeiten zu erkunden. Die eine Distributionsform bildet das Netz, in dem schon die ersten Videos von Anfang an frei verfügbar waren. Aufgrund ihrer Kürze sind die Spots für dieses Medium natürlich besser geeignet als herkömmliche Kunstvideos. Eine andere Distributionsform sind E-Boards, etwa dasjenige in der Zürcher Bahnhofshalle. Es wird aber auch E-Mail und Podcast zur Bewerbung eingesetzt, jeder Film lässt sich kommentieren, die Spots laufen in der Werbezeit in Kinos, namentlich im Zürcher RiffRaff – und nicht zuletzt wurden sie durch ein reales Automobil in Umlauf gebracht: An der diesjährigen Zürcher Langen Nacht der Museen und am Festival in Locarno liefen die Spots an der Rückscheibe eines alten Mercedes.


«I've Been Looking For Freedom» von Anna Luif: Version PC, Version Mac

Die Videos, die der Zürcher Zeichner Ingo Giezendanner 2005 für das Schweizer Fernsehen, genauer für die Kultursendung «Sternstunden» produzierte (siehe dazu unseren Artikel vom 26. September 06), sind zu einem festen Bestandteil von Giezendanners Bilder-Welt geworden und haben Giezendanners Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen und dem bewegten Bild vorangetrieben. Auch das Projekt «Agent-provocateur» kann Künstler in ihrer Auseinandersetzung mit dem bewegtem Bild fördern und allenfalls Zugangsschwellen senken. So findet sich zum Beispiel auch ein trashig gestalteter interventionistischer Beitrag des Umweltwissenschaftlers, Fotografen – und von clickhere.ch schon vorgestellten – «Medienkünstlers» Roman Keller («green-please verkaufen») unter den Filmautoren – nur den vielbeschworenen «einen Mausklick entfernt» vom dramaturgisch wohlgestalteten Beitrag « I've Been Looking For Freedom» der gestandenen Filmerin Anna Luif.

   
Projekt:

An den vom 8.-12. November stattfindenden »10. Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur ist agent-provocateur.ch in dreifacher Hinsicht präsent.

Zum ersten feiern zwölf neue Spots von Hanspeter Ammann, Katia Bassanini, Max Küng, Anna Luif, Marie Lusa, Rolf Lyssy, Léo Maillard (le flair), Körnerunion, Tobias Nölle, Kerim Seiler, Carmen Stadler und Andrea Staka Premiere.

Zum zweiten wird der 2. agent-provocateur.ch öffentliche Wettbewerb für Videospots lanciert.

Und zum dritten präsentiert agent-provocateur im Casinotheater Winterthur zwei Videoinstallationen mit einer exklusiven Auswahl von Spots, die 2006 produziert wurden.

Präsentation und Vernissage agent-provocateur.ch
Donnerstag, 9. November 2006l, 18.30 Uhr im Casinotheater Winterthur

Links:

Weitere im Text erwähnte Beiträge:
«Misswahl» von Caroline Breitenmoser, Mareike Porschberger, Isabel Huaman: Version PC, Version Mac
«30 Sekunden Schweiz» von Chris Niemeyer & HC Vogel Version PC, Version Mac
«green-please verkaufen» von Roman Keller: Version PC, Version Mac

»www.agent-provocateur.ch
»www.hellerenter.ch
»Unser Gespräch mit Martin Heller über das Projekt «agent provocateur»